Zwei Schinkenbrote für den sparsamen Gouverneur

Reportage5. Juni 2012, 15:05
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Vorgezogene Gouverneurswahl wird zum Stimmungstest für das Duell um das Weiße Haus

Chris Reeder könnte ganz allein in der Rotunde des Parlaments von Madison singen, sein voller Bariton wäre dennoch bis in den letzten Winkel zu hören, so gut ist die Akustik unter der gewaltigen Kuppel. So aber dröhnt es wie aus dem Fanblock einer Stadionkurve: Drei Dutzend Gleichgesinnte bilden einen Kreis. Von den stolzen Gewerkschaften Wisconsins handeln ihre Lieder, von der Macht der Gemeinschaft. Irgendwann recken sie die Fäuste in die Höhe. "Scotty, we're comin' for you!"

Jener Scotty, den sie sich schnappen wollen, residiert eine Etage höher hinter schweren Türen aus massiver Eiche. Scott Walker hat es der zornigen Rebellion der Tea Party zu verdanken, dass er seit Jänner 2011 im Gouverneurssessel sitzt. Ein Pastorensohn, der lieber Harley-Davidson statt Auto fährt und radikal zu sparen verspricht. Kaum im Amt, warf er den Staatsbediensteten den Fehdehandschuh hin. Mit Lehrern, Polizisten und Feuerwehrleuten sollte nicht mehr nach Tarifgruppen über das Gehalt verhandelt werden, sondern einzeln, je nach lokaler Kassenlage.

Protestlawine

Dem Traditionsbruch folgte eine Protestlawine, wochenlang besetzten Demonstranten das Parlament und zogen kühne Parallelen zum Arabischen Frühling. Walker war plötzlich wie Hosni Mubarak, das Kapitol von Madison ein zweiter Tahrir-Platz. Seitdem packt Reeder immer um zwölf Uhr Mittag die Gesangsbücher aus. Einfach, um Flagge zu zeigen.

Bei einer vorgezogenen Wahl entscheidet sich am Dienstag, ob Walker bleibt. Vorausgegangen war eine Unterschriftenaktion, um einen "Recall" zu erzwingen, ein Misstrauensvotum gegen einen Amtsinhaber. 540.000 wären nötig gewesen, rund 900.000 Signaturen kamen zusammen - ein Triumph für die Gegner des Gouverneurs. Dennoch: Die Demoskopen sagen ein denkbar knappes Ergebnis voraus.

Stimmungstest

Klar ist, dass Wisconsin einen wichtigen Stimmungstest abgibt, eine Generalprobe vor dem Präsidentenvotum im November. Denn Walker tritt, wenn auch schärfer im Ton, mit denselben Programmen an wie sein republikanischer Parteifreund Mitt Romney. Um das Budget auszugleichen, will er die Ausgaben drastisch beschneiden, Steuersenkungen sollen die Unternehmen entlasten, bis 2015 eine Viertelmillion neuer Jobs entstehen. Kein Detail ist zu nebensächlich für Walkers Sparsymbolik. Das Mittagessen, erzählt er stolz, nimmt er seit jeher mit ins Büro: zwei daheim zubereitete Schinken-Käse-Brote.

Sein Rivale, Tom Barrett, der Bürgermeister Milwaukees, klingt versöhnlich wie Barack Obama. "In Zeiten der Krise", sagt Barrett und zitiert Franklin D. Roosevelt, "müssen Politiker die Menschen zusammenbringen, statt einen gegen den anderen auszuspielen." Schweißperlen laufen ihm übers Gesicht, es ist heiß und stickig im "Pogreba's", einem Restaurant in der Kleinstadt La Crosse. Egal, der Kandidat denkt gar nicht daran, sein Sakko abzulegen. Die hemdsärmelige Art, die zu US-Wahlkämpfen gehört wie blau-weiß-roter Konfettiregen, ist nicht seine Masche. Und Obama? Der Präsident glänzt durch Abwesenheit, weder kommt er selbst noch schickt er seinen Vize Joe Biden, um die Werbetrommel zu rühren. "Ich will, dass dies eine Sache Wisconsins bleibt", sagt Barrett tapfer. "Es geht um unsere Werte."

Anders die Republikaner: Sie mobilisieren alles, was Rang und Namen hat, um Walker Rückendeckung zu geben. "Wenn Scott verliert, ergeht es uns wie Griechenland", orakelt der 80-jährige Don L. Taylor. "Dann geben wir Geld aus, bis wir pleite sind. Lieber weniger Staat, dafür mehr Freiheit."

Zufluchtsort der Deutschen

Kompromisse zu schmieden, das war lange ein Markenzeichen Wisconsins. Deutsche Einwanderer, viele 1848 aus ihrer Heimat geflohen, brachten nicht nur Bier und Sauerkraut mit nach Milwaukee. Sie kamen mit dem Glauben an den Wert guter, kostenloser Schulen und der Überzeugung, dass ein rationales Staatswesen zum Wohle der Bürger aktiv handeln muss. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwarb sich Wisconsin mit Neuerungen wie dem Arbeitslosengeld den Ruf, das führende Reformlabor der USA zu sein. 1959 war es der erste Bundesstaat, der seinen Angestellten Tarifrechte zubilligte. Heute setzt die Tea Party mit ihrem bedingungslosen Individualismus völlig andere Akzente.

"Haltet das Fort!", lässt Chris Reeder anstimmen, bevor er die Liederstunde für dieses Mal beendet. Pensionisten halten sich an den Händen, zwischendrin einige wenige jüngere Gesichter. Aber kein Afroamerikaner, kein Latino. Vielleicht liegt es an den vielen grauen Bärten, dass die Szene ein wenig nostalgisch wirkt. "Haltet die Festung, höret das Horn!", singen sie lautstark. "Haltet die Festung, wir kommen!" (Frank Herrmann aus Madison, DER STANDARD, 5.6.2012)

  • "Scotty, wir werden dich schnappen!", drohen Demonstranten im Kapitol von Madison. 
    foto: standard/herrmann

    "Scotty, wir werden dich schnappen!", drohen Demonstranten im Kapitol von Madison. 

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