Eurokrise: Ist nichts zu kaufen, ist Geld nichts wert

Gastkommentar | Paul Kellermann, 6. Juni 2012, 10:26

Ein Vorschlag zur Milderung der Verarmung in Schuldnerländern

Es ist evident: Die von Privathaushalten bei Banken gesparten Geldsummen übersteigen das bei Banken spontan abrufbare Geld. Wird bei Verlust des Glaubens, von der Bank jederzeit gespartes Geld abheben zu können, massenweise Geld abzuheben versucht, werden die Banken zahlungsunfähig. Um dem Glaubensverlust zuvor zu kommen, können Staaten oder auch ein Verbund von Banken oder im Fall der Euroländer die EZB das private Bankguthaben - eventuell bis zu einer bestimmten Summe oder befristet bis zu einer bestimmten Zeit der Einlage - garantieren. Beispielsweise alle Guthaben bis 200.000,-, die vor dem 01. Juni 2012 bei einer Bank hinterlegt wurden.

Dient Leben dem Geld oder Geld dem Leben?

Berichtet wurde - worauf sich auch die IWF-Chefin bezog -, dass sich reiche Griechen steuerlich gegen den Staat vergangen haben. Um dieses Problem zu bearbeiten, wird hier vorgeschlagen, bei jedem Antrag zur Verlängerung des Reisepasses neben den üblichen Unterlagen und Nachweisen auch die Vorlage des Steuerbescheids und der Entrichtung der Steuerschuld zu verlangen. Für die nicht beglichene Steuerschuld werden Zinsen in der Höhe des doppelten Zinssatzes vorgeschrieben, den Griechenland für seine Anleihen zahlen muss.

Da man Geld nicht essen kann und Geld auch sonst kaum Bedürfnisse zu stillen vermag (schon gar nicht die Geldgier), muss jedes gesellschaftspolitische Denken, das erst bei Geld beginnt, erfolglos bleiben. Die klassische rhetorische Frage "Leben wir, um zu arbeiten, oder arbeiten wir, um zu leben?", könnte kritisch hinsichtlich des Gelddenkens abgewandelt werden in "Dient Leben dem Geld oder Geld dem Leben?".

Mit dieser Formulierung soll die Reflexion angeregt werden, inwieweit Geld ein selbstwerter Zweck oder ein funktionales Mittel ist.

Wenn man die Debatten und politischen Entscheidungen zu den verschiedenartigen aktuellen Krisen verfolgt, zeigt sich: Es werden Schulden, finanzielle Rettungsaktionen und zusammenbrechende Finanzinstitute thematisiert, wobei Geld das Zentralthema ist. Damit sieht es so aus, als höre beim Denken an Geld weitergehendes Denken auf.

Bares Geld als Gutschein zum Erhalt von Waren

Erklärbar ist dieses Phänomen damit, dass in einer Gesellschaft Geldverfügbarkeit allererste Voraussetzung ist, wenn fast alle benötigten Güter und Dienste gekauft werden müssen. Diesem schwerwiegenden Umstand kann freilich auf verschiedene Weise begegnet werden: durch Barzahlung, durch Kreditkarten, durch Leihen von Geld, eventuell auch durch Versprechen und Gutscheine. Mit der Überlegung, wer bei diesem Geldumgang jeweils Gläubiger oder Schuldner ist, beginnt das Denken in Zusammenhängen. Dieses "Kontextdenken" führt zu einem scheinbaren Paradox. Bares Geld ist real ein Gutschein zum Erhalt von Waren. Bargeldbesitzer sind folglich Gläubiger, die einen Anspruch auf Leistung haben. Wenn Kreditkarten durch Bankguthaben gedeckt sind, gilt dasselbe; sind sie nicht gedeckt, ist der Käufer, der mit der Karte zahlt, Schuldner. Schuldner sind auch die, die Geld leihen, Zahlungen versprechen oder Gutscheine in Form von Geldnoten ausgeben.

EU und Geldpolitik

Diese Zusammenhänge gelten nicht nur für Privatpersonen und Betriebe, sondern auch für Staaten oder die EZB. Durch den Zusammenschluss der Länder mit gemeinsamer Währung hat sich die Möglichkeit, die Staaten zuvor im Gegensatz zur Privatwirtschaft hatten - nämlich durch die nationalen Zentralbanken Geldpolitik zu betreiben - verändert. Mit Geldpolitik kann beispielsweise gesellschaftlich erforderliche Arbeit organisiert werden: Der Bedarf an Gütern und Diensten kann in dem Maße gestillt werden, in dem vorhandenes Arbeits- und Produktionsvermögen durch Geld aktiviert wird. Dadurch entstehen Waren, die dem eingesetzten Geld seinen wahren Wert geben. Geld in diesem Zusammenhang zu bedenken, bedeutet vor allem anderen, es als Mittel zu begreifen, mit dessen Einsatz der Prozess von Produktion, Distribution und Konsumtion am Laufen gehalten wird.

