Weiße Elefanten in Europa

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Was auch für Neuwagen gilt, gilt für nicht wenige der anlässlich von Welt- oder Europameisterschaften errichteten Fußballstadien - im Moment der Inbetriebnahme vermindert sich ihr Wert drastisch. Eine Wertsteigerung mit den Jahren ist ausgeschlossen. Während aber selbst das strapazierteste Auto einen gewissen Restwert behält, verursachen gebrauchte Stadien nur noch Kosten, die schnell die ursprünglichen Errichtungskosten übersteigen können.

Nachnutzungskonzepte interessieren den europäischen Verband Uefa und den Weltverband Fifa nur in Ausnahmefällen, etwa dann, wenn bizarre Entscheidungen zu rechtfertigen sind. So wurde die Vergabe der WM 2022 an das Emirat Katar, das bei einer Fläche, die nicht ganz jener Oberösterreichs entspricht, neun Stadien neu errichtet und drei ausbaut, unter anderem auch damit gerechtfertigt, dass ein Teil der Arenen nach der WM wieder abgebaut und an bedürftige Länder verschenkt wird.

Portugal würde sich ein derartiges Geschenk energisch verbitten. Der Gastgeber der EM 2004 (Titel an Griechenland!) trägt schwer an den Altlasten jenes äußerst stimmungsvollen Sommers. So schwer, dass die Pläne immer konkreter werden, nicht mehr benötigte Stadien, in denen nur noch tatsächlich zweitklassige oder bestenfalls zweitklassige erstklassige Vereine spielen, einfach abzureißen und so die Betriebskosten einzusparen.

Diese können erheblich sein. Österreichs angeblich schönstes, aber mit Sicherheit unnötigstes Fußballstadion, das Wörthersee-Stadion zu Klagenfurt, schlägt diesbezüglich Jahr für Jahr mit zumindest 500.000 Euro zu Buche - ohne Bespielung wohlgemerkt. Ungeachtet der mäßigen bis inexistenten Nachnutzung des Schauplatzes von drei Spielen der EURO 2008 steht nun fest, dass über die Baukosten von rund 50 Millionen Euro hinaus dank eines Fördervertrages mit dem Bund nochmals 15,5 Millionen in die Fertigstellung der 30.000er-Schüssel investiert werden.

Als eher verschwendet dürfen auch die ins Innsbrucker Tivoli investierten Millionen gelten, während der einzige Stadion-Neubau, der für die EM 2008 zu rechtfertigen gewesen wäre, in Wien nämlich, unterblieben ist. Die Arena in Salzburg beherbergt mit Red Bull wenigstens einen Klub mit Finanzpotenzial, ein Anknüpfungspunkt zum aktuellen EM-Stadion im ukrainischen Charkiw, das jedoch der Besitzer des dort ansässigen Klubs Metalist zum größten Teil selbst finanzierte.

Mehr als zwei Milliarden Euro haben Polen und die Ukraine in die acht Spielstätten für die am Freitag anhebende EM investiert, einige wie die 220 Millionen teure Arena in Lemberg, das 190-Millionen-Oval in Danzig oder das 210-Millionen-Ding in Breslau sind, abgesehen von ihren jeweils drei bis vier EM-Spielen, völlig am Bedarf vorbei gebaut.

In Südafrika nennt man solche Investmentruinen Weiße Elefanten. Davon hat man seit der WM 2010 einige, die im Schnitt jährlich je zwei Millionen Euro an Betriebskosten fressen. Angesichts der Armut im Land ist das eine doppelt bittere Hinterlassenschaft von König Fußball, der kaum wo auch im Alltag derart ausdauernd gefeiert wird wie in Deutschland. Weshalb die für das WM-Sommermärchen 2006 geschaffene Stadien-Infrastruktur auch als einziges positives Gegenbeispiel gilt. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 6./7. Juni 2012)

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foto: reuters

Die Baltic Arena bietet Lech Danzig mehr als doppelt so viele Plätze, wie der Klub im Schnitt braucht.

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