Das schwierige zweite Jahr

  • Znojmo-Trainer Martin Stloukal: "Imports haben wir geholt, damit unsere jungen Eigenbauspieler von ihnen lernen können."
    foto: rostislav pfeffer/hcorli.cz

    Znojmo-Trainer Martin Stloukal: "Imports haben wir geholt, damit unsere jungen Eigenbauspieler von ihnen lernen können."

Nach der überraschend erfolgreichen Premierensaison strebt Orli Znojmo im kommenden Jahr nach mehr

Nach der Ende Mai verhandelten und am vergangenen Wochenende endgültig vollzogenen Renationalisierung der Erste Bank Eishockey Liga stehen in der kommenden Saison nur noch vier nicht-österreichische Teams aus vier Nationen im Bewerb. Der jüngste dieser internationalen Vertreter ist mit Orli Znojmo ein Klub, der erst im Sommer 2011 in die Liga einstieg, im September also in seine zweite Spielzeit in der grenzübergreifenden Liga in Mitteleuropa startet. Die Herausforderung besteht nun darin, die Erfahrungen des ersten Jahres zu verarbeiten und in zukünftigen Fortschritt umzumünzen. Kein leichtes Unterfangen, sammelten doch drei der vier internationalen Klubs in ihrem zweiten EBEL-Jahr weniger Punkte als in ihrem ersten.

Holpriger Start ins Premierenjahr

Die Ankunft der Tschechen im neuen Umfeld vor knapp einem Jahr gestaltete sich recht unsanft, nach sechs Niederlagen in den ersten sieben Spielen musste Trainer Karel Soudek seinen Sessel räumen und wurde durch seinen Assistenten Martin Stloukal ersetzt. Unter dem neuen Coach, der das U20-Team des Klubs ein Jahr zuvor zum prestigereichen tschechischen Meistertitel führte, lief es für Znojmo besser: Vier Erfolge am Stück bedeuteten die längste Siegesserie der Saison für die Adler, nach den 40 Partien des Grunddurchgangs reichten 14 Siege dennoch nur zum zehnten und vorletzten Platz.
Die Aufholjagd folgte dann in der Zwischenrunde, in deren Spielen kein Team in der Liga länger in Führung lag (49,9 Prozent der Spielzeit) als die Südmähren. Elf von 16 möglichen Zählern bedeuteten Rang eins in der Qualifikationsrunde und die Teilnahmeberechtigung an den Play-Offs. Im Viertelfinale war eine ausgepowert wirkende und vom Ausfall der beiden Stammtorhüter geschwächte Mannschaft von Znojmo gegen Medveščak Zagreb dann jedoch weitestgehend chancenlos.

Schlechte Specialteams

Die erste Saison der Orli in der EBEL kann dennoch als sehr erfolgreich beschrieben werden, gelang doch die kaum für möglich gehaltene Play-Off-Qualifikation, wodurch erstmals seit der internationalen Öffnung der Liga gleich zwei österreichische Teams schon nach dem Grunddurchgang in den Urlaub mussten. Znojmos deutliche wirtschaftliche Unterlegenheit gegenüber der direkten Konkurrenz ließ den Klub in seinem Premierenjahr vornehmlich auf einheimische Spieler setzen, gleich 85,9 Prozent der Scorerpunkte - mehr als bei jedem anderen Verein in der Liga - wurden von tschechischen Cracks gesammelt. Mit den Slowaken Martin Škadra, Peter Pucher und Marek Čiliak sowie dem im Dezember verpflichteten Kanadier Mike Danton fanden sich nur vier Legionäre im Kader.
So präsentierten sich die Adler in der Saison 2011/12 als eisläuferisch sehr starke Mannschaft, der es jedoch spielerisch an absoluter Spitzenkompetenz fehlte. Mit 2,67 erzielten Toren pro Spiel traf nur Jesenice seltener, speziell in Überzahl machte sich Znojmos fehlende Qualität bemerkbar: Zwar spielten nur Salzburg und Wien häufiger Powerplay, im Schnitt brauchten die Tschechen jedoch 14:59 Minuten bei numerischer Überlegenheit, um einen Treffer zu erzielen (Platz 10). Im Gegenzug kassierte man pro 7:40 Minuten in Unterzahl einen Gegentreffer - der zweitschwächste Wert der Liga.

