Sag der Vernunft auf Wiedersehen

4. Juni 2012, 17:21
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Lust am Fantasieren: "Alice im Wunderland" im Wiener Renaissancetheater überzeugt auf vielfacher Ebene

Wien - Manchmal braucht es einen Ausflug in die Absurdität, um in der rationalen Welt wieder klar denken zu können. Das lebt die Protagonistin in Lewis Carrolls Alice-Romanen seit 1865 Kindern vor, die sich wie sie in der konformistischen Welt der Erwachsenen langweilen oder angesichts der unzähligen Benimmregeln verzweifeln.

Man würde meinen, der bekannte Stoff bedürfe keiner weiteren Kniffe, um auch auf der Musicalbühne zu überzeugen. Die Neuanordnung von Henry Mason am Wiener Theater der Jugend zeigt aber auf, dass die Lust am Fantasieren mit ein paar zusätzlichen Ideen noch wächst. Zum einen sind da das erstaunlich wandelbare Bühnenbild (Jan Meier), das vor allem durch den genialen Einsatz von Schrift überrascht, sowie die eingängige Musik von Thomas Zaufke, die live im Hintergrund der Bühne interpretiert wird. Zum anderen sind die Mehrfachrollen klug besetzt.

Jede Figur des viktorianischen Elternhauses bekommt ihre Entsprechung im Wunderland, und Alice lernt durch die Lösung von Konflikten im Traum, wie sie auch jene im Familienleben bewältigen kann. Zudem verbindet die Charaktere hier ein Beziehungsgeflecht, das die im Original eher disparaten Begegnungen glaubwürdig aufeinander bezieht.

Uwe Achilles (Vater/ Herzkönig) und Julia Ribbeck (Gouvernante/Herzkönigin) machen ihre Sache gewohnt gut, sie geben ein herrlich ungleiches Königspaar ab. Besser machen es nur der hoppelnde Merten Schroedter (Gärtnerjunge / Weißes Kaninchen) und die souveräne, stimmlich wie spielerisch überzeugende Natalie Ananda Assman als Alice.

Mason hat Alice' Reise hinreichend motiviert, die freie Behandlung des Textes fügt der Inszenierung Stringenz hinzu. Am Ende steht eine der besten Adaptionen der letzten Jahre und ein aufregendes Musical, das für Kinder ab sechs Jahren konzipiert ist, aber auch Erwachsenen eine Möglichkeit bietet, der bedeutungsvollen Welt für zwei Stunden zu entfliehen. (Timon Mikock, DER STANDARD, 5.6.2012)

Bis 27. Juni, Theater der Jugend, 1070 Wien, Neubaugasse 38

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    foto: theater der jugend
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