Auf der Suche nach der Dynamik vergangener Jahre

5. Juni 2012, 21:26
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Fünf Milliarden Euro braucht die Forschung - Die Ministerien zeigen sich dennoch vorsichtig optimistisch - Der Rat will mehr Forschungsprämie für Start-ups und weniger für etablierte Unternehmen

Ein Sportler, der immer guter Durchschnitt ist, aber nie gewinnt, wird sich die Sinnfrage stellen müssen. Und den Hut draufhauen oder sich doch noch mehr anstrengen als bisher, um den letzten, entscheidenden Schritt zur Spitze zu schaffen. Die Frage ist nur, ob er neben Talent und Kraft dafür nicht auch die Trainingsmethoden ändern müsste, wenn er das Ziel wirklich erreichen will. Die Situation der österreichischen Forschungsförderung ist ganz ähnlich, sagt der Innovationsökonom Andreas Schibany von Joanneum Research.

Nach jahrelangen Investitionsschüben in Forschung und Entwicklung (F&E) und der Ausweitung der unternehmensbezogenen Forschungsförderung hat man es ins obere Mittelfeld im "Innovation Union Scoreboard" geschafft. Dort, wo sich einige Länder tummeln, die alle eine ähnliche Innovationsperformance aufweisen. "Es bedarf neuer Impulse und Dynamiken sowie erhöhter Risikobereitschaft, um den Sprung in die obere Liga zu schaffen; die bloße Erwähnung unrealistischer Quotenziele hilft dabei herzlich wenig", sagt Schibany.
Stagnation im Mittelfeld

Ob das derzeitige F&E-Training des Sportlers Österreich zum Ziel Spitzenplatz führt, bezweifelte kürzlich der Rat für Forschung und Technologieentwicklung. Ratsvorsitzender Hannes Androsch sprach, wie berichtet, von einer "Stagnation im Mittelfeld" und der verlorengegangenen Dynamik der Jahre 2000 bis 2008. Schließlich habe man sich das ambitionierte Ziel gesetzt, im Jahr 2020 nicht weniger als 3,76 Prozent des BIPs für Forschung und Entwicklung auszugeben. "Die politischen Absichten" würden nur unzureichend mit den Umsetzungsmöglichkeiten korrelieren, sagte Androsch bei der Präsentation des Berichts zur wissenschaftlichen und technologischen Leistungsfähigkeit Österreichs. Derzeit liegt man mit 2,8 Prozent Forschungsquote immerhin auf Platz fünf der EU-27, aber eben noch deutlich hinter dem vorgegebenen Ziel.

Um das zu erreichen, müssten noch einmal fünf Milliarden flüssig gemacht werden, räumt Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner ein. Mit der Analyse Androschs konnten er und die beiden anderen für Forschung zuständigen Minister Doris Bures (Infrastruktur) und Karlheinz Töchterle (Wissenschaft) natürlich nichts anfangen. Die Ausgaben für F&E würden 2012 mit 8,61 Milliarden Euro immerhin um 4,2 Prozent über jenen des Vorjahres liegen, betonten sie bei der Präsentation des alljährlichen, von Andreas Schibany koordinierten Technologieberichts.

Mehr Geld vom Bund

Dabei gab vor allem der Bund mehr Geld aus - um immerhin 8,47 Prozent. Der Unternehmenssektor verzeichnet einen Zuwachs von 2,18 Prozent. Das ist zwar weniger als 2011 (5,28 Prozent) und weniger als in den "dynamischen Vorkrisenjahren", wie es im Technologiebericht heißt. Die Krisenjahre 2008-2010 mit einem F&E-Wachstum von 0,61 Prozent jährlich seien aber offenbar überwunden.

Der in der Forschungsstrategie geäußerte Wunsch, den Finanzierungsanteil der öffentlichen Hand bis 2020 auf 30 Prozent zu reduzieren, rückt dadurch aber nicht wirklich näher. Derzeit trägt der Unternehmenssektor 62 Prozent. Mitterlehner sieht die Notwendigkeit, den Betrieben noch mehr Anreize zu bieten. Bis 2020 sollen noch einmal 25 Prozent mehr Unternehmen zur Forschung geführt werden - unter anderem mit Förderinitiativen wie dem Innovationsscheck.

