Stillen: "Es wird die Natürlichkeit beschworen"

Interview |
  • Nicole Althaus (43) ist Chefredakteurin des Schweizer Magazins "Wir 
Eltern" . Sie arbeitete davor unter anderem für "Facts". Im April 
erschien bei Hanser ihr Buch "Macho-Mamas".
    foto: nicole althaus

    Nicole Althaus (43) ist Chefredakteurin des Schweizer Magazins "Wir Eltern" . Sie arbeitete davor unter anderem für "Facts". Im April erschien bei Hanser ihr Buch "Macho-Mamas".

Die Schweizer Buchautorin und Journalistin Nicole Althaus über den gesellschaftlichen Druck zum Stillen

Langsam setzt sich der Grundsatz durch, dass eine stillende unzufriedene Mutter keine gute Lösung für das Kind ist, weiß die Schweizer Buchautorin und Journalistin Nicole Althaus.

Standard: Frauen berichten, dass sie sich rechtfertigen müssen, wenn sie ihrem Kind das Fläschchen geben. Gibt es einen gesellschaftliche Zwang zum Stillen?

Althaus: Ich denke, dass sich ab den 1990er-Jahren ein Druck aufgebaut hat. Diverse Studien wurden damals veröffentlicht, die alle einen kleinen Vorteil der Muttermilch zutage gefördert haben. Diese Studien genossen stets die höchste mediale Aufmerksamkeit. Egal, ob sie in sozioökonomisch kontrollierten Gruppen durchgeführt wurden und auch wirklich aussagekräftig waren. Dies schürte bei den Frauen die Angst, dass ihr Kind zu kurz kommt, wenn sie nicht stillen.

Standard: Die Muttermilch als Garant für ein glückliches, intelligentes, allergiefreies Kind?

Althaus: Genau, und im Umkehrschluss heißt das: Man ist als Frau egoistisch, wenn man wegen der Arbeit etwa früher abstillt oder gar mit dem Fläschchen füttert. Jede Freiheit, die sich die Mutter nimmt, gilt als nicht gut für das Kind. Womit natürlich ein fatales Mutterbild aufgebaut wird.

Standard: Warum lassen sich viele Frauen, sobald sie Mutter werden, bevormunden?

Althaus: Weil da an einem ganz grundlegenden Teil des Frauseins gerüttelt wird - der Frage, ob man willig und fähig ist, nur das Beste für das Kind zu tun. Die Mutterschaft ist die letzte patriarchale Bastion: Sobald eine Frau Mutter wird, verliert sie die Freiheit, ihr Leben selbstbestimmt zu führen, und wird in ein altes Rollenbild eingekerkert. Wenn die Vorhänge nicht gewaschen sind, hat niemand mehr ein schlechtes Gewissen. Aber wenn eine Frau nicht stillt, gerne Karriere macht oder nicht gerne Gemüsebrei kocht, muss sie eine schlechte Mutter sein.

Standard: Sehen Sie auch wieder eine Gegenbewegung?

Althaus: Es scheint ein bisschen ein Umdenken stattzufinden. In der Schweiz gibt es wieder Spitäler, die bewusst auf das Unicef-Prädikat "stillfreundlich" verzichten, weil man die zehn Grundsätze, zu denen man sich verpflichten muss, nicht einhalten will. Langsam setzt sich der Grundsatz durch, dass eine stillende zufriedene Mutter wunderbar ist, eine stillende unzufriedene Mutter aber weniger gut.

Standard: Werden die Vorteile der Muttermilch geschmälert, wenn die Frau gegen ihren Willen stillt?

Althaus: Es gab vor einigen Jahren eine Vergleichsstudie, die gezeigt hat, dass vier Monate Stillen einen nachweislichen Vorteil bringt. Darüber hinaus lassen sich weder der Allergieschutz noch irgendein anderer Vorteil der Muttermilch nachweisen. Was die zwei Jahre, die von der WHO empfohlen werden, betrifft: Man muss endlich zwischen Entwicklungs- und Industrieländern unterscheiden. Dass die Muttermilch in Ländern, wo es kein sauberes Wasser und wenig Nahrungsmittel gibt, ein Garant für das Überleben der Kinder ist, ist klar. Aber das gilt nicht in Zürich oder in Wien.

Standard: Sie schreiben, dass das Stillen stets mehr dem Zeitgeist unterworfen war, als man denkt.

Althaus: In Sachen Mutterschaft wird immer die Natürlichkeit beschworen. Aber alles was zu einem Geschlechterbild gehört, ist ein gesellschaftliches Phänomen. Ob die Frau repräsentieren muss und daher eine Amme anheuert wie im Frankreich des vorletzten Jahrhunderts. Das Nichtstillen galt in den 1960ern als feministischer Aufbruch, der den Frauen Unabhängigkeit gegeben hat. Beim Stillen geht es nicht nur um das Wohl des Kindes, sondern immer darum, welche Rolle eine Gesellschaft Frauen zuschreibt. Aber es hat sich ja auch gezeigt, dass das wieder veränderbar ist. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, 4.6.2012)

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