Warum bei US-Drohnenangriffen kaum Zivilisten sterben

    7. Juni 2012, 10:00
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    Die Antwort: Weil alle Männer im wehrfähigen Alter von den USA als Kämpfer eingestuft werden, schreibt die "New York Times"

    Ein sauberer Krieg soll es sein. Einer ohne Blutvergießen, ohne Bodentruppen, ohne Rückschläge. Stattdessen präzise, unbemannt und effektiv. So hätten die USA gern ihre Drohnenangriffe in Pakistan und im Jemen wahrgenommen. Es würden nur Terroristen sterben, US-Soldaten sind nicht mehr in Gefahr.

    Unter Präsident Barack Obama haben diese Angriffe zugenommen, und, wie es scheint, auch mit Erfolg. Zumindest aufseiten der USA. Abu Yaha al-Libi, Al-Kaidas Nummer zwei, soll bei einem dieser Angriffe in den vergangenen Tagen ums Leben gekommen sein. 

    Alles Definitionsache

    So sauber und präzise, wie die USA das gern glauben machen würden, sind diese Angriffe laut einem Bericht der "New York Times" allerdings nicht. Dass die Zahl der getöteten Zivilisten offiziell so gering ist, hat eine andere Ursache. Wie der Ende Mai veröffentlichte Bericht über Obamas Anti-Terror-Politik beschreibt, ist vieles Definitionssache.

    Als "Militants" - also Kämpfer - gelten demnach in den US-Berichten über die Einsätze einfach alle Männer im wehrfähigen Alter, die sich im Gebiet des Drohneneinsatzes aufhalten. Es gibt aber auch eine Chance, nachträglich zum Zivilisten erklärt zu werden. Nachträglich heißt in diesem Fall: nach dem Tod. Dann könnte der Geheimdienst zu anderen Schlüssen kommen, die den bisherigen Kämpfer zum Zivilisten machen.

    Im Originaltext der Zeitung klingt das folgendermaßen: "It in effect counts all military-age males in a strike zone as combatants, according to several administration officials, unless there is explicit intelligence posthumously proving them innocent."

    Als Grund für dieses Zählweise nennen die Beamten im Anti-Terror-Einsatz pure Logik: Leute, die in einer Gegend unterwegs sind, die als Operationsgebiet von Al-Kaida bekannt ist, führen wahrscheinlich selbst nichts Gutes im Schilde. 

    Zahl der toten Zivilisten "einstellig"

    Damit wäre auch die niedrige Zahl der zivilen Opfer erklärt, mit der sich die USA gern schmücken. John Brennan, Anti-Terror-Berater Obamas, hat sich im vergangenen Jahr damit gebrüstet, dass innerhalb eines Jahres kein Nichtkämpfer bei den Drohnenangriffen ums Leben gekommen sei. Die "New York Times" zitiert einen weiteren nicht namentlich erwähnten Mitarbeiter Obamas, der behauptet, die Zahl der in Pakistan getöteten Zivilisten sei "einstellig".

    Es gibt zwar auch im Weißen Haus und im Geheimdienst CIA Kritiker dieser Vorgehensweise. Durchgesetzt haben die sich - vorausgesetzt, der Artikel der "New York Times" ist korrekt - bisher aber nicht. (Michaela Kampl, derStandard.at, 6.6.2012)

    • Protest gegen die Drohnenangriffe der USA in Multan, Pakistan, im Februar.
      foto: epa/mk chaudhry

      Protest gegen die Drohnenangriffe der USA in Multan, Pakistan, im Februar.

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Eine Predator-Drohne der USA. Hier der Link zum Colbert Report über die US-Drohnenangriffe.

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