Weniger Punkte im zweiten Jahr

Im zweiten Jahr der EBEL-Zugehörigkeit steht Znojmo also vor der Aufgabe, seine Specialteams zu verbessern und den relativen Erfolg aus der Premierensaison zu bestätigen. Dass dies kein leichtes Unterfangen wird, zeigt ein Blick in die jüngere Vergangenheit: Die vier vor den Adlern in die Liga gekommenen internationalen Teams sammelten kollektiv betrachtet in ihrer jeweils zweiten Spielzeit um 4,5 Prozent weniger Punkte pro Spiel als in ihrer ersten.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Tschechen 2012/13 auf ihr herausragendes Angriffsduo Lukáš Havlík/Martin Podešva verzichten müssen, nachdem letzterer vom Extraliga-Klub Třinec, der seine Transferrechte hält, zurückbeordert wurde. Schmerzlich zudem die Abgänge von Petr Kanko und Mike Danton, den beiden einzigen Spielern im Kader, die über NHL-Erfahrung verfügten.

Größeres Budget

Den Herausforderungen der zweiten Saison in der EBEL begegnet Znojmo mit einem leicht angehobenen Budget, das dennoch das geringste aller zwölf Klubs sein wird. Zum Vorteil gereicht den Tschechen dabei auch der neue Kooperationsvertrag zwischen der Liga und ihrem Namenssponsor Erste Bank, der den internationalen Vereinen ein größeres Stück des Kuchens als in der Vergangenheit sichert.
Dementsprechend konnte heuer mehr Geld in das Team selbst investiert werden, neben Ondřej Fiala, Zweitrunden-Pick im NHL-Draft von 2006, wurde auch Marek Uram, Weltmeister von 2002, verpflichtet. Ob der 37jährige Slowake jedoch wirklich für Znojmo auflaufen wird, ist noch offen: Seit September 2011 hat er kein Bewerbsspiel mehr bestritten, nach einer schweren Verletzung wird erst die Pre-Season Aufschluss darüber geben, ob er körperlich noch in der Lage dazu ist, EBEL-Eishockey zu spielen.

Neue Policy bei der Kaderplanung

Die Adler haben ihre erweiterten wirtschaftlichen Möglichkeiten auch dazu genutzt, Importspieler zu verpflichten. Im Vergleich zum Vorjahr, als man gänzlich ohne Spieler von außerhalb des Gebiets der ehemaligen Tschechoslowakei in die Saison startete, stehen heuer bereits drei kanadische und ein finnischer Crack im Aufgebot. Verteidiger Burke Henry feiert nach einem Jahr Auszeit sein Comeback in der Erste Bank Eishockey Liga, für die Abwehr wurde zudem Kyle Wharton, zuletzt in der kanadischen Universitätsliga aktiv, geholt. Im Angriff wird man in der ligaweiten Try-Out-Phase bis Ende Oktober den Mittelstürmer Paul Crowder testen, für die nötigen Tore soll der Finne Kim Strömberg sorgen.
Einen Paradigmenwechsel will Trainer Martin Stloukal darin nicht erkennen: „Den Stamm unseres Teams bilden weiterhin junge, tschechische Spieler, im Besonderen jene des in der Vergangenheit so erfolgreichen Jahrgangs 1991. Sie haben im ersten Jahr in der Liga bereits große Fortschritte gemacht, sind speziell mental stärker geworden. Aber sie brauchen natürlich noch Führung und Vorbilder, diese Rolle füllen unsere älteren Spieler im Kader und die Imports aus."
Dass zur kommenden Saison gleich vier zusätzliche Legionäre im Kader stehen, hat auch ganz pragmatische Gründe: „Tschechische Spieler mit den Qualitäten, die wir suchten, sind ganz einfach teurer als vergleichbare Cracks aus Übersee. Außerdem denke ich, dass gerade die kanadischen Spieler mit ihrer Einstellung und ihrer Auffassung des Spiels etwas in unser Team bringen, das der tschechischen Mentalität fehlt. Es geht darum, dass unsere jungen, einheimischen Spieler von den Imports lernen - so wie sie im Vorjahr von Mike Danton gelernt haben."

Angriff auf das Halbfinale

Seit zwei Wochen bereitet sich Znojmos Mannschaft bereits auf die kommende Saison vor, in der Pre-Season warten gleich neun Begegnungen. Die am Kader vollzogenen Veränderungen sind mehr als nur kosmetischer Natur, eine weiterhin positive Entwicklung der Eigenbauspieler vorausgesetzt, wirkt das Team der Adler am Papier deutlich stärker als im Vorjahr. Der Aufstieg in höhere Regionen der Tabelle würde in Südmähren auch den Zuschauerzuspruch weiter steigern: Dieser lag im Grunddurchgang des ersten EBEL-Jahres gleich um 72,6 Prozent über jenem der vorangegangenen Saison in der zweiten tschechischen Liga. An Optimismus mangelt es in der rund 35.000 Einwohner zählenden Stadt an der Grenze zu Österreich nicht: „Die Erste Bank Eishockey Liga kann unseren Angriff auf das Halbfinale erwarten - mindestens", tönt Martin Stloukal. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 4.Juni 2012)

Share if you care