Das apulische Theater will fliegen

5. Juni 2012, 11:15
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Der erste "Puglia Showcase" in Brindisi, Barletta und Taranto

Seit der Dichter Nichi Vendola "Landeshauptmann" der Region Apulien geworden ist, werden vermehrt Anstrengungen unternommen, die Marke "Puglia" im Kulturbereich auch international zu verankern. Nach dem Film (Apulia Film Commission ) und der Musik (Puglia Sounds) war jetzt das Theater an der Reihe. Mit Hilfe von "umgeleiteten" Zielgebiet-1-Fonds der EU fand in Brindisi, Barletta und Taranto der ambitioniert aufgezogene "Puglia Showcase" statt, bei dem nicht nur dem einheimischen Publikum, sondern auch Kritikern, Produzenten und Festivaldirektoren aus aller Welt die geballte Produktivkraft des süditalienischen Territoriums vor Augen geführt werden sollte.

Viele Inszenierungen hatten lokale Bezüge: "Emorragia Cerebrale" (Hirnschlag) der Gruppe Fibre Parallele etwa schildert die zerstörerische Dynamik einer aus Vater, Sohn, Braut, Tante und einem Aal bestehenden Horrorfamilie - in striktem Dialekt der Stadt Bari.

In "Io provo a volare!" (Ich versuche zu fliegen!) nimmt der virtuose Mime Gianfranco Berardi die Lieder des aus Apulien stammenden Gesangstars Domenico Modugno (weltberühmt eben für "Volare") zum Anlass, um (halbautobiografisch) von den (vergeblichen) Versuchen eines angehenden Schaupielers zu berichten, aus der Enge der Provinz auszubrechen.

Schwankende Qualität der Texte

"Sequestro all'italiana" (Kidnapping auf Italienisch) von Michele Santeramo behandelt die Anekdote zweier Schulwarte, die so tun, als würden sie eine Klasse als Geisel nehmen, nur um mit dem Bürgermeister sprechen zu können.

"Acido Fenico" (Karbolsäure) schließlich dramatisiert die Lebenserinnnerungen des berüchtigten apulischen Camorristen Mimmo Carunchio. Aber: So etwas wie eine gemeinsame "apulische" Handschrift konnte man diesen Stücken - das mag auch an der Vorauswahl durch eine Jury gelegen sein - nicht entnehmen. Und die Kombination der nicht gerade großen Originalität der dramaturgischen Konstruktionen und der stark schwankenden Qualität der Texte und Ensembles mit den strikt regionalen Verweisen machte die meisten dieser Produktionen für den eigentlichen Zweck des Showcases, nämlich die Transferierbarkeit, die "Exportfähigkeit" des apulischen Theaters zu erhöhen, genau genommen unbrauchbar.

So blieb es dem Projekt "Sonno" (Traum) der Gruppe Opera vorbehalten, für einen zwar eigenständigen, aber, was den ästhetischen Standard betrifft, international absolut konkurrenzfähigen Abend zu sorgen. Ein onirisches Bildertheater, mit wenig Worten, vielen Masken, merkwürdigen Schreien und immer wieder verblüffenden, perfekt gemachten und perfekt getimten Bühneneffekten wie in sich zusammenfallenden Ölgemälden, riesigen schwingenden Pendeln und plötzlich auftauchenden Waschbecken.

Hypnotischer Sog

Worum es dabei geht? Etwa um Goyas Monster und Macbeths Alpträume, wie im Programmheft angedeutet? Keine Ahnung, aber eigentlich egal. Auch wenn man sich gelegentlich mehr "Inhalt" gewünscht hätte, ist es doch völlig ausreichend, wenn man eine Stunde lang aus dem Staunen nicht herauskommt und sich dem fast hypnotischen Sog dieser theatralen Gegen-Welt nicht entziehen kann.

Nach diesem ersten "Showcase" ist zwar vorerst nicht zu erwarten, dass die Festivals von Salzburg bis Sydney von apulischen Theatermachern überschwemmt werden. Aber ein Anfang ist gemacht. Besonders vom ziemlich einzigartigen Experiment der "teatri abitati" (bewohnten Theater), bei dem 34 Theatergruppen drei Jahre lang zwölf leerstehende Theater in der ganzen Region für "Territorialarbeit" zur Verfügung gestellt werden, lässt sich einiges erwarten.

Und die einheimischen Olivenbäume tragen schließlich auch erst ab dem 14. Jahr Früchte. (Robert Quitta aus Apulien, derStandard.at, 5.6.2012)

  • "Io provo a volare!"
    foto: puglia showcase

    "Io provo a volare!"

  • "Sequestro all'italiana"
    foto: puglia showcase

    "Sequestro all'italiana"

  • "Acido Fenico"
    foto: puglia showcase

    "Acido Fenico"

  • "Sonno"
    foto: puglia showcase

    "Sonno"

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