Interessenkonflikte

Die derzeitigen Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft verschiedener Länder haben viele Ursachen. Ihre Wirkungen betreffen das Leben von Millionen Menschen, die in einer Geldgesellschaft wegen ihrer Erwerbslosigkeit verarmen. Doch die Mehrheit von ihnen hat Arbeits- und die unterausgelasteten Betriebe haben Produktionsvermögen. Um diese Vermögen zur Armutsbekämpfung nutzen zu können, ist Geld das Mittel.

Da die von den verschuldeten Staaten in Euro aufgenommenen Kredite nahezu ausschließlich für den Schuldendienst verwendet werden, also nicht der realen Wirtschaft dienen, wird nach drei Jahren Krisen immerhin öffentlich auch Wirtschaftswachstum gefordert. Doch die Interessen der Finanziers, die ihr verliehenes Geld sichern wollen, und jener Politik, die die Verarmung mildern will, stoßen aufeinander. Dabei sollte grundsätzlich klar sein, dass kein Staat Schulden zurückzahlen kann, wenn keine Güter und Dienste als Waren verkauft und damit Steuern eingenommen werden können.

Eurowährung und Regionalwährung

Um ein Stück weiter zu kommen, wird hier etwas vorgeschlagen, was an die Zerschlagung des Gordischen Knoten durch Alexander denken lässt: Zusätzlich zur weiter bestehenden Eurowährung wird eine Regionalwährung eingeführt, um das vorhandene regionale Leistungsvermögen zu mobilisieren. Damit diese Zweitwährung in den Geldumlauf kommt, muss diese Währung verplichtend zur Zahlung einerseits zur Zahlung von Steuern, andererseits zur Zahlung aller staatlichen Leistungen wie Gehälter, öffentliche Aufträge, Transferzahlungen genutzt werden.

Auf diese Weise entwickelten sich nicht nur neue Arbeitsverhältnisse und dadurch auch Wirtschaftswachstum, sondern ebenso ein Wechselverhältnis von primärer zu sekundärer Währung. Hat sich das Wirtschaftsleben stabilisiert, kann die regionale Währung wieder eingezogen werden.

Den in Gelddenken verfangenen Skeptikern sei gesagt: Nur das Entstehen von Waren gibt Geld seinen Wert. Wenn nichts zu kaufen ist, ist Geld nichts wert. (Paul Kellermann, derStandard.at, 6.6.2012)

Autor

Paul Kellermann ist Professor am Institut für Soziologie, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, an der Alpen-Adria-Universität.

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Schrumpfgeldeffekt, genau darum geht es, es gibt bücher in diese richtung wie sand am mehr, auch zahlreiche sehr erfolgreiche langejährige projekte welche dieses prinzip verfolgen...

das problem ist, das geld schon längst den eigentlichen zweck verloren hat und zum selbstzweck sich entwickelt hat. d.h. mehr als 80% des geldes, welches gehandelt wird existiert gar nicht, oder in anderen worten, dieses geld steht keinem realen wert oder keinen realen leistung, welche irgendjemand geleistet hat, gegenüber. dieses "luftgeld" ist einfach nur durch das system entstanden. d.h. krank ist das system und nicht das geld. die löstung ist, eine änderung der wertezuschreibung. geld muss an wert verlieren und darf nicht an wert gewinnen wenn es lediglich im besitzum von jemanden ist. wissen tun wir das alle, aber das problem ist, das system ändern können nur diejennigen die vom derzeitigem system profitieren...

Genau.

Wobei Ähnliches erreicht wäre, wenn Griechenland einfach seinen Unternehmen per Gesetz erlauben würde, 5 oder später 10% der Gehälter in Form von Konsumgutscheinen zu bezahlen, die man mit einem Ablaufdatum versieht, um einen konsumfördernden Schrumpfgeldeffekt zu haben.
aLa

Auch ein interessanter Kommentar....

http://www.faz.net/aktuell/f... 49829.html

"Damit sieht es so aus, als höre beim Denken an Geld weitergehendes Denken auf."

