Physikunterricht aus der Hölle

5. Juni 2012, 21:07
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Wie ein Quantenphysiker Elfjährigen eine Flamme erklärt und damit alle aussticht

Ein weißbärtiger alter Gnom steht gefesselt an einer Wand, die Augen ängstlich aufgerissen angesichts des Meeres an Flammen, das ihn umgibt. Da taucht eine launige Stimme aus dem Off auf, die sich als Wissenschafter vorstellt. "Ich bin gekommen, um deine Situation zu verbessern", sagt er. "Es muss eine Qual sein, nicht zu wissen, was Flammen sind."

Bevor der verzweifelte alte Herr etwas erwidern kann, beginnt die Stimme schon mit der Erklärung. Illustriert durch knallig bunte Bilder führt der Trickfilm in siebeneinhalb Minuten von der Kerze auf einem Cupcake zurück in ein flammendes Inferno. Begleitet von heiteren Klängen zerfällt die Flamme in Atome aus Legosteinen, die sich prügeln und jede Menge Reaktionen hervorrufen. Unterhaltsamer kann man kaum erklären, wie Feuer und sein Farbenspiel zustande kommen - ohne dabei auf sperriges Fachvokabular wie Oxidation, Pyrolyse und Chemilumineszenz zu verzichten.

Das dachte jedenfalls die Jury von Elfjährigen aus 131 Schulen rund um die Erde, die befand, dass der Clip von Ben Ames die Frage "Was ist eine Flamme?" am besten beantwortet. Der 31-jährige Ames, Doktorand in der Quantenphysikergruppe um Rainer Blatt an der Universität Innsbruck, gewann somit die "Flame Challenge" und stach dabei 822 internationale Beiträge aus. Die Preisverleihung fand letztes Wochenende beim World Science Festival in New York statt. Initiiert wurde der Flammenbewerb vom Wissenschaftsvermittler und US-Schauspieler Alan Alda (bekannt durch die TV-Serie M*A*S*H), der Anfang März im Fachblatt Science dazu aufgerufen hatte, die Neugier von Elfjährigen besser zu stillen.

Innerhalb einer guten Woche kreierte Ames das Video in Eigenregie - vom Text über die Animation bis zur Musik. "Ich habe in dieser Zeit nicht mehr als vier Stunden geschlafen", räumt er ein. Künstlerische Qualitäten eignete sich der in Kansas City aufgewachsene Sohn einer Balletttänzerin schon früh an: Als jüngstes von acht Kindern wuchs er mit Musik auf, spielte Klavier, Gitarre und Theater. Sein Studium finanzierte er sich als Grafikdesigner.

"Als Kind wollte ich immer Erfinder werden", erzählt Ames, der heute die Wechselwirkungen von Atomen und Licht erforscht. Am aufregendsten an der Wissenschaft findet er, dass neue Entdeckungen immer auch mehr Selbsterkenntnis bringen. Für Erwachsene genauso wie für Kinder. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 6./7.6.2012)

  • Ein Höllenspaß: Der Clip von Ben Ames, Quantenphysiker aus Kansas City in Innsbruck, gewann die "Flame Challenge".
    foto: ben ames

    Ein Höllenspaß: Der Clip von Ben Ames, Quantenphysiker aus Kansas City in Innsbruck, gewann die "Flame Challenge".

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