Strache und Graf - ein Missverhältnis

3. Juni 2012, 17:52
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Die nebenberuflichen Stiftungstätigkeiten des Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf setzen mittlerweile auch der FPÖ gehörig zu. Parteichef Heinz-Christian Strache ist um Klärung bemüht. Noch ohne Erfolg

Wien - FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und Martin Graf, derzeit Dritter Nationalratspräsident, hatten nie ein gutes Verhältnis. Das hat sich in den vergangenen Tagen nicht gebessert, im Gegenteil. Die Affäre um die 90-jährige Stifterin Gertrud Meschar, die sich von ihrem Stiftungsvorstand Graf übervorteilt fühlt, schadet nicht nur Graf persönlich, sondern zunehmend auch der FPÖ.

Meschar selbst hatte es vor einigen Tagen so formuliert: Sie hatte gedacht, die FPÖ sei eine "anständige Partei". Und wurde eines Besseren belehrt. Jetzt muss sie das Gericht bemühen, um Graf, der ihrer Stiftung vorsteht, loszuwerden. Die Affäre wirft kein gutes Licht auf Graf und seine blauen Kumpanen, die sich in der Stiftung breitgemacht haben. Das fällt auch auf die Partei zurück. "Anständig" ist keine Eigenschaft, die einem dazu einfallen würde.

FPÖ-Chef Strache druckst herum: Er sieht eine "mehr als komische Optik". Und sollten die Vorwürfe stimmen, dann wäre ein Rücktritt des Dritten Nationalratspräsidenten fällig. Aber noch gehe er davon aus, dass an den Vorwürfen nichts dran sei, dass Graf verleumdet werde, sich gar nicht bereichert habe.

Eine klare Verteidigungslinie sieht anders aus.

Das Verhältnis zwischen Graf und Strache ist von Misstrauen und Skepsis geprägt. Ein gewisses Maß an Paranoia sei beiden Politikern nicht ganz fremd, heißt es in deren Umfeld. Graf und Strache würden einander belauern, manche sprechen sogar von "bespitzeln". Das setzt sich bis zu den Büros der beiden fort, die jeweiligen Mitarbeiter seien regelrecht verfeindet.

Strache tut sich allerdings schwer, Graf in die Schranken zu weisen. Der Nationalratspräsident steht für die Burschenschafter und Akademiker, ein wesentliches Machtzentrum in der Partei, auf das auch Strache angewiesen ist. Die Burschenschafter - Graf ist Mitglied der schlagenden und einschlägigen Verbindung Olympia - sehen sich als die wahren Repräsentanten des freiheitlichen Lagers. Auf Strache, den Zahntechniker, blicken viele herab.

Graf hingegen wird bei den Burschenschaftern für seine stramme Haltung geschätzt, für seine ideologische Linientreue, immer hart rechtsaußen am Rand entlang. Er gilt als einer, auf den Verlaß ist. Zahlenmäßig spielen die Buschenschafter in der Anhängerschaft der FPÖ zwar keine wesentliche Rolle, ihr Einfluss ist aber stark, auch aufgrund ihrer Vernetzung. Grafs Seilschaften bilden sich auch im Vorstand der Stiftung der Gertrud Meschar ab.

Strache rät Graf, sich rasch aus der Stiftung zurückzuziehen und die unangenehme Affäre damit auch für die FPÖ zu beenden. Doch Graf hat eben erst eine Eingabe an das Handelsgericht gemacht, ihn an der Spitze der Stiftung zu belassen. Damit wird die unangenehme Causa für Frau Meschar, für Graf und für die FPÖ prolongiert (Michael Völker, DER STANDARD, 4.6.2012)

  • Martin Graf ist bei Parteichef Heinz-Christian Strache im 
Rechtfertigungszwang. Sollten die Vorwürfe stimmen, hält Strache einen 
Rücktritt für angebracht.
    foto: standard/cremer

    Martin Graf ist bei Parteichef Heinz-Christian Strache im Rechtfertigungszwang. Sollten die Vorwürfe stimmen, hält Strache einen Rücktritt für angebracht.

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