Wie wahr, wie wahr!
Lässt sich immer wieder erfahren, wenn man etwas Kritisches zur derzeitigen Geldordnung sagt.

http://www.banken-in-die-schranken.eu

So wie der das meint

Bricht wegen Kaptialflucht die ganze Wirtschaft zusammen, brechen Unternehmen zusammen sind keine Güter mehr da um gekauft werdne zu können von einzelnen reichen. Z.b. Eine Ferrari Fabrik kann von einem verkauften Ferrari nicht leben. Also ein super Reicher, der sein Geld gehamstert hat (z.b auch in Gold) kann sich keinen tollen Ferrari mehr kaufen, weil es ihn nicht mehr gibt. Detto werden Know How Entwicklungen mangels Kapital nicht mehr durchgeführt. Es gibt also keine neuen top of the pop Artikel mehr zu kaufen

So einen parallele Währung für Griechenland hat doch auch ein deutscher Banker vorgeschlagen:

http://www.handelsblatt.com/politik/k... 58160.html

Fallen die Schuldner aus, ist Geld nichts mehr wert

Eine Konsequenz aus dieser Aussage ist dass die Funktion der Wertaufbewahrung des Geldes eine reine Illusion ist.

Da Geld ja nur ein Gutschein auf eine künftige Leistung ist, diese jedoch nie prognostizierbar sein wird, hat unser heutiges Fiatgeld ohne Eigenwert diese Funktion de facto nicht.

Geld ist ja auch kein Wertspeicher sondern ein Zahlungsmittel.

Und warum zittern dann alle wegen ihrer in Geldguthaben angelegten Ersparnisse?

Sie wissen aber schon, dass es (gut begründete und plausible) Meinungen gibt, nach denen Geld seinen Wert v.a. dadurch erhält, dass mit ihm Steuern gezahlt werden können....

Dass man damit Steuern bezahlen kann ist vor allem ein Merkmal dafür, dass es sich um Geld (besser: das offizielle Zahlungsmittel) handelt, sagt aber sehr wenig über den Wert aus.

Nehmen Sie zum Beispiel den Fall einer Hyperinflation.
Da können Sie zwar immer noch Steuern damit bezahlen, wert ist es aber trotzdem nichts mehr, weil sie damit nichts mehr kaufen können.

Sie verwechseln die Höhe des Wertes mit dem, was einer Sache überhaupt einen (egal wie hohen) Wert verleiht.

Der Begriff Wert des Geldes ist im übrigen sowieso wissenschaftlich unhaltbar (da nicht eindeutig definierbar), das weiß jeder, der sich damit je ausführlicher befasst hat, ich aber versuche mich hier auf das Niveau des Autors und jener, die mit dem Begriff immer noch (leider) arbeiten, einzustellen

Geld erhält aber keinen (egal wie hohen) Wert dadurch, dass man damit Steuern bezahlen kann

Davon damit Steuern bezahlen zu können hab ich überhaupt nichts.
Einen Wert erhält das Geld erst dadurch, dass der Bäcker morgens bereit ist es gegen Semmeln zu tauschen.

Und dieser "Wert" entsteht hauptsächlich durch die Nachfrage nach Geld.
Diese Nachfrage wiederum ist dadurch gesichert, dass es immer jemanden gibt, der das Geld als Schuld hat und es zurückbekommen muss (Kreditgeld) wenn er nicht alles verlieren will.

Diese Wertsicherung durch Kredit funktioniert genau solange, bis eine genügend großer Anteil der Schuldner ausfällt (und die Banken die Ausfälle nicht mehr kompensieren können).
Denn dann ist Geld ohne Nachfrage im Umlauf.

Unser Geld ist eben nichts anderes als ein anonymisierter Schuldschein.

Nun das behaupten Sie und es klingt (wie immer bei solchen Sachen) beim ersten Blick richtig, ist es aber nicht unbedingt...Ich habe da was angedeutet, im Internet oder der Literatur können Sie sich weiter informieren. (Ich behaupte ja einen Wert des Geldes gibt es überhaupt nicht.)

"Der Bedarf an Gütern und Diensten kann in dem Maße gestillt werden, in dem vorhandenes Arbeits- und Produktionsvermögen durch Geld aktiviert wird"

Großartig.

