Wie eine lebende Wand Natur in den Raum bringt

  • Drei- bis viermal im Jahr müssen die vertikal wachsenden Pflanzen gestutzt werden.
    foto: art aqua

    Drei- bis viermal im Jahr müssen die vertikal wachsenden Pflanzen gestutzt werden.

Eine deutsche Firma erweckt Räume mit Grünen Wänden zum Leben. Die Pflanzen filtern Schadstoffe, produzieren Sauerstoff und befeuchten die Luft

Wien - Saftiges Grün im Büro oder in den eigenen vier Wänden ist schon etwas Feines. Das Raumklima wirkt freundlicher, die Luft ist sauberer, der Lärmpegel geringer, der Wohlfühlfaktor größer. Allerdings nur, solange man die Gewächse auch hegt und pflegt. Geht ein Pflanzenschutzbeauftragter auf Urlaub oder fühlt sich die Person aus unerfindlichen Gründen plötzlich nicht mehr für das Gießen zuständig, wird aus dem kräftigen Grün sehr schnell ein blasses Braun.

Mit der Farbe der Blätter verändert sich auch das Raumklima. Und das nicht unbedingt zum Besseren. Welke Blätter müssen abgezupft, tote Pflanzen entsorgt werden. In der Gärtnerei muss neues Grün gekauft und ins Büro gekarrt werden. Insekten und anderes Gekreuche werden durch den ganzen Aufruhr aufgescheucht. Sie müssen sich im Zimmer nach dem Absterben ihrer Pflanze nach alternativen Behausungsmöglichkeiten umsehen. Auf dem Bürotisch zum Beispiel, wo vielleicht ein Brotkrümel lockt.

Geschäumtes Glas statt Erde

Diesen Teufelskreislauf durchbricht die deutsche Firma Art Aqua. Das Unternehmen mit Sitz in Bietigheim-Bissingen nahe Stuttgart hat das System einer lebenden "Grünen Wand" perfektioniert. Auf einem Edelstahlgerüst werden 40 mal 60 Zentimeter große Grünflächen, die in einer Gärtnerei drei bis vier Monate vorkultiviert werden, vertikal angepflanzt. In der Wand ziehen die Gewächse die Nährstoffe nicht aus der Erde, sondern aus geschäumtem Glas. Dieses Trägermedium, in dem die Pflanzen stecken, lässt mit Dünger angereichertes Wasser durch, die Wurzeln werden mit Feuchtigkeit und Nährstoffen versorgt.

Da das komplett anorganische Material - anders als die Erde - nur den Gesetzen der unbelebten Natur gehorcht, werden auch keine Bakterien oder Ungeziefer von den Pflanzen angezogen. "Es wird auch kein Schimmel gebildet", sagt Ivo Lai, der Geschäftsführer von Art Aqua, dem STANDARD. "Ungeziefer sucht sich immer Nährboden, um zu überleben. Im geschäumten Glas ist aber nichts da."

Die Bewässerung der lebenden Grünen Wand, in der bis zu 15 verschiedene Pflanzen wie Fici, Farne oder Orchideen wachsen, erfolgt automatisch. Über einen Wasserbehälter am Boden wird der Kreislauf gestartet, jede Stunde wird die Flüssigkeit mit Pumpen nach oben befördert. Die unteren Stockwerke werden dank der Schwerkraft versorgt.

Auch Grassers gärtnern vertikal

Die Grüne Wand filtert im Raum Schadstoffe, produziert Sauerstoff und schluckt Geräusche. Darüber hinaus befeuchtet sie auch die trockene Luft. "Eine mittelgroße Pflanze lässt 200 Milliliter Wasser pro Tag verdunsten", sagt Lai. "Ein Quadratmeter Grüne Wand kann für das 15- bis 20-Fache dieser Leistung sorgen. Weil stündlich Wasser fließt, verdunsten zwischen 3,5 und vier Liter pro Tag. Das System ist weit effektiver, als es eine normale Pflanze je schaffen würde." In Wandnähe werden bis zu 80 Prozent Luftfeuchtigkeit gemessen, wenige Meter weiter weg sind es noch 50 Prozent.

350 Großprojekte dieser Art hat Art Aqua weltweit in den vergangenen sechs Jahren realisiert. Wasserwände für die Verbesserung der Luftfeuchtigkeit, die Art Aqua ebenfalls im Angebot führt, sind da nicht mitgerechnet. Bei Toyota in Salzburg steht eine Grüne Wand, auch die Sportclinic Medalp in Imst setzt darauf. Und in der Wiener Innenstadt wachsen im Penthouse von Karl-Heinz Grasser und Fiona Swarovski Pflanzen vertikal.

Überprüfung per Internet

Die Überprüfung dieser Systeme geschieht übers Internet. So kann von der Konzernzentrale aus auch der Säuregehalt des Wassers gemessen werden. Passt er nicht, wird mehr Dünger dazugegeben. Fällt eine Pumpe aus, wird auch das registriert. "Und wenn die Fernwartung nicht funktioniert, rufen wir beim Kunden an oder fahren hin." Drei- bis viermal pro Jahr müssen die Pflanzen gestutzt werden. Wer will, kann selbst Hand anlegen, ansonsten bietet Art Aqua den Service an.

Da die Nachfrage auch von Privatpersonen stieg, ist seit einem halben Jahr eine mobile Wand zu haben. Lai empfiehlt die Lösung Menschen, die Probleme mit den Bronchien haben, mit (Staub-)Allergien oder Neurodermitis kämpfen. Billig ist die Wand nicht. Eine 2,3 Meter hohe und 0,85 Meter breite Installation als günstigste Variante kostet 6400 Euro. Bei Fehlern im System geht die Meldung nicht an Art Aqua, sondern an den Kunden. Lai: "Er bekommt von uns eine Anleitung, wie er damit umzugehen hat."

Eigentlich, sagt Lai, beschäftigt er sich nur mit einem "banalen Thema. Wir bringen kontrollierte Natur in den Raum." Das Geschäft boomt, nur der US-Markt wird gescheut. "Der amerikanische Zoll sieht es nicht gern, wenn Pflanzen aus anderen Ländern importiert werden."  (David Krutzler, DER STANDARD, 2./3.6.2012)

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3 Postings
Drei- bis viermal im Jahr müssen die vertikal wachsenden Pflanzen gestutzt werden.

spannende züchtung !

dei meisten terristrischen pflanzen wachsen doch horizontal .. oder habe ich da was falsch verstanden ?

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