Von bösen und guten Ausländern

Blog5. Juni 2012, 09:33
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Westler geraten immer wieder in die chinesischen Medien - sowohl im Positiven als auch im Negativen. Diesmal von den guten Fremden

Die meisten Chinesen sehen Westler noch immer als "Aliens" und bringen ihnen Neugierde und zurückhaltende Höflichkeit entgegen. Ausländer genießen in China eine Sonderstellung, die einerseits auf ihrer Andersartigkeit, aber vor allem darauf beruht, dass Chinesen kaum Englisch können und im Regelfall einfach nicht wissen, was sie tun sollen, so dass sie jede Konfrontation mit Ausländern vermeiden. Sie leben ein meist unauffälliges Lehrerleben, gehen am Wochenende in Ausländerpubs und schaden niemandem, so das bisherige Image. In den letzten Monaten gibt es jedoch immer mehr Ausländer, die es in die chinesischen Medien schaffen und heiß diskutiert werden.

Der gute Samariter

Ein Brasilianer, der in der Stadt Dongguan einen Handtaschenraub verhindern wollte, wurde von den Dieben auf offener Straße verprügelt, während etliche Passanten, Bürgermilizen und das potenzielle Opfer selbst zusahen und weder die Polizei riefen noch eingriffen. Erst nachdem die Angreifer verschwunden waren, boten Passanten ihre Hilfe an. Der sogenannte "Gute Samariter" hatte etliche Verletzungen und sagte chinesischen Medien nach dem Vorfall, er sei enttäuscht und erschrocken darüber, dass niemand ihm geholfen hatte; er würde so etwas nie wieder tun. Die Reaktionen auf Weibo (Chinas populärem Twitterdienst) waren keineswegs positiv: Warum macht er auch so was? Wie kann man erwarten, dass unbescholtene Bürger sich wegen eines Ausländers in Gefahr begeben?

Der berühmte Pappbecher

Der prominenteste "zu gute Westler" ist ausgerechnet der US-amerikanische Botschafter in China, Gary Locke, der von den chinesischen Medien als imperialistische Waffe zur Desintegration der chinesischen Gesellschaft deklariert wurde, weil er den Dissidenten Chen Guangchen in der US-Botschaft aufgenommen hatte. Davor hatte er jedoch bereits eine riesige Fangemeinde auf Weibo angesammelt, weil er auf einem Flughafen seinen eigenen Rucksack trug, eigenhändig Kaffee bestellte und sich auch sonst ganz Botschafter-untypisch verhielt. Der Botschafter mit chinesischen Wurzeln war anfangs als Chinese gehypt worden, bis er unmissverständlich zu verstehen gab, dass er trotz seines Aussehens durch und durch Amerikaner sei und für die amerikanischen Werte einstehe.

Indirekte Kritik

Innerhalb Chinas gibt es heiße Diskussionen, ob sein Auftreten lediglich eine offene Werbung für den "American Way of Life" ist oder ob es tatsächlich einfach nur seine Art ist, seinen Kaffeebecher selbst zu halten und seine Tochter eigenhändig in die Schule zu fahren. In einem Land, wo selbst unterste Beamte eine Dame haben, die ihnen die Taschen und Regenschirme hinterherträgt, eine Sensation. Und eine direkte Kritik an dem gottgleichen Auftreten der chinesischen Politiker, die Unmengen von Geld für solche Prestigebeweise ausgeben. Die chinesische Propaganda ließ nicht lange auf sich warten - die Medien versuchten in der Vergangenheit immer wieder, Locke anzuschwärzen. Doch darauf folgten stets empörte Reaktionen. Manche Medienbeobachter halten die Popularität von Locke für eine kaum versteckte Kritik an den chinesischen Beamten und der Korruption. Die gegenwärtige Strategie der Zensurbehörden ist eine Minimierung von Artikeln über Locke - er soll am besten vollkommen aus der Medienlandschaft verschwinden.

Sein Ziel, mehr Zusammenarbeit und Verständnis zwischen den beiden Ländern zu fördern, könnte durch den Chen-Vorfall jedoch stark erschwert worden sein. Chen war im April aus seinem Hausarrest in die US-Botschaft in Peking geflohen und hatte dort um Hilfe ersucht. Die chinesischen staatlichen Medien verurteilten dieses Vorgehen scharf und erwarten noch immer eine Entschuldigung; die USA hätten durch den Vorfall versucht, die chinesische Innenpolitik anzuschwärzen. Seitdem berufen sich immer mehr Weibo-Nutzer in ironischen Kommentaren darauf, nennen positiv auffallende Ausländer "anti-chinesische Kräfte" und feuern die Medien sarkastisch dazu auf, sie so schnell wie möglich zu verdammen, wie auch in der Diskussion um den "Fritten-Bruder" von Nanjing.

"Brother French Fries"

Anfang Mai machte Jason Loose aus Los Angeles in seiner derzeitigen Heimatstadt Nanjing Schlagzeilen. Ein Weibo-User hatte ein Foto von ihm gepostet, auf dem er mit einer Bettlerin vor einer McDonald's-Filiale seine Pommes frites teilt und sich mit ihr unterhält. Weibo lief sofort heiß mit Kommentaren über seine möglichen Beweggründe. In einem Interview mit chinesischen Medien erzählte er die Geschichte der über 80-Jährigen und sagte, jeder Mensch verdiene Respekt. Der Chinesischstudent, der von der Community den Kosenamen "Brother Fries" erhielt, wurde innerhalb von Tagen Weibo-berühmt und sorgte für viele Diskussionen über Nächstenliebe, Integration von Ausländern in die chinesische Gesellschaft, aber auch über übertriebene und ungerechtfertigte Publicity. Viele ironische Kommentare verlangten vom Außenministerium, solche staatsgefährdenden Aktionen endlich zu verbieten.

Sein Fall zeigt die groteske Situation von Ausländern in China: Egal, was man tut, man ist immer im Netz der internationalen Politik gefangen. Als Westler ist es wirklich schwer, etwas unabhängig tun; jede Handlung wird auf das Westlersein reduziert und diskutiert, egal ob man Bettlern hilft oder die Essstäbchen falsch benutzt. (An Yan, daStandard.at, 5.6.2012)

  • Dieses auf Waibo verbreitete Foto machte Jason Loose zu einer lokalen Berühmtheit.

    Dieses auf Waibo verbreitete Foto machte Jason Loose zu einer lokalen Berühmtheit.

  • Die Medien interessierten sich für seine Beweggründe.

    Die Medien interessierten sich für seine Beweggründe.

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