Paare, Passanten, Polizisten

5. Juni 2012, 17:34
  • Polizistenpärchen am Schwedenplatz: Franziska Hackl und Christoph 
Rothenbuchner. 
    foto: pelekanos

    Polizistenpärchen am Schwedenplatz: Franziska Hackl und Christoph Rothenbuchner. 

Paulus Hochgatterers Stück "Makulatur" - über sieben Menschen, die der Schwedenplatz zusammenführt - gewinnt in der Uraufführung durch die Komik im Spiel

Wien - Verkehrsknotenpunkte wie der Schwedenplatz sind Schauplätze eigentümlicher Begegnungen. Elendslange Treppen führen hinab zu den Bahnsteigen, auf Geschäftsbereiche folgen Verweilzonen. Und auch dahinter ist man geschäftig. Etwa in Polizeistuben, in denen die Monitore der Überwachungskameras stehen. Kein schlechter Ausgangspunkt für ein Drama.

Paulus Hochgatterers Wien-Stück Makulatur nimmt sieben Menschen, die die große Wiener U-Bahn- und Straßenbahnstation zusammenführt, unter die Lupe. Und der Autor wäre im Zweitberuf nicht Psychiater, hätte er nicht bei jedem von ihnen einen mehr oder weniger gravierenden Spleen ausfindig gemacht.

Treppauf, treppab eilen die Passanten quer über drei Podestebenen und vorbei an Monitoren auf der Schauspielhaus-Bühne (Damian Hitz), wo Makulatur als Festwochen-Koproduktion seine Uraufführung hatte: Der Chirurg Jablonski (Steffen Höld) kommt regelmäßig hierher, um Menschen zu beobachten; das Mädchen Kerstin (Nikola Rudle) kauft Zigaretten bei der einarmigen Trafikantin (Katja Jung), die gewohnheitsmäßig überfallen wurde; das Polizistenpärchen (Franziska Hackl und Christoph Rothenbuchner) registriert das mit Gelassenheit; und ein Elternpaar sucht wirsch sein Kind (Kerstin).

Komik vor Tragik

In Windeseile klopft Regisseurin Barbara-David Brüesch die Szenen weich. Komik geht vor Tragik - und fast wie beiläufig erblühen dabei die oft berufsbedingten Macken dieser sieben Wienerinnen und Wiener. Wäre Hochgatterer ein Bildhauer, man könnte den Staub seiner Figuren noch riechen. Denn was hier anfangs noch als der ganz persönliche "Vogel" eines Einzelnen erscheint, könnte im nächsten Schritt schon der Tritt in den Abgrund sein. Diese schwebende Ahnung ist über die witzige Akkuratesse hinaus der Herzschlag des Stücks.

Das Mädchen etwa, das seinen Eltern gegenüber erfolglos über Beinschmerzen klagt, wird den Chirurgen am Schwedenplatz aufsuchen, um das, was an ihrem Körper nicht zu ihr gehört, abschneiden zu lassen. Oder: Der Polizist - er atmet stets erleichtert auf, wenn in Zeitungen von vielen Toten die Rede ist, weil er meint, dadurch wieder mehr Sauerstoff zur Verfügung zu haben.

Eine ureigene Komik im Spiel des Ensembles zwingt die mattesten Besucher zu Aufmerksamkeit. Besonders herzhaft gelingt es Barbara Horvath und Max Mayer, Kostproben einer ausgeleierten Ehe zu geben: eine zwänglerische Lehrerin, der es zur Gewohnheit geworden ist, ihren Gatten, einen auf Kellerbauten spezialisierten Architekten, zu drangsalieren.

Makulatur ist in seiner Offenheit ein durch und durch modernes Drama und zugleich ein bittersüßes wienerisches Stück, das seine Abgründigkeit hinter satten Schmähs gut verbirgt. Brüesch hat es mit einfachen Manövern aufgeschlossen, als Figuren-Panorama, das etwas Schärfe durchaus noch vertragen hätte. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 6.6.2012) 

Bis 9. 6.

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1 Posting
Bei dem lecker Bild von der Franzi musst ich einfach den Artikel aufrufen.

Scham und Schande über mein williges Haupt. :-(

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