Bäume wachsen manch­mal doch in den Himmel

4. Juni 2012, 17:00
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In der Nähe des Mailänder Bahnhofs Garibaldi soll an der Außenfassade zweier noch zu errichtender Häuser ein vertikaler Wald entstehen

Die italienische Finanzmetropole und heimliche Hauptstadt Italiens, Mailand, bekommt endlich neue Bäume. Diese würden in einem herkömmlichen Wald eine Fläche von 10.000 Quadratmetern einnehmen. Doch die rund 800 Bäume wachsen nicht im Wald, und sie wachsen auch nicht in herkömmlicher Weise. Es handelt sich um einen vertikalen Wald.

Die Bäume und Pflanzen werden in zwei 76 beziehungsweise 110 Meter hohen Wohngebäuden mit bis zu 27 Stockwerken gepflanzt. Das ist keine Vision. Es ist Realität. Die weltweite Designmetropole Mailand wird nun endlich auch im Bereich der nachhaltigen Architektur tonangebend.

Architekt und Kulturminister

Das vom Architektenstudio Stefano Boeri Architetti entworfene Projekt soll bis 2013 fertiggestellt sein. Dann soll auch mit dem Verkauf der luxuriösen "grünen" Appartements begonnen werden. Über die Kosten der neuen Wohnungen schweigt man sich noch aus. Bedenkt man, dass der Quadratmeter Wohnfläche in der Mailänder Innenstadt bis zu 14.000 Euro reicht, werden die Baumhäuser sicherlich nicht billig sein. Schließlich muss das Bewässerungssystem mit aufbereitetem Abwasser zur Erhaltung der Pflanzen und die Solaranlagen für die Stromversorgung bezahlt werden.

Standort ist das Stadtviertel "Isola" rund um den Bahnhof Garibaldi, die Straßen Via De Castillia und Via Confalonieri. Das ist keine fünf Minuten vom neuen Hauptquartier der Bank-Austria-Mutter, Unicredit, entfernt.

Dass die Genehmigung und der Bau der innovativen Baumhäuser relativ schnell vorangeht, ist kein Wunder. Denn Architekt Stefano Boeri ist gegenwärtig Kulturminister der Stadt Mailand. Er will das Projekt als ökologisches Vorzeigemodell bei der Weltausstellung Expo 2015 bereits "bewohnt" präsentieren. Mit den begrünten Türmen soll zum einen CO2 und Feinstaub aus der Luft gefiltert werden, zum anderen wird durch die Begrünung das Mikroklima in der Stadt verbessert. "Damit haben wir zwei Fliegen auf einen Schlag getroffen", freut sich der Architekt. Boeri ist politisch den linken Demokraten (DS) verbunden und steht seit einem Jahr dem Mailänder Kulturamt vor.

Offensichtlich handelt es sich bei dem innovativen Projekt auch um ein Modell für nachhaltige Architektur. Es entsteht ein innerstädtisches Ökosystem, von dem jeder nachhaltig profitiert. Die zwei Hochhäuser im Zentrum Mailands sollen zum "Hundertwasserhaus Mailands", zur Attraktion für Touristen, avancieren, sagte der Kulturwissenschafter Carlo Bertelli dem STANDARD.

"Bosco Verticale" heißt das Projekt auf Italienisch, "vertikaler Wald" auf Deutsch. Die zwei Gebäude werden in ihrer Außenhülle 480 große und mittlere Bäume, 250 kleine Bäume, 5000 Büsche und 11.000 Bodendeckerpflanzen beherbergen. Unglaublich ist aber auch die nachhaltige Architektur der Bauten. Der vertikale Wald schafft es mit dieser weltweit einmaligen Fassadengestaltung, innerstädtische Bereiche nicht mehr als reine Beton- und Steinwüsten erscheinen zu lassen. Vielmehr wird das Aussehen eines Gebäudes hier von der Art des Baumwuchses und der Form, Farbe und den jahreszeitlichen Veränderungen des Blattbestandes beeinflusst.

Grün wird "in" in Mailand

Diese nachhaltig gebauten Hochhäuser bieten noch viel mehr als nur einen "grünen Anstrich". Es handle sich um "eine Art biologische Architektur", schreibt die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera". Diese Architektur lehnt es ab, sich der Nachhaltigkeit im urbanen Umfeld auf technischem oder mechanischem Wege zu nähern.

Mailand war bisher eher für seine graue Bauten, Betonwüsten und wenig Grün bekannt. Großstädte generell sind nicht immer ein Eldorado für die Wohnkultur. Jahrzehntelang wollte man in Mailand auf die Natur ganz verzichten, um dem Big-City-Life zu frönen. Nun wird auch in der 1,9-Millionen-Stadt Mailand wieder der Country-Kick "in".

Der vertikale Wald leitet eine Trendwende ein. Laut der Mailänder Stadtverwaltung gelten die beiden 70 Millionen Euro teuren Gebäude als Anfang für einen Grüngürtel "BioMilano" der rund 60 verlassene landwirtschaftliche Betriebe als gemeinsame Flächen nutzen soll. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, 2./3.6.2012)

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Infos und Bilder auf stefanoboeriarchitetti.net

  • Mailand will sich ein grüneres Image geben. Der vertikale Wald unweit des Bahnhofs Garibaldi soll eine Touristenattraktion werden.
    foto: studio boeri

    Mailand will sich ein grüneres Image geben. Der vertikale Wald unweit des Bahnhofs Garibaldi soll eine Touristenattraktion werden.

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