Wolf: "Journalismus ist etwas, das Öffentlichkeit erhalten muss"

5. Juni 2012, 11:26
35 Postings

Was Journalisten und Blogger trennt und warum das Kuratieren das Gatekeeper-Modell abgelöst hat, darüber sprach der "ZiB 2"-Anchor im Rahmen der Theodor-Herzl-Dozentur

War die Pressefreiheit 1965 noch "die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten" (Paul Sethe), so gilt heute: "Pressefreiheit ist die Freiheit von mehr als zwei Milliarden Menschen mit Internetzugang, ihre Meinung ins Netz zu stellen." "ZiB 2"-Anchor Armin Wolf nimmt an: Heute wäre Theodor Herzl Blogger.

Die Abgrenzung von Journalisten und Bloggern war Montagabend Thema der nach dem Wiener Journalisten Herzl benannten Dozentur im Audimax der Universität Wien. Wolf stellte die Frage "Wozu brauchen wir noch JournalistInnen?" und zeigte auf, was Blogger und Wikileaks nicht können.

Professionelle Struktur

Wolf ist ein Verfechter der Professionalität. Recherche, Selektion von Informationen, die redaktionelle Aufbereitung und Publikation, beispielsweise bei den Wikileaks-Dokumenten, dafür brauche es Journalisten. Das beste Umfeld bieten "nur professionelle Medien, weil man dafür Ressourcen braucht". "Journalismus ist ein Beruf, den man in professioneller Struktur anwendet", erklärte Wolf. Dabei ist Bezahlung ein wichtiger Aspekt. Nach Kommunikationsforscher Denis McQuail ist Journalismus "paid writing for public media with reference to actual and ongoing events of public relevance".

Auch erfolgreiche US-Blogs, die die öffentliche Debatte wie traditionelle Medien bestimmen, "machen das professionell". Etwa der 2008 von Nate Silver gegründete US-Wahlblog FiveThirtyEight, der 2010 in den Onlineauftritt der "New York Times" integriert wurde, und die Bloggerin Michelle Malkin, die Geld mit Werbung verdient.

Dietiwag-Blogger ist "politischer Aktivist"

Hierzulande sticht der "unglaublich gut informierte" Tiroler Markus Wilhelm mit seinem Blog dietiwag.org hervor. "Wilhelm definiert sich selbst als politischer Aktivist", erklärte Wolf, "er arbeitet mit journalistischen Mitteln, aber er ist kein Journalist."

Bürger-Journalismus definiere die Medienjournalistin Ulrike Langer als "ungeplante journalistische Handlungen", erwähnt Wolf. Frei nach US-Professor Clay Shirky: Filter sind in Zeiten des "information overload" gefragter denn je.

60 Seconds - Things That Happen On Internet Every Sixty Seconds
Infographic by Shanghai Web Designers

"Gatekeeper-Modell ist hinfällig"

"Letztlich ist Kuratieren das, was auch Journalisten bieten müssen. Das Gatekeeper-Modell ist hinfällig geworden. Das heutige Bild des Journalismus ist das des Kurators", sagte Wolf.

Eine Rolle spiele dabei nicht nur das Senden, sondern auch das Empfangen. Wolf bemüht Bert Brecht: "Rundfunk ist von einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln."

Journalismus der "Karajans" und "Gabaliers"

Und wie finanziert man Qualitätsjournalismus, der besser von "Karajans" (E-Journalismus) denn "Gabaliers" (U-Journalismus) kommt und die öffentliche Debatte über Politik, Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft anregt? Wolf zählt Modelle wie Spezialisierung (Politico Pro, Energy Intelligence), Paywalls und Stiftungen (Pro Publica, Guardian) auf. Oder wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, "man wird gezwungen zu zahlen. Möglicherweise ist Journalismus etwas, das die Öffentlichkeit erhalten muss", so Wolf. (Sabine Bürger, derStandard.at, 5.6.2012)

Armin Wolf im Zitat

... über die Finanzierung des Mateschitz-Senders: "Servus TV macht ein sehr ambitioniertes und durchaus öffentlich-rechtliches Programm - aber das ist das Hobby eines reichen Mannes und mit diesen Quoten nie finanzierbar. Und wenn der reiche Mann die Lust daran verliert, ist es vorbei."

... darüber, was der demokratische Diskurs braucht: "Das Wichtigste wäre, eine anständige 'Kronen Zeitung' zu machen. Oder 'Heute'."

... über den Nachrichtenkonsum in der Finanzkrise: "Wir erleben die größte europäische Krise seit 60 Jahren, und wann immer wir eine Geschichte zu Griechenland machen, schalten die Leute weg."

... wie man die Zuschauer davon abhält, zum Beispiel mit der "Planking"-Aktion im Studio: "Wir versuchen es eh mit unlauteren Mitteln, ich war nicht müde, als ich mich hingelegt habe."

Link

Quellenverzeichnis zur Vorlesung mit Linkliste relevanter internationaler und österreichischer Blogs: Herzl-VO-2

Nächster Termin

Die dritte und letzte Vorlesung findet am 18. Juni um 18.30 Uhr im Audimax der Universität Wien statt. Thema: "Das war nicht meine Frage." - Warum Politiker-Interviews noch immer sinnvoll sind, auch wenn es nicht immer so aussieht.

  • Lauschten "ZiB 2"-Moderator Armin Wolf: Studenten in der gut besuchten Vorlesung im Rahmen der Theodor-Herzl-Dozentur.
    foto: derstandard.at

    Lauschten "ZiB 2"-Moderator Armin Wolf: Studenten in der gut besuchten Vorlesung im Rahmen der Theodor-Herzl-Dozentur.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Armin Wolf, hier bei den Medientagen 2010.

Share if you care.