Die Katze im Glockenturm

    Glosse8. Juni 2012, 09:00
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    Auf der dalmatinischen Insel Brač verbringe ich den besten Teil meiner Jugend - mit den Geschichten der alten Fischer und der Witwen von Fischern

    Mande, Witwe von Lamut, ist am schlimmsten dran. Von Lamut wird nichts gefunden, das man begraben kann. Doch Mande ist nicht nur traurig. Sie ist auch wütend auf ihren toten Mann. Denn das Unglück kommt nicht überraschend ...

    Immer, wenn der Jugo weht

    Am Ende des Frühlings gebiert die Sahara zum ersten Mal den Scirocco. Bis zum Herbst streift er auf seiner Reise nach Norden immer wieder als Jugo (Südwind) über die Insel Brač. Durch den Düseneffekt der Meerenge ist er bei Sutivan besonders stark und bringt das Meer zum Kochen. Die Alten sagen, mit diesem Wind komme Unruhe in die Köpfe schwermütiger, sensibler oder latent irrer Bračani. Lamut ist ein wenig von all dem und dazu ein latenter Alkoholiker. Wenn der Jugo kommt, besteigt Lamut mit vier, fünf Flaschen Wein sein Boot und legt ab.

    Lamuts Gajeta ist groß, aus gutem Holz gezimmert und fast hundert Jahre alt. Sein Großvater segelt sie, sein Vater baut einen Zweitakt-Diesel ein und sägt den halben Mast ab. Nun trägt der Maststummel nur das Sonnensegel. Mande nicht und auch keiner der Stivanjani weiß, was Lamut empfindet, wenn der Jugo einsetzt. Was er macht, weiß man hingegen sehr genau, weil die Skipper von Sutivan oft seinem Boot begegnen, wenn sie bei einsetzendem Jugo in den Hafen eilen. Seine Gajeta reitet mit dem Jugo nach Nord-West, die Pinne ist mit einem Seil fixiert. Lamut steht im Bugkasten, wie viele Jahre später DiCaprio auf der Titanic. Nur dass Lamut mit den Armen rudert, als ob er eine Möwe ist, die losfliegen will. Manche meinen zu hören, dass er dabei schreit oder vielleicht singt.

    Was alle Stivanjani jahrelang ahnen und wovor Mande ihren Lamut immer eindringlicher warnt, geschieht schließlich am Ende eines Sommers, kurz bevor die Septembergewitter anfangen. Seine zerborstene Gajeta wird Tage später auf der Insel Ciovo gefunden, Lamut gilt für fünf Jahre als verschollen, bis Mande ihn von Amts wegen für tot erklären kann. In Sutivan ist man überzeugt, dass Lamut aus dem Bugkasten fällt und ertrinkt, während seine Gajeta weiterfährt, bis der Diesel aufgebraucht ist. Aber vielleicht ist Lamut einfach nur endlich davongeflogen und kreist nun als Möwe über Sutivan ...

    Die Katze im Glockenturm

    So ist es immer gewesen: Wenn die übrigen Bračani einen Stivanjanin ärgern wollen oder ihm eine Geschichte nicht glauben, müssen sie nur einen Satz sagen. Er lautet: "Ja, ja! Die Katze im Glockenturm!" Und so ist es heute noch. Bloß, dass nur die Alten zornig werden. Die Jungen hingegen haben eine Katze aus Stein anfertigen lassen und sie stolz in den Glockenturm gesetzt.

    Die Bura (Bora) kommt zu allen Jahreszeiten und treibt große Wellen in den Hafen von Sutivan, weil die Hafenausfahrt nach Norden weist. Deswegen wachen die Fischer von Sutivan nachts, wenn die Bura besonders heftig ist, im Hafen und sind sprungbereit, falls eines der Boote losgerissen wird. Man hilft einander, man friert gemeinsam und man betet auch. Bei Bura sind Blitze selten, doch die Legende sagt, diesmal habe ein Blitz den Hügel hinter der Kirche des heiligen Johannes getroffen und den Schatten des Glockenturmes und einer riesigen Katze auf den Hafen von Sutivan geworfen. Für die gerade betenden Fischer jedoch ist soeben der Teufel in Gestalt einer Katze auf dem Glockenturm gelandet. Sie flüchten in ihre Häuser, viele verlieren in dieser Nacht ihr Boot.

