Imagepolitur mit Anti-Utopien

4. Juni 2012, 17:25
6 Postings

Mit einer großen Kunst-Biennale versucht man in Kiew, rechtzeitig vor Beginn der Fußball-EM die eigene Weltläufigkeit unter Beweis zu stellen

24.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, mehr als 100 Künstler, darunter große internationale Namen, ein dichtes Rahmenprogramm und all das in einer Metropole, in der bildende Kunst sonst eine eher nachrangige Rolle spielt: Die vergangene Woche in Kiew eröffnete Arsenale 2012 ist der größte Kunstevent, den die Ukraine je gesehen hat.

Der künstlerische Paukenschlag kommt nicht von ungefähr: In der Kunstszene Kiews war seit geraumer Zeit über diese "Fußball-Biennale" gespöttelt worden. Premierminister Mykola Asarow machte bei der offiziellen Eröffnung auch kein Hehl aus dem EM-Zusammenhang: "Die beiden Ereignisse sind verbunden - sie machen Kiew für einige Zeit zu einem Zentrum interessanter Veranstaltungen", formulierte er hölzern.

Die politische Funktion dieser ersten Ausgabe einer ukrainischen Biennale ist augenscheinlich: Es gilt mit Kunst das angekratzte Image des Landes aufzupolieren. Während in Bezug auf Fußball aber gar über einen möglichen Boykott der Ukraine diskutiert wurde, blieb künstlerischer Protest völlig aus. Dabei wird der umstrittene Präsident Wiktor Janukowitsch groß als Unterstützer der Biennale abgefeiert. Den Veranstaltern selbst half dies nur bedingt: Trotz einer Anordnung des Staatschefs war zur Eröffnung der Biennale der zugesagte staatliche Anteil am Budget, 50 Prozent von 3,7 Millionen Euro, noch immer nicht zur Gänze überwiesen.

Gute, schlechte Zeiten

Der finanzielle Engpass führte unmittelbar vor der Eröffnung zu chaotischen Zuständen. Auch danach bekam man organisatorische Probleme erst langsam in den Griff - viele Videoprojektionen funktionierten zunächst gar nicht, einige Beschriftungen fehlten.

Doch zurück zur absolut sehenswerten Großausstellung. "The Best of Times, the Worst of Times" nennt Kurator David Elliott das Hauptprojekt - der Titel verweist auf einen Roman von Charles Dickens über die Französische Revolution. Der Brite Elliott, der zuvor Museen in Stockholm, Tokio und Istanbul sowie die Biennale in Sydney geleitet hat, setzt auffällig stark auf asiatische Kunst und auf plakative Installationen, die sich mit neuen Aufbrüchen und Apokalypsen beschäftigen - und dabei neue Welten schaffen: Die 2010 verstorbene Louise Bourgeois ist mit einer Gefängniszelle vertreten, die japanischen Künstlerin Yayoi Kusuma hat eine maikäferinspirierte Wohlfühlzone eingerichtet, Kollegin Chiharu Shiota ein Zimmer mit Kleidern und Fäden in eine Traumlandschaft verwandelt.

Aber auch die dunkle Seite kommt nicht zu kurz. Der Holländer Folkert de Jong thematisiert mit seiner Installation aus kleinen Soldaten, die einen Riesensoldaten exekutieren, oftmals heroisierte Gewaltszenen, der griechische Maler Stelios Faitakis beschäftigt sich in seiner ikonenartigen Historienmalerei mit brutalen Episoden der ukrainischen Geschichte. Und die britischen Brüder Chapman erwecken gar Nazis zu neuem Leben: In einer antiutopischen Installation verweisen sie auf die Große Deutsche Kunstausstellung des Jahres 1937 - bei den Chapmans delektiert sich die SS allerdings an modernistischer Kunst. Seinerzeit war natürlich Nazi-Kitsch bevorzugt worden.

Und auch einer weiteren Aufgabe wird die Arsenale gerecht, die lokale Kunstszene wird gekonnt im internationalen Kontext präsentiert. Neben einer polnisch-ukrainischen Parallelausstellung hat auch Hauptkurator Elliott in seiner Riesenschau massiv auf Künstler aus der Ukraine gesetzt - insbesondere auf den Nachwuchs: So präsentiert Mykola Ridnyj ein eindrucksvolles Video aus seiner Heimatstadt Charkiw, das die Demontage eines sowjetischen Denkmals dokumentiert. Nikita Kadan zeigt seine bekannten Porzellanteller, auf die er Folterszenen malte. Und natürlich kommen Altmeister vor: Konzeptkünstler Ilja Kabakow, der im ukrainischen Dnjepropetrowsk zu Welt kam, ist mit einer Auswahl utopischer Projektskizzen vertreten. (Herwig Höller aus Kiew, DER STANDARD, 5.6.2012)

Arsenale 2012. Bis 31. 7.2012

  • Die britischen Chapman-Brüder machen in Kiew mit untoten Nazis ihre 
Aufwartung: Die NS-Banauserie in Sachen Kunst wird in ihr Gegenteil 
verkehrt.
    foto: höller

    Die britischen Chapman-Brüder machen in Kiew mit untoten Nazis ihre Aufwartung: Die NS-Banauserie in Sachen Kunst wird in ihr Gegenteil verkehrt.

Share if you care.