Medusa: Spiegel vorhalten

8. Juni 2012, 17:46
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Slowakische Gastroprofis haben sich am wohl teuersten Restaurant-Standort Wiens auf 800 Quadratmetern eingerichtet.

Die Miete, die für das dreigeschoßige Großrestaurant am Neuen Markt (Ex-"Barbaros") kolportiert wird, will kein Beteiligter offiziell bestätigen. Deshalb nur so viel: Die neue Unternehmung wird ganz verdammt gut gehen müssen, um die vielen Nullen hinter der ersten Ziffer allmonatlich wieder hereinzuspielen. Es ist aber davon auszugehen, dass die Betreiber wissen, worauf sie sich eingelassen haben: In Bratislava haben sie nicht weniger als 23 Restaurants, Clubs und Kantinen - rechnen hat man da wohl zwangsläufig gelernt.

An sich ist zu begrüßen, dass die in Biedersinn erstarrte Wiener Restaurantszene frische Energie von außen erhält. An die Slowakei aber dachten da wohl wenige. Anderseits: Wien schwimmt in Ost-Geld, es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich die geschätzten Nachbarn auch passende Lokalitäten schaffen. In Kitzbühel regt derlei kaum noch jemanden auf.

Was das junge Herz begehrt

Dem Trubel der ersten Tage nach zu schließen, hat das Medusa genannte Mittelding aus Lounge, Restaurant und Tanzclub durchaus einen Nerv beim Publikum getroffen. Die diffus an Kolonialzeiten erinnernde Einrichtung mit viel Leder, Eiche, Messing und, ganz wichtig, Spiegeln an den Wänden bietet alles, was junge Herrschaften wünschen, um ihr junges Geld zu genießen. Im Keller wird getanzt, im ersten Stock lungern dicke Ledersofas vor den Fenstern, aus denen sich das Sightseeing über den Neuen Markt kommod erledigen lässt: Für gehfaule Wien-Touristen nachgerade ideal - kein Wunder, dass die bereits einen Gutteil der Gäste stellen.

Klar gibt es eine Bar, in der sirupdicke Drinks gerührt werden. Die offene Küche ist riesig, was angesichts der Speisekarte, einem Mix aus japanoiden und französelnden Kreationen sowie seitenweise Pasta- und Risotto-Gerichten, durchaus angebracht erscheint. Das Essen selbst ist professionell gemacht, guten Geschmack darf man sich freilich nicht erwarten - der wäre angesichts der akribisch an den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts orientierten Fusionsküche aber auch fehl am Platz. 

Abenteuerlustige Speisen

Bruschetta mit "getrocknetem Schweinefleisch" erweist sich als Toast mit Schinkenspeck - didaktisch nicht falsch, aber doch irgendwie weniger spannend als erhofft. Es gibt natürlich Tunfisch zur Vorspeise, mit fruchtig süßem Papaya-Cashew-Salat, wie auch zur Hauptspeise (in, siehe Bild, leider labbriger Tempura-Hülle auf Wasabi-Erdäpfelpüree und Shitake-Pilzen). Es gibt Carpaccio vom Kabeljau mit Limettenöl und Maracuja-Mousse, was in der Kombination eher unvorteilhaft an Fa Tropic oder ein ähnlich abenteuerlustiges Duschgel erinnert. Es gibt aber auch ein Flank-Steak mit Trüffelerdäpfeln, das sich vor den Steakköchen der Stadt ganz und gar nicht verstecken muss. Die Pasta sollte wenn möglich gemieden werden. (Severin Corti, Rondo, DER STANDARD, 08.06.2012)

Medusa Restaurant & Club
Neuer Markt 8
1010 Wien
Tel.: 0676/605 72 86
Küche tgl. 11-23.30 Uhr
VS €4,70-16,80 HS €8,70-28,80

  • Nach Bratislava hat nun auch Wiens Innenstadt ein Medusa - das durchaus nicht unprotzige Lokal hat sich über drei Geschoße am Neuen Markt ausgebreitet.
    foto: heribert corn/www.corn.at

    Nach Bratislava hat nun auch Wiens Innenstadt ein Medusa - das durchaus nicht unprotzige Lokal hat sich über drei Geschoße am Neuen Markt ausgebreitet.

  • Tunfisch in Tempurahülle.
    foto: heribert corn/www.corn.at

    Tunfisch in Tempurahülle.

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