Diabetestherapie zwischen Ideal und Wirklichkeit

5. Juni 2012, 10:39

Die Behandlung der Zuckerkrankheit wird heute auf jeden Patienten genau abgestimmt

Wien - Seit es vor 90 Jahren gelungen ist, tierisches Insulin zu isolieren und damit eine Injektionstherapie bei Diabetes zu ermöglichen, hat die Behandlung dieser Stoffwechselerkrankung große Fortschritte gemacht. Heute stehen den Patienten sowohl im Bereich der oralen Antidiabetika als auch in der Behandlung mit Insulin eine Reihe unterschiedlicher Präparaten und Konzepte zur Verfügung. Erfolge und Innovationen in der Diabetestherapie und Diabetologie wurden bei der Frühjahrstagung 2012 der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) unter dem Leitthema „Diabetestherapie 2012 zwischen Ideal und Wirklichkeit" vom 1.-2. Juni 2012 in Wien beleuchtet.

Hauptthemen waren Sicherheit und Effektivität der Diabetestherapie in Zusammenschau mit den Leitlinien der ÖDG. Aktuelle Themen wie Probiotika und Metabolomics mit Praxisbezug waren weitere Schwerpunkte. Die besonderen Herausforderungen durch „Mismatches" in der Diabetologie, wie die Behandlung von Patienten mit Migrationshintergrund oder Patienten mit Mehrfachbehinderungen, sowie geschlechtsspezifische und psychosoziale Aspekte in der Diabetesbehandlung wurden ebenso thematisiert. 

Neue Blutzucker-Grenzwerte

Der Anstieg von Übergewicht und Diabetes - oftmals einhergehend mit dem sogenannten metabolischen Syndrom - bringt in Folge auch einen Anstieg an Krebserkrankungen, koronarer Herzkrankheit, Demenz sowie einer daraus resultierenden reduzierten Lebensqualität und Lebenserwartung. Es gibt jedoch Fortschritte in Früherkennung und Therapie des Diabetes: So wurden etwa die Blutzucker-Grenzwerte zur Diagnose des Diabetes mellitus niedriger angesetzt als früher.

Auch für den Gestationsdiabetes bei Schwangeren wurden aufgrund aktueller Forschungsergebnisse neue Grenzwerte gesetzt. Neue Marker und Risiko-Scores, neue Techniken und Hilfsmittel, sowie verbesserte Medikamente, die das Risiko von Unterzuckerung und Gewichtszunahme umgehen können, stehen heute für Diagnose und Behandlung der Zuckerkrankheit zur Verfügung. Dabei ist die individuelle Therapiewahl mit Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Komorbiditäten entscheidend.

Bessere Prognosen und weniger Langzeitfolgen sind das Resultat der langjährigen Forschungen. diabetische PatientInnen gekommen. Die Lebenserwartung der Diabetiker ist deutlich höher als noch vor zehn Jahren, gegenüber der Nicht-Diabetikern jedoch deutlich geringer.

Die Zahl von Infarktpatienten mit unerkanntem Diabetes ist nach wie vor sehr hoch. Insgesamt wird eine hohe Dunkelziffer von Menschen, die an Vorstufen des Diabetes oder manifestem Diabetes leiden, vermutet. Erklärtes Ziel der WHO bis zum Jahr 2025: Die Sterberate bei nichtübertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Adipositas und Hypertonie um 25 Prozent senken.

Schwangere als Risikogruppe

„Es gibt also noch viel zu tun: Ein wichtiges Ziel ist die Früherkennung von Risikopatienten beziehungsweise die Prävention von Diabetes. Eine möglichst frühzeitige Therapie kann Komplikationen weiter senken. Eine wichtige Gruppe hierbei sind Schwangere", so Alexandra Kautzky-Willer, Internistin an der Universitätsklinik für Innere Medizin III, Klinische Abteilung für Endokrinologie & Stoffwechsel am AKH Wien.

Die Prävention eines Schwangerschaftsdiabetes kann Müttern einen Diabetes mellitus Typ 2 und koronare Herzkrankheit ersparen, aber auch die Kinder und somit die nächste Generation profitieren davon, denn Diabetes in der Schwangerschaft hat eine fetale Stoffwechselprogrammierung des Ungeborenen zur Folge, die das Risiko des Kindes für damit verbundene Erkrankungen in seinem weiteren Leben erhöht. Der österreichische Mutter-Kind-Pass sieht bereits seit kurzem eine Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes bei allen Schwangeren zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche vor. Ein österreichweites Register zur Erfassung des Gestationsdiabetes ist bereits in Entwicklung.

