Mit dem Ohr am Baum

5. Juni 2012, 21:56
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Stefan Mayr erforscht Wassertransport und verstopfte Leitungen in Bäumen

Pflanzen müssen schwitzen, um nicht zu verhungern. Die Spaltöffnungen in den Blättern werden geöffnet, um Kohlendioxid für die Fotosynthese aufzunehmen, und dabei geht Wasser verloren. Die Transpiration verursacht bei hochgewachsenen Pflanzen außerdem einen enormen Sog, über den sie ihre Gewebe versorgen - ähnlich einem Pumpmechanismus, der Wasser nachliefert.

Solchen Fragen rund um den Wassertransport in Bäumen widmet sich Stefan Mayr seit 2004 mit seiner Forschungsgruppe Ökophysiologie an der Uni Innsbruck. Wie in menschlichen Blutgefäßen wirken sich Blockaden in den pflanzlichen Leitbahnen, also Embolien, fatal aus. Trockenstress sowie Frost und Tauwetter können zur Bildung von Luftblasen führen und den Wassertransport unterbrechen.

2010 wurde der Dozent, nach vielen Jahren auf einer halben Stelle, rasch zum Professor ernannt. Sonst wäre er wohl dem verlockenden Ruf an die Wiener Uni für Bodenkultur gefolgt. 2012 wurde er für seine Forschungsarbeiten mit dem Liechtenstein-Preis für wissenschaftliche Forschung gewürdigt.

Wegen ihres (störend) hohen Harzgehalts werden Nadelhölzer von manchen Physiologie-Fachleuten regelrecht gemieden. Mayrs Forschungsgruppe hat sich in dieser Nische etabliert. Ihre Mitglieder sind geländegängig, drittmittelfinanziert und lassen sich von einem klebrigen pflanzlichen Sekundärstoff nicht abschrecken. Im Mittelpunkt laufender Forschungsprojekte stehen Schutzmechanismen bei Nadelbäumen an der Waldgrenze und Apfelbäumen in Obstgärten sowie die Funktion interner Wasserspeicher für Trockenperioden und Mechanismen zur Reparatur von Embolien.

"Je besser man ,seine' Organismen kennt, desto tiefere Einblicke gewinnt man in ihre Lebensprozesse", sagt der 43-jährige Botaniker, der Bäume auch "abhört". Ein Abreißen der Wasserversorgung durch Embolien kann mit Ultraschallsensoren detektiert und hörbar gemacht werden. Die Fichte kennt Stefan Mayr inzwischen sehr gut. Sie reagiert auf Trockenstress relativ empfindlich und hat in einigen Gebieten Europas mit den klimatischen Veränderungen zu kämpfen. "Trotzdem wird die Fichte in alpinen Landschaften auch in den kommenden Jahrzehnten noch eine typische Baumart bleiben", sagt der Forschungsgruppenleiter.

Parallel zur seiner universitären Tätigkeit machte sich der Innsbrucker vor einigen Jahren mit einem Büro für Landschaftsplanung selbstständig. Nebenbei knüpfte er mit Kurzaufenthalten im Ausland ein weit verzweigtes Netzwerk, das von Australien über Kanada, die USA, Spanien oder Frankreich bis nach Italien reicht.

Wissenschaft ist für ihn ein Selbstläufer: "Jede Erkenntnis birgt neue Fragen." Stark in der Grundlagenforschung verankert, hat er über Publikumsmedien auch immer wieder die breite Öffentlichkeit im Visier: "So manche vermeintlich naive Frage hat mir nicht nur Kopfzerbrechen, sondern auch Ideen für neue Forschungsansätze eingebracht."

Dabei kommt dem Botaniker entgegen, dass er seine komplexe Fachmaterie selbst humorvoll illustrieren kann. Sein Cartoon "How to do Plant Science" in der renommierten Zeitschrift Trends in Plant Science erlangte auch in Fachkreisen große Bekanntheit. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 6./7.6.2012)

  • Stefan Mayr illustriert mit Cartoons sein Fachgebiet.
    foto: privat

    Stefan Mayr illustriert mit Cartoons sein Fachgebiet.

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