Migration als psychische Belastung

Migranten haben vor allem mit Neurosen und posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen

An der Transkulturellen Ambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien wurden die Daten von fast 2.000 Patienten analysiert. Sie sind nicht repräsentativ, bieten jedoch einen Überblick.

Am häufigsten haben Migranten mit neurotischen, somatoformen- bzw. Belastungsstörungen zu kämpfen (64 Prozent). Als somatoformen Störungen werden körperliche Beschwerden bezeichnet, für sich keine organische Ursache finden lässt.

Ob freiwillige oder unfreiwillige Migration - spielt bei Anpassungsstörungen und somatoformen Störungen kaum eine Rolle, ebenso wenig bei Depressionen, Manie, bipolaren Störungen (mit 14 Prozent die zweithäufigste Diagnose).

Flüchtlinge weisen besonders häufig Posttraumatische Belastungsstörungen und Persönlichkeitsveränderungen nach extremen psychischen Belastungen auf.

Eine weitere Beobachtung, so der Leiter der Ambulanz, Psychiater Thomas Stompe: "Es zeigt sich, dass Anpassungsstörungen besonders in den ersten Monaten nach der Ankunft in Österreich auftreten. Auf der anderen Seite erkranken mehr Migranten an Depressionen, die sich schon länger in Österreich befinden."

Traditionelle Erklärungsmodelle für Krankheiten

Eine große Hürde sind Verständnisprobleme durch die Sprachbarriere. Der Experte: "Wenn möglich sollte ein Dolmetscher herangezogen werden, der auch über das notwendige kulturelle Verständnis verfügt. Abzuraten ist von der Verwendung von Verwandten, weil das zu zusätzlichen Problemen innerhalb von Familie führen kann."

Schließlich werden die unterschiedlichen Krankheiten je nach kultureller und ethnischer Herkunft auch unterschiedlich dargestellt bzw. deren Symptome beschrieben. Stompe: "Wir wissen, dass Menschen aus dem Süden auch bei psychischen Störungen eher physische Beschwerden in den Vordergrund stellen."

So gibt es auch gerade bei Migranten die Gefahr für falsche Diagnosen. Der Psychiater: "Patienten aus Schwarzafrika haben oft Verhexungs- und Verzauberungsideen. Das ist deren traditionelles Erklärungsmodell für Krankheiten. Wir würden hier sehr schnell an das Vorliegen einer Schizophrenie denken. Wir hatten da einen Patienten, bei dem stellte sich schließlich heraus, dass er an einer Depression litt." (APA/red, 5.6.2012)

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