Türkei: Vergessen wir nicht zu lächeln

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  • Kerem Can, Hauptdarsteller im Film "Zenne-Dancer", bei der Preisverleihung des "Let's Cee"-Awards in Wien.
    foto: alexander halada/let's cee

    Kerem Can, Hauptdarsteller im Film "Zenne-Dancer", bei der Preisverleihung des "Let's Cee"-Awards in Wien.

"Zenne Dancer" prangert Menschenrechtsverletzung an und gewinnt das "Let's Cee"-Film-Festival

"The Media is the Message" - mehr denn je ist Marshall McLuhans legendäres medientheoretisches Statement aktuell. Wenn Journalismus durch Zensur Schranken gesetzt wird, springt das Genre Film ein. Eindrucksvoll sichtbar gemacht hat dies das Wiener "Let's Cee"-Filmfestival, das gezielt den Blick auf Filmschaffende aus Zentral- und Südosteuropa richtete. Festival-Winner wurde der türkische Spielfilm "Zenne Dancer", eine radikale Abrechnung mit dem innertürkischen Tabu-Thema Homosexualität.

"Zenne Dancer" - ein  Spiegelbild sozialer Realität

Zenne, das ist die hohe Kunst des türkischen Bauchtanzes - kein läppisches Austro-"Woki mit Deim Popo". "Zenne Dancer" ist die vielschichtige Geschichte eines türkischen Homosexuellen, der sich die einst traditionelle weibliche Domäne des Bauchtanzes zu eigen gemacht hat. Der Spielfilm reflektiert die reale Geschichte eines türkischen Homosexuellen, der 2008 von seinem Vater aus "familiärer Scham" ermordet wurde. "Zenne Dancer" ist ein bedrückendes Spiegelbild sozialer Realität und der Missachtung von Menschenrechten.

Ein Film mit Strahlkraft

"The Media is the Message." Der Film hat eine Strahlkraft, die zumal in der Türkei angesichts der schwierigen Mediengesetzgebung journalistische Artikel selten erreichen können. Ende 2011 wurde er in fünf Kategorien im Rahmen des internationalen Filmfestivals in Antalya ausgezeichnet.

Bemerkenswert ist die Resonanz in den verschiedenen sozialen Schichten der Türkei. Im südostanatolischen Diyabarkιr war der Kinosaal voll besetzt, betagte Kopftuch-Mütter weinten, erkannten sich im dargestellten Familienzwist wieder, applaudierten hingerissen, erzählt Hauptdarsteller Kerem Can. In Izmir, der "Bastion der Westlichkeit" waren Kritik und Distanz unendlich größer, auch wegen der kritischen Haltung des Streifens gegenüber dem türkischen Militär. In der Hauptstadt Ankara bekannten Söhne aus gut situiertem Haus: "Ich kann mich nicht outen, meine Familie würde mich verstoßen." Ebenfalls in Ankara gratulierte die türkische Familienministerin dem Produktionsteam zu dem Film. Noch kurz zuvor hatte sie Homosexualität als Krankheit definiert. 

"Ich könnte dort nicht leben"

An die 100 Journalisten sind laut OSZE derzeit in der Türkei in Gefahr. Die einen sind inhaftiert, andere stehen vor Gericht, andere wiederum warten auf ihre Gerichtsverfahren. O-Ton Kerem Can: "Die heutige Türkei ist in ihrer Verfassung noch immer orientiert an der militärischen Putsch-Verfassung 1980 inklusive Antiterrorgesetz und Artikel 301 - Beleidigung des Türkentums. So sehr ich die Türkei liebe, ich könnte dort nicht leben."

Güle, güle

Umso wichtiger ist die abschließende Botschaft des Filmes: "Vergessen wir nicht zu lächeln". O-Ton Kerem Can: "Dies als Zeichen des Weiterlebenslebens, des Überlebens, andererseits zugleich im Sinne eines 'uns bleibt nicht anderes übrig, als zu lächeln'. So darf es nicht sein."

Güle, güle - lächle, lächle - ist im türkischen Sprachgebrauch die Verabschiedungsformel jener, die gehen.

Kerem Can ist, laut Eigendefinition, gebürtiger Berliner mit türkischen Wurzeln. Für den Film musste er die heutige türkische Sprache zum Teil neu erlernen. Sein türkischer Sprachschatz basierte vornehmlich auf dem seiner in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgewanderten Großmutter. Kerem Cans ebenfalls in Berlin geborener Sohn ist 20 Monate alt. Sein Name: Luan - das ist das albanische Wort für Löwe. Kerem und Luan Can haben, wie wahrscheinlich wir alle, vielerlei Wurzeln.

P.S. Kleine Zusatzinfo in Sachen ORF: die Rettet-das Funkhaus-Website ist auch ORF-intern wieder problemlos zu besuchen. Ein technisches Gebrechen hatte die vorübergehende Funkstille verursacht. God save Künigl-King Alexander. Mehr zum Marx-Murx hier. (Rubina Möhring, derStandard.at, 5.6.2012)

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