"Gefahr, dass die Sache im Sand verläuft"

Interview4. Juni 2012, 18:31
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Ilse Schrittesser warnt, dass mit der Verschiebung der Zentralmatura die Reform überhaupt ad acta gelegt werden könnte

STANDARD: Schüler, Eltern und Lehrer freuen sich über die Verschiebung der Zentralmatura. Besteht wirklich Grund zum Feiern?

Ilse Schrittesser: Das ist tatsächlich die Frage, ob es wirklich einen Grund dafür gibt. Denn ich halte sie für eine sinnvolle Einführung. Aber offenbar haben sich weder Lehrer noch Schüler ausreichend vorbereitet gefühlt. Es ist natürlich auch ein typisches österreichisches Phänomen, dass man Reformen halt ganz gerne auf die lange Bank schiebt und hinauszögert. Unser Schulsystem leidet ohnehin an einem Reformstillstand, daher sehe ich die Verschiebung der Zentralmatura sehr gespalten.

STANDARD: Und es war wohl auch wieder die Politik mit im Spiel.

Schrittesser: Ja, die Sache ist wieder in die Politik hineingerutscht. Ich denke, das Bildungs- und Schulsystem sollte endlich die Politik rauslassen. Es gehört Qualität rein und Politik raus. Man muss sich an Sachfragen orientieren und nicht an politischen Strategien.

STANDARD: Der Widerstand war wohl so groß, weil die Zentralmatura ja doch zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel führt.

Schrittesser: Ja, natürlich, es ist schon nachvollziehbar, dass große Veränderungen im System - und die Zentralmatura ist eine große kulturelle Veränderung in Österreich - auf Widerstand stoßen. Das führt automatisch zu Versuchen, die Entwicklung hinauszuzögern, wenn nicht gar zu blockieren.

STANDARD: Hinzu kommt, dass ja besonders die Lehrer auf dem Prüfstand stehen, was eine gewisse Nervosität erklärt.

Schrittesser: Aber die Lehrer sind ja auch bei jeder anderen Matura vor einer Kommission und somit auf dem Prüfstand. Wenn sie sich jetzt aber besonders auf dem Prüfstand fühlen, ist das für mich auch ein Zeichen mangelnder Professionalität. Professionelle Lehrer fühlen sich nicht auf dem Prüfstand, wenn ihre Schülerinnen und Schüler zentral geprüft werden. Im Grunde gibt die Zentralmatura der Matura wieder einen Wert - als Prognose für ein erfolgreiches Universitätsstudium. Es ist eine Aufwertung der Matura. Einen Niveauverlust, wie auch befürchtet wurde, den kann ich nicht nachvollziehen.

STANDARD: Der Druck ist jetzt offenbar doch zu groß geworden.

Schrittesser: Wenn der Druck zu groß wird und man etwas auf Biegen und Brechen einführen will, dann würde das der Sache sicher auch schaden. Vielleicht ist das - ich hoffe kurze - Moratorium ja doch sinnvoll, damit Unklarheiten beseitigt werden, die Voraussetzungen abgeglichen und die Rahmenbedingungen abgestimmt werden. Dann kann es sicher ein gutes Unternehmen werden. Nur: Auf die lange Bank sollte es wirklich nicht geschoben werden, und schon gar nicht sollte es im Sand verlaufen. Als gelernte Österreicherin hat man da ja so seine Erfahrungen ...

STANDARD: Glauben Sie, dass durch die einjährige Verschiebung die Gefahr besteht, dass die Zentralmatura überhaupt blockiert oder gar gecancelt werden könnte?

Schrittesser: Na ja, die Gefahr besteht natürlich. Da muss man seitens der Verantwortlichen sehr genau darauf achten, dass sich dieses Unternehmen nicht tatsächlich im Sand verläuft. Denn das wäre wirklich schade. Die Zentralmatura ist für das österreichische Schulsystem ein durchaus wichtiger Entwicklungssprung. (Walter Müller, DER STANDARD, 5.6.2012)

Ilse Schrittesser ist seit Oktober 2010 Professorin für Lehr- und Lernforschung und Leiterin des Instituts für LehrerInnenbildung und Schulforschung an der Universität Innsbruck. Die Bildungsexpertin war zuvor Vorständin des Instituts für Bildungswissenschaft der Universität Wien.

  • "Große Veränderungen führen automatisch zu Versuchen, sie zu blockieren": Ilse Schrittesser.
    foto: standard/andy urban

    "Große Veränderungen führen automatisch zu Versuchen, sie zu blockieren": Ilse Schrittesser.

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