Der Steuerzahler & Staatsbürger 2012 sucht nach SICHERHEIT. Der gibt sein Erspartes nicht gern an Unternehmen, die nur zu dem Zweck ins Leben gerufen (oder am Leben erhalten) werden, um "vorhandenes Arbeits- und Produktionsvermögen zu aktivieren". Und wenn er nicht bereit ist, sich für die solchermaßen produzierten Güter und Dienst den A** aufzureißen (sprich Geld auszugeben -
oder am besten sich neu zu verschulden, denn sonst überleben ja die Banken nicht, capito..), dann hilft alles nix.
Herr Kellermann ist daher gut beraten, sich in Nordkorea umzusehen. Dort wird nach eben dem Prinzip gewirtschaftet.

Nochmals: Per "Geldpolitik" (von oben verordnet) lässt sich das völlig desolate System nicht in den Griff kriegen.

Sie haben eine eigenartige Beziehung zum Geldausgeben.

Dient Leben dem Geld oder Geld dem Leben?

Beides trifft zu, nur halt immer nur eines pro Person.
Für die, die "Geld arbeiten lassen" können dient Geld ihrem Leben.
Der Rest, also ca. 90+%, die selbst arbeiten müssen, opfern den größten Teil ihres Lebens dem Geld (das am Ende des Tages ja doch wieder die anderen haben).

Im Buddhismus gilt ein Mensch als die Summe aller seiner Handlungen bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Gute Handlungen machen einen guten Menschen, schlechte einen schlechten. ...

Es wäre unrealistisch, eine rasche, systematische Veränderung des globalen Wirtschaftssystems zu erwarten. Deshalb kann die schrittweise Veränderung bei jedem einzelnen Menschen beginnen. Es sind die Führungskräfte in Unternehmen, Regierungen und gemeinnützigen Organisationen, die den anderen den Weg in die Zukunft weisen können.
Dies trifft auch auf jede Organisation zu, egal ob es sich dabei um kleine, große, private, staatliche, wohltätige oder gemeinnützige Unternehmungen handelt.
Das Einzige, was wirklich existiert, sind Prozesse in einem komplexen Zusammenspiel von Ursache und Wirkungen u dies bedingt: Gegenseitige Abhängigkeit. Der Markt verlangt fest an die eingesch. Richtung zu Glauben. Ein pessimistischer Mensch hat wenig Erfolg

Der Wert des Geldes entsteht erst über den Faktor Zeit.

Warum? Ein Unternehmer muss seine Produktion vorfinanzieren (Löhne, Geräte, Produktionsstätten, etc.), bevor er auch nur irgendein Produkt am Markt absetzen kann. Er hat nicht alles Geld dieser Erde? Gut, dann braucht er wohl einen Kredit. Was ist Geld nun? Ein Versprechen zur Erbringung einer zukünftigen Leistung. Der Unternehmer hofft, dass er seine Waren irgendwann auch einmal absetzen kann. Die Preissetzung wird er so vornehmen, dass er unter Konkurrenzbedingungen zumindest seine Zins- und Tilgungsverpflichtungen noch erfüllen kann. Bei einem Kaufvorgang als schuldrechtlichen Vorgang macht eine Preisbildung somit nur in Bezug auf vollstreckbare schuldrechtliche Forderungen Sinn.

Preisfrage: Warum waren Grundstücke in der DDR nix wert?

Diese Sichtweise ist sehr unvollständig.

Sie geht von einer kapitalistischen Wirtschaft aus. Aber es gibt auch andere Wirtschaftsformen.
Außerdem muss Geld nicht gleich Kredit sein.
http://www.banken-in-die-schranken.at/geld-und-... s-ist-geld

Nö, denn wenn das Geld erst über die Zeit an Wert gewinnen würde, dann könnte der Unternehmer mit seinem Kredit keine Produktionsanlagen kaufen, da das Geld zu diesem Zeitpunkt ja noch wertlos wäre.

Geld hat seinen (imaginären) Wert, weil es jemanden gibt, der dieses Geld als Schuld hat und er alles an die Bank verliert, wenn er dieses Geld nicht wieder auftreiben kann.

Im Kontrakt ist der Faktor Zeit ja bereits inkludiert (Rückzahlung zum soundsovielten zu diesen und diesen Konditionen, Besicherung, usw.).
Das Geld zur Deckung ihrer Schuldverpflichtungen können die Wirtschaftsteilnehmer in ihrer Gesamtheit ja nicht in der Gegenwart auftreiben (das Geld hierfür muss über neue Kredite ja immer wieder erst geschaffen werden), sondern natürlich immer erst in der Zukunft.

Ok stimmt, kann man so sehen.

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