Im Netz gefangen

  • Das Netz wird immer enger. Auch, wer will, kann eigentlich kaum noch offline bleiben. Ausreden gelten nicht.
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    foto: ap/winfried rothermel

    Das Netz wird immer enger. Auch, wer will, kann eigentlich kaum noch offline bleiben. Ausreden gelten nicht.

Überall und jederzeit müssen wir erreichbar sein. Außer im Flugzeug. Noch. Denn das Internet hält Einzug in das fliegende Offlinereservat

Es beginnt am Morgen: Im Zug, in der Straßenbahn, in der U-Bahn, ja sogar im Auto - überall tippen und wischen die Menschen über ihre Smartphones und Tablets. In der Arbeit wartet der tägliche Mail-Berg, den es abzutragen gilt. In der Mittagspause die inzwischen üblichen Szenen: Platz nehmen, Laptop raus, Klappe auf, Status updaten, Schweigen.

Am Abend bimmelt der private Maileingang - die Tochter der Freundin hat sich beim Spielen einen Schiefer eingezogen, was anhand von 53 annähernd gleich aussehenden Fotos akribisch dokumentiert wurde. Leuchtend rote Statusmeldungen ermahnen uns, entfernten Bekannten zum Geburtstag zu gratulieren, quietschende Skype-Alerts erinnern daran, dass wir 24/7 erreichbar sein müssen. Im Park, im Wald, am Berg, im Stau, am Klo, im Museum, am Strand - wir sind im Netz gefangen.

Der einzige Ort, an dem wir noch ruhigen Gewissens behaupten können, wir sind nicht erreichbar, ist - neben unerforschten Dschungelgebieten, ewig eisigen Berggipfeln und einsamen Inseln - das Flugzeug. Noch. Denn bald werden wir genötigt sein, das aktuelle Himmelsfoto live zu posten, uns über das schreiende Baby in Reihe drei mit einem bissigen Kommentar zu beschweren und jederzeit an die Freunde zu denken. Die letzten Enklaven netzlosen Daseins fallen. Schade drum. (Mirjam Harmtodt, derStandard.at, 6.6.2012)

-> Artikel: Internet an Bord

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