Wo man Stilvielfalt und Zwillinge bucht

4. Juni 2012, 17:23
posten

Kunstfestspiele Herrenhausen mit Tradition und Moderne

Aus Wien kommend, dachte Bianca Jagger wohl, mit ihrer Eröffnungsrede und der anschließenden Pressekonferenz bei den Kunstfestspielen Herrenhausen ausreichend Herausforderndes bewältigt zu haben. Dann allerdings kam Jagger, die bei Pressegesprächen keine privaten Fragen duldet, während der ersten Premiere, "Geometrie der Liebe", just neben dem Zimmer des heftig pubertierenden Industriellensohnes Pietro zu sitzen - und es wurde nicht nur ziemlich laut.

Im emotionalen Überschwang greift Pietro zur Stromgitarre und würgt in Form von Hendrix' "Purple Haze" und "Come Together" (Beatles) just die 1960er aus dem Instrument. Es hätte nur noch gefehlt, dass er direkt neben der Exgattin von Mick Jagger einen Stones-Song explodieren lässt - und vollendet wäre für die ohnedies etwas gequält blickende Frau Jagger die wohl nicht sehr herbeigesehnte Begegnung mit jener Zeit, zu der man sie nicht befragen darf.

Anderseits: Das war nur ein winziger Moment des (räumlich originell auf sechs Stationen verteilten) Musiktheaters von Alexander Charim und Michael Rauter, welches Motive aus Pasolinis Film "Teorema" verarbeitet. Der Zuschauer sitzt da zwischen sechs Wohnräumen einer italienischen Familie und darf jedes Mitglied beim Leben beobachten. Die gelangweilte, kettenrauchende Gattin Lucia ebenso wie die verträumte Tochter Odetta und auch den wilde Motivationsreden schwingenden, kollabierenden Familienvater Paolo. Und natürlich auch Emilia, das unzufriedene Dienstmädchen.

Auf mehreren Ebenen

Zusammen mit der Erzählerstimme, projizierten Texten und dem schließlich auch mitagierenden Solistenensemble Kaleidoskop ergibt das ein delikates Multimedia-Musikheater, in dem Dynamik durch simultane Abläufe auf mehreren Ebenen entsteht, besonders als in diesen scheinbar wohlgeordneten Alltag ein ungezügelter Besucher eindringt. Er bringt Leben ins Leben der Familie, pulverisiert das "fragile Gleichgewicht" (auch Motto des Festivals) und hinterlässt, nachdem er mit jedem eine "Beziehung" einging, demaskierende Leere.

Musikalisch ist diese enigmatisch angelegte Geschichte mit einem Mix aus Tradition und Moderne umhüllt worden: Da hört man Schubert und Nono ebenso wie Monteverdi, Sciarrino und Charles Aznavour - immer das eben, was der szenischen Tonart angemessen scheint.

Diese Vielfalt ist natürlich auch verwandt mit dem Gesamtkonzept dieses von Elisabeth Schweeger geleiteten Festivals, das Geschichte und Gegenwart bindet und die räumlichen Möglichkeiten des barocken Gartens vor Schloss Herrenhausen nutzt. Da steht man im Rahmen einer Klanginstallation, "Outside-Here" (Tamara Grcic), vor einem Wohnwagen mit Holzlautsprechern, aus denen es im Sinne der Vergänglichkeit tickt. Da darf man bei "Twin Talk" auch einen Gesprächsspaziergang mit Zwillingen buchen. Olaf Nicolais Projekt zielt auf die Herstellung einer Situation, in der die Begegnung mit einem doppelten Gegenüber die Fragilität der Wahrnehmung vorführt.

Womöglich etwas verwirrt, darf man sich im Foyer der Orangerie aber von der entschleunigenden Videoarbeit "Assembly" von Michael John Whelan in eine Winterlandschaft entführen lassen, die immer wieder anonyme Individuen durchschreiten.

Man sieht, Intendantin Schweeger hat ein über normale Formate hinausreichendes Konzept etabliert, das nun zum dritten Mal aufgeht und für Hannoveraner Verhältnisse offenbar schon "Brauchtum" darstellt, wie Bürgermeister Weil bei der Eröffnung launig bemerkte. In spannend-fragilen Budgetzeiten ist es für ein modernes Festival auch nicht das Schlechteste, nach so kurzer Zeit als unverzichtbare Tradition betrachtet zu werden. (Ljubiša Tošić aus Hannover, DER STANDARD, 5.6.2012) 

  • Großgefühle bei den Kunstfestspielen Herrenhausen: "Geometrie der Liebe".
    foto: mahramzadeh

    Großgefühle bei den Kunstfestspielen Herrenhausen: "Geometrie der Liebe".

Share if you care.