Zum letzten Mal bis 2117: Die Venus zog an der Sonne vorüber

Beste Sicht auf Venusdurchgang in Wien - Das nächste Mal erst wieder in über hundert Jahren

Zehntausende Menschen haben am Mittwoch in der Früh fasziniert ein Himmelsspektakel verfolgt, das erst in 105 Jahren wieder zu sehen sein wird. Mit Schutzbrillen ausgestattet verfolgten sie die Passage der Venus vor der Sonne. Der Planet war zunächst in Amerika, Ostasien, Australien und Neuseeland als keiner schwarzer Punkt vor der riesigen Sonnenscheibe zu sehen.

Wenige Minuten nach Sonnenaufgang um 4.55 Uhr war das Schauspiel auch in Wien zu beobachten - es herrschte hervorragende Sicht. Die Venus befand sich genau zwischen Sonne und Erde und zeichnete sich deutlich als kleine schwarze Scheibe im oberen Drittel der Sonne ab. Rund eineinhalb Stunden lang, bis kurz vor 7 Uhr, konnte man sehen, wie unser Nachbarplanet über die Sonnenscheibe zog.

"Das letzte Mal in unser aller Leben", sagte der Wiener Astronom und Volksbildner Hermann Mucke unter Hinweis darauf, dass der nächste Venusdurchgang erst wieder in 105 Jahren stattfinden wird. Auf der Aussichtsplattform des Flakturms im Esterhazypark in Wien-Mariahilf hatte Mucke gemeinsam mit Dutzenden Mitgliedern des Wiener Astronomischen Vereins und Interessierten den erhöhten Standort genutzt, um einen guten Blick auf die noch tief stehende Sonne zu bekommen. Mit Teleskopen und Kameras, abgeschirmt mit Spezialfolie, sowie mit Sonnenfinsternisbrillen und unter Anleitung und Kommentaren beobachteten und dokumentierten sie das seltene Himmelsschauspiel.

Voller Verlauf von Arktis bis Australien zu sehen

Den vollen Verlauf konnte man diesmal nur im westlichen Pazifik, in Ostasien, der östlichen Hälfte Australiens und in der gesamten Arktis beobachten. Das kosmische Schauspiel begann für Beobachter in Amerika am Abend (Mitternacht MESZ) und wurde von Astronomie-Begeisterten in wolkenfreien Gegenden in Nord- und Mittelamerika sowie im nördlichen Teil Südamerikas verfolgt. In zahlreichen Universitäten und Observatorien wurden dazu Leinwände aufgestellt und Vorträge gehalten

In der philippinischen Hauptstadt Manila verzogen sich Dunstschwaden kurz nach Sonnenaufgang und machten einen klaren Blick auf die Sonne frei. In Melbourne hatten sich Regenwolken kurz vor Sonnenaufgang aufgelöst. In zahlreichen Städten hatten astronomische Gesellschaften öffentliche Beobachtungsstationen eingerichtet. In Manila standen in einem Park zehn Teleskope bereit. "Wir haben Glück, in einen Zeitalter geboren zu sein, wo wir dies beobachten können", sagte der Direktor des philippinischen Instituts für Astronomie, Armando Lee. Er hatte extra seinen sechsjährigen Sohn mitgebracht, um das in seinem Leben einmalige Phänomen zu sehen.

In Hongkong hatten sich tausende Menschen freigenommen, um Venus vor der Sonne zu beobachten. Das Weltraummuseum stellte Teleskope für die Öffentlichkeit auf. "Chinesen sind immer schon an solchen Himmelsphänomenen besonders interessiert gewesen", sagte Chau Hoi Fung, Astrophysiker an der Universität von Hongkong. "Wir haben sehr detaillierte Aufzeichnungen. Die chinesischen Kaiser glaubten früher, dass ihre Herrschaft von den Sternen vorbestimmt ist."

Schreckmoment nach Computerpanne

Die Astronomische Gesellschaft im australischen Bundesstaat Victoria war begeistert. "Wir dachten zuerst, es wird schwierig, aber dann wurde der Himmel wie auf Kommando klar, die Sonne ging auf und Venus begann vorbeizuziehen", sagte Sprecher Perry Vlahos Reportern in Melbourne.

Für einen kurzen Schreckmoment sorgte nicht wie ursprünglich angenommen ein Bagger, sondern eine Computerpanne, die fast eine Liveübertragung der US-Weltraumbehörde NASA ruiniert hätte. Die australische Telekom Telstra machte zunächst einen Baggerfahrer verantwortlich, der nördlich von Alice Springs in Australien versehentlich ein Kabel beschädigt hatte. Wie sich später herausstellte, beeinträchtigte das die Übertragung aus der Centralian Middle School in Alice Springs aber nicht, teilte Telstra mit.

"Eine kleine Computerpanne, das war in zehn Minuten repariert", berichtete Lehrer Matt Scoss aus der Schule in Alice Springs. "Da ist nichts unterbrochen worden." Die NASA übertrug die Bilder aus Alice Springs im Zentrum Australiens auf ihrer Webseite, weil das Himmelsphänomen von dort besonders gut zu beobachten war. Sie hatte sich dafür in der Centralian Middle School eingerichtet.

Hundertjährige Pausen

Die Venuspassage dauert mehr als sechs Stunden. Ein Venustransit findet nur etwa 20-mal pro Jahrtausend statt. Der Grund für die Seltenheit ist die Bahnebene der Venus, die um mehr als drei Grad gegenüber jener der Erde geneigt ist. Deshalb zieht die Venus - von der Erde aus gesehen - meist oberhalb oder unterhalb an der Sonne vorbei. Nur wenn die Venus (Umlaufzeit um die Sonne: 225 Erdentage) die Erde (Umlaufzeit: 365 Tage) ganz nahe an der Schnittlinie der beiden Bahnebenen überholt, kann es zu einem Venusdurchgang kommen.

Wegen der komplizierten Planetenbewegungen ergibt sich ein eigenartig anmutender Rhythmus: Die Venusdurchgänge finden meist paarweise im Abstand von acht Jahren statt, dann ist wieder eine Pause von mehr als 100 Jahren. So war der letzte Venusdurchgang 2004 zu sehen, der nächste lässt bis 2117 auf sich warten, wird allerdings von Mitteleuropa aus nicht zu sehen sein, weil hier zu dieser Zeit gerade Nacht sein wird. (APA/red, derStandard.at, 6.6.2012)

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