Afrikas einst luxuriösestes Hotel ist ein Armenhaus

Reportage5. Juni 2012, 10:52
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In der Hafenstadt Beira leben tausende Menschen im verlassenen "Grande Hotel" und hoffen, dass ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt

Am liebsten hat Carlos den alten Hubschrauberlandeplatz. Halb so groß wie ein Fussballfeld ist die Betonfläche am Dach, von hier kann Carlos sein gesamtes Reich überblicken: Den Ostflügel, wo früher die größten Zimmer untergebracht waren, die alte Terasse des Restaurants, den Swimming Pool und dahinter den weiße Strand und das Meer. "Im Sommer, wenn es drinnen unerträglich heiß ist, kommen wir alle hier hinauf zum schlafen", sagt er. "Ich mag dieses Gemeinschaftsgefühl."

Carlos ist der Herr über das, was einst laut Erbauern "das größte und luxuriöseste Hotel Afrikas" war: das "Grande Hotel" in Beira, der zweitgrößten Stadt Mosambiks. Früher verbrachten hier reiche Portugiesen ihren Urlaub in der Kolonie. Heute ist das Hotel ein Armenhaus - und Carlos ist sein Verwalter. Er vergibt Zimmer an Neuankommende, er schlichtet Ehestreits, er sammelt Geld für Begräbnisse, wenn wieder einmal ein Bewohner in einen leeren Liftschacht gestürzt ist. Und er führt Besucher gegen Bezahlung durch sein Reich.

In den 1950er Jahren errichtet, bot das "Grande Hotel" 122 Luxus-Zimmer auf einer Fläche von 12.000 Quadratmetern, dazu Restaurants, Bank und einem Kino - ein von Anfang an unrentables Symbol kolonialen Größenwahns. Bereits 1963 waren die Verluste zu groß geworden, das Hotel musste schließen. Während Mosambiks Bürgerkriegs in den 1990ern wurde es schließlich zum Flüchtlingslager. Heute ist es ein Ort für alle, die sonst nirgendwo einen Platz gefunden haben.

Kein Wasser seit 1975

Je nachdem, wen man fragt, leben im "Grande Hotel" zwischen 2000 und 6000 Menschen. In den früheren Suiten wohnen die Großfamilien, im Erdgeschoss die Kriegsversehrten, die Rollstuhlfahrer und andere, die nicht mehr stiegensteigen können. Sogar im Keller haben sich Menschen eingenistet. Nur Kerzen spenden hier Licht, Strom und fließendes Wasser gab es in dem Haus zuletzt 1975. Wäsche waschen die Bewohner im Swimming Pool.

Carlos wohnt mit seiner Frau und drei Kindern in Zimmer Nummer 237, einer kleinen Wohnung mit zwei Räumen und einer Terrasse mit Blick übers Meer. Bis auf den Grundriss ist hier nichts mehr wie früher: Im Bad stapelt sich der Müll bis zur Decke, auf der Terasse wird über Feuer gekocht, im Wohnzimmer schlafen die Kinder auf dem Boden.

Das ganze Gebäude ist nur mehr ein Skelett aus Beton: Alles, was sich herausreißen ließ, ist auch heraus gerissen worden. Fußböden, Lampen, Kabel, Rohre, sogar ganze Wände, sind aus dem Hotel verschwunden. Nur ein paar Fenster und die Zimmernummern haben die Raubzüge überstanden. Seit die Portugiesen das Hotel verließen, hat keiner mehr etwas renoviert - nun droht es bald über seinen Bewohnern zusammenzufallen.

Kein Geld, nur Bauschutt

"Das schlimmste sind die Decken", erzählt Carlos, immer wieder fallen sie Nachts auf die schlafenden herab. Mehrmals bereits hat die Regierung die Hotel-Bewohner aufgefordert, zu gehen, weil es einfach zu gefährlich ist - doch weil keiner weiß, wohin, sind sie alle geblieben. "Wenn ich Geld hätte, würde ich sofort ausziehen", sagt Carlos, aber davon gibt es im Grande Hotel nicht viel. Dafür gibt es Bauschutt.

Vor dem Eingang zu seinem Zimmer sammelt Carlos Zement, der von der Decke bröckelt, auf seinem Balkon stapelt er alte Fliesen und ausgehebelte Türen. Alles, was er an Schutt in die Hände bekommen kann, hebt er auf. Mit dem Material baut er gerade an seinem eigenen kleinen Haus am Stadtrand, der Decken-Zement dient ihm als Fundament.

Dazwischen erzählt er Besuchern Geschichten: Etwa von jenen zwei Touristen, die vor ein paar Jahren das Hotel vom Dreck befreien wollten. Sie waren entsetzt vom Müll, der in und um das Haus teilweise stockwerkhoch liegt und von den Feldern menschlicher Fäkalien, in denen die Kinder im Garten spielen. Sie zahlten den Bewohnern Geld, damit sie den Müll in Containern sammelten und organisierten zwei Lkws, um alles wegzubringen. Einige Monate später sah es wieder so aus wie davor.

Am Ende des Rundgangs ist dann die Bezahlung fällig, 500 Meticais, 14 Euro, verlangt Carlos für einen Tag. "Geben Sie mir das Geld hier, wo es keiner sieht", sagt er dann in einem Seitengang. Bei aller Liebe zum Gemeinschaftsgefühl - er hat schließlich ein Haus zu bauen. (Tobias Müller aus Beira, DER STANDARD, 5.6.2012)

  • Wäsche waschen im alten Pool, am Strand auf die Toilette gehen: Seit 
Jahrzehnten gibt es im Grande Hotel in Beira keinen Strom oder 
fließendes Wasser für die Bewohner.
    foto: müller

    Wäsche waschen im alten Pool, am Strand auf die Toilette gehen: Seit Jahrzehnten gibt es im Grande Hotel in Beira keinen Strom oder fließendes Wasser für die Bewohner.

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