Teure Wiesen für Großstadtbauern

4. Juni 2012, 18:11
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Im 23. Bezirk soll Wiens erstes Cityfarming-Projekt entstehen, die Skepsis ist groß

Wien - Diesmal ist die Pampa mittendrin. Statt einen neuen Stadtteil aufs freie Feld zu stellen, soll in Liesing ein Viertel um eine große Grünfläche gebaut werden - inklusive landwirtschaftlicher Nutzflächen.

Beim Cityfarming steht jedem Bewohner ein Stück Acker zur Verfügung, auf dem er sich gärtnerisch entfalten kann. "Bisher ist das Reintegrieren von Landwirtschaft in die Stadt meist nachträglich und aus einem Mangel heraus entstanden", sagt Elke Krasny, Kuratorin der Hands-On Urbanism -Ausstellung im Architekturzentrum. Krasny: "Dass sie von Anfang an bei einem Projekt eingeplant wird, ist neu." In Havanna etwa entstanden Anfang der Neunziger die ersten großen Dachgärten, inzwischen wird dort Obst- und Gemüseanbau bereits bei der Planung neuer Siedlungen berücksichtigt.

Auch in der chinesischen Millionenstadt Wuhan ist Selbstversorgung angesagt: Bis 2015 soll dort ein vom israelischen Architektenbüro Knafo Klimor geplantes "Agro House" mit In- und Outdoor-Gärten entstehen.

Ein Stück Brache "in der Wiesen"

Bei der Wiener Version des urbanen Landlebens wird draußen - und mit professioneller Unterstützung - geackert. Landwirte aus der Umgebung sollen die Hobbygemüsezüchter in Anbaufragen beraten und die Ernte mit ihnen gemeinsam vor Ort verkaufen.

Soweit zur Theorie. Denn die Suche nach einer passenden Fläche für die Großstadtbauernsiedlung ist schwierig. Zum einem explodieren die Grundstückspreise, sobald bekannt wird, dass die Stadt das Gebiet entwickeln will. Nach Rothneusiedl (wo vorerst doch keine U-Bahn hinfährt) und alten Kasernenarealen (die das Bundesheer nicht so schnell hergibt) hat Wien derzeit ein Stück Brache im 23. Bezirk im Visier. Die Adresse lautet originellerweise "In der Wiesen".

Auf der Fläche zwischen Erlaaer Straße und Altmannsdorferstraße sollen mehrere Tausend Menschen leben. Das Leitbild für das Projekt ist fertig, derzeit arbeiten verschiedene Bauträger an den Grundlagenplanungen. Laut Planungsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) soll in den nächsten Jahren gebaut werden.

"Die Leute wollen selbst garteln"

Für den roten Bezirksvorsteher ist In der Wiesen aber alles andere als eine "g'mahte Wies'n". "Der Planungsstadträtin fehlt es noch an Erfahrung, was Fristigkeiten angeht", sagt Manfred Wurm. "Wir kiefeln ja noch an Projekten herum, die wir bereits vor acht, neun Jahren besprochen haben." Wurm hält vom vorliegenden Leitbild wenig: "Das ist sicher nicht das Gelbe vom Ei." Die Wohnhäuser seien zu weit von der U-Bahn weg. Außerdem müsse man an die soziale Infrastruktur, wie Schulen und Kindergärten, denken. Wurm: "Das kostet alles Geld."

Geld kostet wohl auch das Gemüseanbauen. Denn für die Selbsternte nach Ökostandard muss erst einmal genügend passende Erde angekarrt werden. " Das ist sicher eine Kostenfrage", sagt Landschaftsplanerin Alice Größinger. Grundsätzlich hätte das Cityfarming in Wien aber Zukunft. "Die Leute wollen selbst garteln." (Martina Stemmer, DER STANDARD, 4.6.2012)

Nachlese Erster Teil:
Der lange Weg zur ersten Ernte

Lesen Sie im nächsten Teil:
Der schwierige Umgang mit Kleingärtnern

  • In der Wiesen in Wien- Liesing ist das von den Grünen geplante 
Cityfarming-Wohnprojekt alles andere denn eine "g'mahte Wies'n".
    foto: standard/fischer

    In der Wiesen in Wien- Liesing ist das von den Grünen geplante Cityfarming-Wohnprojekt alles andere denn eine "g'mahte Wies'n".

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