Wozu braucht der Papst eine eigene Bank?

  • Wozu braucht der Papst zum Leiten des Zwergerlstaates eine eigene Bank?
    foto: dapd/gregorio borgia

    Wozu braucht der Papst zum Leiten des Zwergerlstaates eine eigene Bank?

Nach weltlichen Gesichtspunkten ist der Sachverhalt einfach: Wer seinem Chef Unterlagen vom Schreibtisch klaut und diese auch noch Unbefugten weitergibt, fliegt fristlos raus. Ein Papst könnte vielleicht etwas barmherziger sein.

In Rom ist es freilich umgekehrt. Weil das katholische Headquarters aus eher unrühmlichen geschichtlichen Entwicklungen heraus auch ein eigener Staat ist, sitzt der mutmaßliche Täter gleich in Untersuchungshaft. (In entwickelten Rechtsstaaten laufen Menschen länger frei herum, wie uns der parlamentarische Untersuchungsausschuss in Österreich deutlich vor Augen führt.)

Damit sind wir bei der ersten Eigentümlichkeit: Aufgrund von Verträgen mit dem Staat Italien kann der Vatikan nämlich Verbrechen auf seinem Territorium von den Italienern gerichtlich ahnden lassen. Das ist bequem und nimmt von der Kirche die Last des Verurteilens. Darum saß auch der Papstattentäter Mehmet Ali Ağca in einem italienischen Gefängnis. Hat der Butler mehr angestellt? Oder sind die Sachverhalte so brisant, dass man nicht einmal die italienischen Behörden Einblick nehmen lassen will?

Da Benedikts Vorgänger das Ideal der Kirche als "gläsernes Haus" ausgerufen hat, könnte man doch annehmen, dass sich auf dem päpstlichen Schreibtisch ohnehin vor allem Erbauungsliteratur findet. Der tägliche Ausstoß an Predigten und Ansprachen ist ohnehin tagfüllend.

Ein großes Geheimnis bestünde demnach allenfalls darin, wer z. B. der nächste Erzbischof von Salzburg wird. (Manches Boulevardmedium lässt sich einen diesbezüglichen Zund vielleicht etwas kosten.) Heikel - so stellt man es sich wohlwollend vor - wäre es nur, wenn es um Geheimdiplomatie rund um Friedensmissionen oder die Befreiung politischer Gefangener ginge. Da braucht es wohl Vertraulichkeit.

Von solchen humanitären Geheimoperationen war bei den bisherigen Enthüllungen allerdings nichts zu hören. Was Papst Benedikt beispielsweise von der deutschen Kanzlerin hält, ist vergleichsweise uninteressant. Dass an den Papst jede Menge intrigante Vernaderungspost geschickt wird, reicht wohl nicht zur Kirchenaffäre. Umso mehr überrascht der Vatikan mit der Information, dass gegen "schweren Diebstahl" ermittelt wird.

Das brachiale Vorgehen hat eine aktuelle Parallele beim Skandal in der Vatikanbank: Dem amtierenden Präsidenten wurde das Misstrauen ausgesprochen. (Auch ungewöhnlich für den Vatikan, der zumeist versucht, den äußeren Schein zu wahren und Mitarbeiter, die etwas ausgefressen haben, zum "krankheitsbedingten" Rückzug drängt).

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Natürlich ist das offene Vorgehen wünschenswert. Zum offenen Vorgehen zählt aber auch die Begründung dafür, warum Schritte angemessen sind.

Nebenbei fällt auf, dass rasche Trennungen offensichtlich nur dann gesetzt werden, wenn Laien betroffen sind. (Zum Vergleich: Beim kanadischen Bischof Raymond Lahey dauerte es vom September 2009 bis zum Mai 2012, bis man auf seinen unerlaubten Besitz von kinderpornografischem Material mit der Zurückversetzung in den Laienstand reagierte - so nennt man die fristlose Entlassung von Klerikern.)

Überraschenderweise wurde bei der Vatikanbank genau jener Mann von den zuständigen Kardinälen abmontiert, den 2009 der Papst selbst installierte, um das in Geldwäscheverdacht geratene Institut, das ausschließlich dem Heiligen Stuhl gehört, wieder auf Vordermann zu bringen. Damit ist der Fall derzeit völlig unübersichtlich geworden. Hat der "Neue" tatsächlich versagt, oder ist es eine Rache der Kurie?

Aus Vati-Leaks kann rasch Vati-Gate werden. 

Spannender als die Frage, wer in dieser Causa die Bösen sind, ist für mich die zugrunde liegende Tatsache: Wozu braucht der Papst zum Leiten des Zwergerlstaates (0,44 Quadratkilometer, ca. 800 Einwohner), der nach offiziellen Angaben im Jahr ca. 250 Millionen Euro einnimmt und ausgibt, eine eigene Bank?

Würden österreichische Unternehmen dieser Finanzmindestgröße immer gleich eigene Banken führen, müssten hunderte Institute errichtet werden, z. B. eine "Mediaprint-Bank" oder eine "ORF-Sparkasse", von "Giro-Telekom" und "OMV-Credit" ganz zu Schweigen ...

Transparenz, ein gläsernes Haus, wäre hier für die Glaubwürdigkeit eines Ethikunternehmens besonders gefragt. Auch haben die Gläubigen, die alljährlich zu einem "Peterpfennig", also Geldspenden für den Vatikan aufgerufen werden, Anspruch auf Rechenschaft.

Gerade dieser Papst, der auf Reisen um den Erdball gerne die notwendige Entweltlichung der Kirche predigt, müsste konsequenterweise den Mut haben, dieses Mammon-Unternehmen aufzulösen. Er kann doch neben der Schweizergarde auch eine Schweizer Bank beschäftigen, sollte trotz seiner Armutsideale Geld übrig bleiben.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (Wolfgang Bergmann, derStandard.at, 4.6.2012)

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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