Barfuß im Büro

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    foto: ap/ markus schreiber

Dem Hallux vorbeugen und beim Interview die Pumps abstreifen, oder sich verwundbar machen?

Pro: Lange Zeit schöne Füße
Von Thomas Trenkler

Kulturministerinnen haben mitunter seltsame Umgangsformen. Die eine orderte beim Dinner nach der Eröffnung der Biennale in Venedig geriebenen Parmesan - für ihre Pasta mit Muscheln. Und eine andere streifte beim Interview die Pumps ab: Wohlig spreizte sie ihre Zehen. Da mögen manche die Nase rümpfen. Aber warum soll sich frau nicht ihres Schuhwerks entledigen?

Etwas mache keinen schlanken Fuß, sagt man. Um der Idealvorstellung nahezukommen, quetschen die Damen ihre Füße also in Schuhe, die Deformationen geradezu nach sich ziehen müssen: mit Wahnsinnsabsätzen und spitz zusammenlaufenden Kappen. Die Folgen sind die Hammerzehe und der Hallux valgus, die Schiefstellung der zumeist großen Zehe samt einem geröteten "Frostballen".

Was tun? Die Antwort lautet, wie auch Wikipedia weiß: "Wer viel barfuß läuft, hat dadurch meist schöne Füße mit glatter Haut und geraden Zehen." Lasst also die Damen barfuß herumlaufen. Auch im Büro. Damit wir uns an ihren schönen Füßen und Beinen noch lange ergötzen können.

 

Kontra: Bloß- und tramhappert
Von Sigi Lützow

Wer sich nicht dem Ruch aussetzen will, mehr als nur in einer Hinsicht bloßfüßig zu sein, sollte sich des barfuß Einherschreitens und Sitzens im Büro enthalten. Ganz abgesehen von den hygienisch und möglicherweise auch olfaktorisch fragwürdigen Umständen einer solchen Zurschaustellung, hieße sie auch, das eigene Ansehen und die allgemeine Schicklichkeit mit nackten Füßen treten.

Im Büro, dieser Bühne für den täglichen Auftritt von Talenten und Kompetenzen, machen sich Barfüßige zusätzlich verwundbar, und nicht nur wenn sie nach tatsächlichen oder auch lediglich unterstellten Verfehlungen Gefahr laufen, dass man ihnen auf die Zehen steigt. Gutes Schuhwerk, mit Stolz und Vergnügen getragen, signalisiert Stil, Beständigkeit und Respekt vor anderen und sich selbst. Sich seiner Schuhe zu entledigen nährt dagegen den Verdacht, man sei zu blöd oder zu eitel, um sich auch im Alltag dauerhaft Komfort zu verschaffen. Bloßhappert und tramhappert, das klingt nicht von ungefähr verdammt ähnlich. (Rondo, DER STANDARD, 8.6.2012)

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