Der Wirtschaftsminister lobte in diesem Zusammenhang vor allem die Erhöhung der Forschungsprämie von acht auf zehn Prozent. Dadurch kommen heuer wahrscheinlich 450 Millionen Euro zur Auszahlung, um 100 Millionen mehr als im vergangenen Jahr. Für die Förderagentur FFG, die 2011 insgesamt 406 Millionen Euro vor allem für industrienahe Forschung auszahlen konnte, kündigte er immerhin eine moderate Steigerung an.

Insgesamt ist Österreich zumindest bei den Ausgaben der öffentlichen Hand für forschungtreibende Unternehmen im Spitzenfeld. Die Förderquote liegt bei elf Prozent und wächst weiter, während die der Innovation-Leader, zu denen Österreich aufschließen will, sinkt, wie es im Technologiebericht heißt (siehe Grafik oben). Schweden und Deutschland bieten zum Beispiel keine steuerliche Förderung für Unternehmen an. In Österreich soll die FFG in Hinkunft jeden Antrag nach inhaltlichen Kriterien prüfen.

Geld für Jungunternehmer

Auch der Bericht des Forschungsrates geht auf das Thema Forschungsprämie ein: Hier heißt es, dass eine Erhöhung dieser steuerlichen Begünstigung allein nicht zum Ziel führen würde, die Forschungsquote auf 3,76 Prozent zu erhöhen. Man müsste auch die Rahmenbedingungen verbessern. Dazu zählt laut einer konkreten Empfehlung im Ratsbericht auch, dass junge Unternehmer am Start mehr Forschungsprämie erhalten sollten als etablierte. Das heißt: mehr Geld für Start-ups, die ein Forschungsprojekt verfolgen, weniger für Infineon oder andere hierzulande ansässige Großunternehmen.

Die Kritik des Rates betraf aber nicht nur die finanzielle Ausstattung der Industrie-, sondern auch jene der Grundlagenforschung - hier herrscht eine notorische Unterdotierung. Töchterle verwies bei der Präsentation des Technologieberichts auf ein Wachstum zwischen 2002 und 2009, forderte aber auch mehr Gewicht auf der Grundlagenforschung. Der Finanzierungsanteil des Bundes sei mit 89 Prozent sehr hoch. Hier bräuchte man mehr private Geldgeber.

Gewicht auf Grundlagen

Der ehemalige Rektor der Universität Innsbruck glaubt an eine moderate Budgetsteigerung für den Wissenschaftsfonds FWF (derzeit 195,2 Millionen Euro) und hob die positive Performance in Österreich aktiver Forscher beim Einwerben von Grants des European Research Council (ERC) hervor.

Viele Wissenschafter würden damit ins Land kommen. Dem widerspricht ein Ranking des Forschungsrats, welches dieser gemeinsam mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo erstellt hat: Hier belegt Österreich nur den 13. Platz, wobei finanzielle Aspekte dafür nicht ausschlaggebend sein sollen. Im Bericht werden das Forschungsumfeld, eine unzureichende Infrastruktur und die kaum vorhandene Möglichkeit, mit Spitzenwissenschaftern zusammenzutreffen, ins Treffen geführt.

Der Rat kritisiert aber auch die geringe Anzahl an Doktoranden und Doktorandinnen aus Nicht-EU-Ländern. Laut Wissenschaftsministerium seien im Wintersemester 2010/2011 nur 2631 Forscher aus diesen Staaten im heimischen Hochschulsystem vertreten gewesen.

Ein Befund, der dem internationalen Hochschulstandort Österreich wahrlich kein gutes Zeugnis ausstellt. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 6./7.6.2012)

  • Grafik: Finanzierung der Unternehmens-F&E durch die öffentliche Hand
    grafik: der standard

    Grafik: Finanzierung der Unternehmens-F&E durch die öffentliche Hand

  • Grafik: Die attraktivsten Länder für ForscherInnen
    grafik: der standard

    Grafik: Die attraktivsten Länder für ForscherInnen

  • Grafik: Entwicklung der F&E in Österreich nach Finanzierungssektoren
    grafik: der standard

    Grafik: Entwicklung der F&E in Österreich nach Finanzierungssektoren

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