Westbahn braucht frisches Geld

5. Juni 2012, 12:10
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Nach dem Abgang von Stefan Wehinger soll Erich Forster als Geschäftsführer nachfolgen. Die ÖBB reagierten wortkarg auf die Rochaden bei der Westbahn

Wien - Der Geschäftsführer der mehrheitlich privaten Westbahn, Stefan Wehinger, soll Ende Juni den ÖBB-Konkurrenten wieder verlassen (DER STANDARD berichtete). Als Grund für den Abschied des Vorarlbergers und ehemaligen ÖBB-Personenverkehrsvorstands werden Differenzen mit Westbahn-Miteigentümer Hans Peter Haselsteiner genannt.

Die Westbahn hatte vor sechs Monaten, am 11. Dezember 2011, auf der Strecke Wien - Salzburg den Betrieb aufgenommen und macht seither den ÖBB Konkurrenz. Eigentümer der Muttergesellschaft Rail Holding AG sind zu je 25,93 Prozent die französische Staatsbahn SNCF, der Strabag-Chef Haselsteiner mit seiner Familien-Privatstiftung sowie Wehinger. Den Rest hält die Schweizer Augusta-Holding, die Investoren vertritt.

Im Mai hatte Wehinger eingeräumt, dass der Umsatz 20 Prozent unter Plan liege. Das sei auf die Billigpreispolitik der ÖBB zurückzuführen. Laut Insidern muss die Westbahn eine Kapitalerhöhung durchführen, Wehinger könne da nicht mitziehen und werde daher aussteigen, hieß es aus informierten Kreisen.

Die französische Staatsbahn hatte mehrfach betont, sie sehe die Westbahn-Beteiligung als strategisches Investment im europäischen Bahnmarkt.

Forster wird Nachfolger als Westbahn-Chef

Wehinger habe seine Anteile bereits verkauft, schreibt unterdessen das Nachrichtenmagazin "Format" online. Er soll für den Verkauf der Anteile zehn Mio. Euro bekommen. Weder Wehinger selbst noch die Westbahn haben bisher zu den Berichten Stellung genommen.

Wehingers 25,93-Prozent-Anteil sollen laut "Format" die Miteigentümer SNCF, Haselsteiner-Privatstiftung und Erhard Grossnigg übernehmen, der die Augusta-Holding vertritt, die mit 22,21 Prozent an der Westbahn beteiligt ist.

Als neuer Westbahn-Chef wird Erich Forster, zuletzt Chief Commercial Officer bei der Westbahn, nachrücken.

Offizielle Statements fehlen

Der plötzliche Abgang des Firmenmitgründers verläuft verhalten: Eine Pressekonferenz Wehingers werde es nicht geben, sagte der Westbahn-Sprecher. Auch Haselsteiner hält sich bedeckt. Von der SNCF liegt ebenfalls keine Stellungnahme vor.

Wehinger war unter dem früheren Verkehrsminister Hubert Gorbach (damals FPÖ) 2004 zur ÖBB gekommen. Zuvor leitete er die Montafonerbahn AG. Bei den ÖBB wurde der für den Fernverkehr zuständige Vorstand am 1. April 2008 außer Dienst gestellt, obwohl sein Vertrag erst im September auslief. Danach war Wehinger beim Aufbau der Westbahn tätig.

"Eisenbahn ist komplexes Geschäft"

Die ÖBB kommentierten Wehingers plötzlichen Abgang nur kurz. "Eisenbahn ist ein komplexes Geschäft. Gewinne im ersten Geschäftsjahr anzukündigen war trotz günstiger Voraussetzungen völlig unrealistisch", hieß es in einer Stellungnahme. "Dass die SNCF ihre Anteile ausbauen wird, war abzusehen. Wir gehen davon aus, dass die Westbahn als Mitbewerber langfristig erhalten bleibt."

Der künftige Westbahn-Geschäftsführer Forster kommt wie sein Vorgänger von den ÖBB. Im Gegensatz zu Wehinger hat der gebürtige Wiener Forster jedoch sein ganzes früheres Berufsleben bei der Staatsbahn verbracht. Der Sohn eines Eisenbahners arbeitete selbst 36 Jahre bei den Bundesbahnen.

Der heute 55-jährige Forster trat schon mit 18 Jahren bei den ÖBB ein, wo er sich über das Marketing bis zum Leiter des Geschäftsfelds Fernverkehr hocharbeitete. Im Jahr 2011 verließ er die Bundesbahn, um zur Westbahn zu wechseln. Forster hat ein Doktorat in Psychologie - was ihm in seinem neuen Posten vielleicht helfen kann. (APA, 5.6.2012)

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    Stefan Wehinger geht ...

  • ... Erich Forster kommt.
    foto: standard/regine hendrich

    ... Erich Forster kommt.

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