    Am Morgen wagen es einige junge Stivanjani, den Glockenturm zu besteigen, wo sie eine frierende und verängstigte Katze finden. Zur Sicherheit wird die Katze noch am Vormittag verbrannt. Wenn heute Touristen nach der steinernen Katze im Glockenturm fragen, wird ihnen allerdings das traurige Ende der Katze aus Fleisch und Blut verschwiegen.

    Danke, Deutschland!

    Manchmal ist es der Wind des Krieges, der über die Insel der Hirsche zieht. Das Dorf Selca liegt im Süden von Brač und erhebt sich wie ein Balkon über das Dorf Sumartin. Beide haben eine lange Steinmetztradition und wetteifern darum, wer die besseren Steinmetze hat. Im Zweiten Weltkrieg landen die Alliierten zusammen mit den Partisanen in Sumartin und vertreiben die Wehrmacht, erst vor wenigen Jahren findet man die Überreste dreier deutscher Soldaten in einer Karsthöhle. Ein halbes Jahrhundert später jedoch will man in Selca und Sumartin den Deutschen danken. Einem ganz bestimmten Deutschen im Besonderen: Hans-Dietrich Genscher. Weil er bewirkt, dass die EG Kroatien anerkennt.

    Es bleibt abzuwarten, welche Legende sich im Laufe der Zeit aus dieser beabsichtigten Danksagung in Form eines Denkmals für Genscher unter den Bračani bilden wird. Dem deutschen Nachrichtenmagazin "Spiegel" jedenfalls sind die Ereignisse rund um die Dankbarkeit für Deutschland eine kleine Meldung im Panoramateil der Auslandspolitik wert. Denn weil man sich nicht einig ist, ob die Büste für Genscher traditionell aus Stein gemeißelt werden soll oder aus Bronze gegossen, bilden die Selcani und die Sumartinjani in dieser Frage unversöhnliche Fraktionen und stellen demonstrativ jeweils eine Büste aus ihrem bevorzugten Material auf. Eine Weile, so erzählen es die übrigen Bračani, sprengt man einander die Büsten nachts mit Dynamit aus dem Steinbruch, nur um einige Tage später erneut zwei Genschers aufzustellen.

    Wie der Konflikt letztlich gelöst wird, weiß man nicht so genau. Kaum möglich scheint es, dass den Selcani und den Sumartinjani das Dynamit ausgeht. Vielleicht gibt die Steinmetzfraktion einfach auf, um sich um den Niedergang des Steinbruchs zu kümmern, der bis heute die Gemüter in Selca und Sumartin spaltet. Heute steht in Selca im "Park der Dankbarkeit" neben Größen der kroatischen Geschichte eine Büste des Hans-Dietrich Genscher aus Bronze. Gleich neben der Bronzebüste für Alois Mock, wegen deren Gestaltung kein Streit ausbricht und kein Dynamit verschwendet wird.

    Winde, Schiffe und Dynamit

    Unter allen Winden, die über meine Insel wehen, liebe ich den Maestral (Mistral), der hier "Freund der Seeleute" genannt wird. Während der Jugo auch mich beunruhigt, weckt der Maestral das Fernweh und lässt mich nach weiten Reisen dürsten. Kaum eine Gajeta hat noch ein Segel, aber die größeren Bracere und Trabakuli werden wieder mit Segeln gefahren. Damit die Touristen grinsen. Mit Dynamit wird zurzeit kein Streit bereinigt, und dass die Fischer von Brač früher damit auch gefischt haben, ahnt man, wenn ein sehr alter Fischer seine dreifingerige Hand zum Gruß anbietet. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 8.6.2012)

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      Die Legende sagt, ein Blitz habe den Hügel hinter der Kirche des heiligen Johannes getroffen und den Schatten des Glockenturmes und einer riesigen Katze auf den Hafen von Sutivan geworfen.

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