Individualisierte Diabetes-Therapie

Bei der Frühjahrstagung wurden neue Therapien und neue Leitlinien kritisch gegenübergestellt. Heidemarie Abrahamian, Internistin im Otto-Wagner-Spital, und wissenschaftliche Leiterin der Frühjahrstagung 2012: „Die individualisierte Therapie rückt auch für diabetische Patienten in den Vordergrund. Das bedeutet, dass die realen Lebensbedingungen jedes Betroffenen in die Therapieentscheidungen einbezogen werden. Vermehrt Augenmerk wird besonderen Gruppen geschenkt, wie Patienten mit Migrationshintergrund und psychisch kranken Patienten mit Diabetes mellitus. Um eine akzeptable Therapieumsetzung zu erreichen sind besondere Betreuungsprogramme mit erhöhtem Aufwand erforderlich." (red, 5.6.2012)

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13 Postings
Grenzwerte

Kann hier vielleicht jemand Kompetenter die neuen Grenzwerte posten? Oder wurden diese nur niedriger angesetzt, damit die Pharmaindustrie mehr Geschäft macht?

Grenzwerte sind wichtig für Menschen die gerne krank sind ;)

Eine Frau erklärte mir unlängst, dass sie jetzt auch Diabetikerin ist, denn sie hatte bei einem großen Blutbild 115 Nüchternzucker. Der Gesundbereich wäre laut ihres Labors zwischen 60 und 110.
Nein, ist sie nicht. Alle anderen Werte, wie HBA1C & Co. sind so was von bussifein, dass das einfach keine Relevanz hat.
Sie beharrte, dass der unter Wert aber 60 wäre und damit ist sie das sicher!
Ich erzählte ihr, dass ich einmal 60 gemessen hatte nach einer Brutal-Unterzuckerung. Ich konnte noch eingeschränkt denken, mich aber nicht mehr bewegen. Wieder mobiler hatte ich 60.

Grenzwerte sind dazu da, um Hypochonder glücklich zu machen. Alle anderen befragen den Arzt, sicherheitshalber 2 davon, wenn es Probleme gibt - Diabetiker-Tipp ;)

60 soll der untere Wert für Normalzucker sein?

Wer lässt sich denn sowas einfallen?

Hab gerade nachgesehen bei meinen Befunden: In einem Labor ist der Grenzbereich 70-110, in einem anderen 60-110.

60 find ich ziemlich grenzwertig.

Wiki schreibt dazu: die Grenze von 3,5 mmol/l (65 mg/dl) im kapillären Blut sollte für den klinischen Alltag als Definition für den Eintritt einer Hypoglykämie akzeptiert werden, da kurz darunter das sympathoadrenerge System aktiviert wird und kognitive Dysfunktionen einsetzen.

Wiki mag als Schnell-Info in Ordnung sein, aber wenn es wichtig ist, würde ich den Profi konsultieren.

"aber wenn es wichtig ist, würde ich den Profi konsultieren."

Korrekt. Allerdings ist das wie eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Praktische Ärzte zählen hier größtenteils leider nicht zu den Profis.

Es wird langsam besser. Bei der Einführung von Avandia war ich, Dank meiner Hartnäckigkeit und der passenden Internistin, mit dabei. Damals habe ich meinem Praktischen noch Input gegeben, weil er sich nicht auskannte. Heute kann ich mir die Internistin sparen, der Doc ist mir voraus, auch bei der erforderlichen Umstellung, als Avandia vom Markt genommen wurde.

Leider sind auch manche Internisten in Österreich die blanke Katastrophe. Die haben die letzten 30 Jahre verschlafen.

Eine Frau erklärte mir unlängst, dass sie jetzt auch Diabetikerin ist, denn sie hatte bei einem großen Blutbild 115 Nüchternzucker

Dazu noch was Erklärendes:
Ein Nüchternblutzucker von 101 bis 125 zählt als "gestörte Nüchternglukose" (impaired fasting glucose) und signalisiert, dass ein Diabetes im Anmarsch, aber noch nicht ausgebrochen ist. Für den Einzelnen sollten hier die Alarmglocken läuten, denn um den Ausbruch zu verhindern, ist oft eine ziemliche Lebensstiländerung notwendig.

Der Arzt hat sich das dann in den letzten 3 Monaten laufend angesehen. Sie hat Nüchtern-Zucker ohne Stress 90-100. Alles im grünen Bereich.

Grenzwerte für was? Die wurden in letzter Zeit nicht verändert, lediglich aufgrund der Vergleichbarkeit in einer neuen Maßeinheit angegeben.

Nüchternblutzucker? Hängt davon ab, ob man aus dem Serum oder Vollblut misst.
HbA1c? Hängt davon ab, ob sie den Grenzwert für Diabetes an sich (6,5%) oder eine gute Blutzuckereinstellung meinen (was wiederum von vielen anderen Faktoren abhängt).

Die Pharmaindustrie würde übrigens mehr Geschäfte machen wenn die Grenzwerte in der Diabetologie nach oben verschoben werden - dementsprechend wären die Leute dann kränker und bräuchten mehr Medikamente.

Da werden DM Typ I und Typ II Patienten gleich ganz frisch und fröhlich über einen Kamm geschehrt obwohl das vollkommen unterschiedliche Risikogruppen sind.

Unterm Strich leider ein entbehrlicher Artikel.

*räusper* geschoren

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