Stillen: "Es wird die Natürlichkeit beschworen"

Interview | Bettina Fernsebner-Kokert
3. Juni 2012, 17:36
  • Nicole Althaus (43) ist Chefredakteurin des Schweizer Magazins "Wir 
Eltern" . Sie arbeitete davor unter anderem für "Facts". Im April 
erschien bei Hanser ihr Buch "Macho-Mamas".
    foto: nicole althaus

    Nicole Althaus (43) ist Chefredakteurin des Schweizer Magazins "Wir Eltern" . Sie arbeitete davor unter anderem für "Facts". Im April erschien bei Hanser ihr Buch "Macho-Mamas".

Die Schweizer Buchautorin und Journalistin Nicole Althaus über den gesellschaftlichen Druck zum Stillen

Langsam setzt sich der Grundsatz durch, dass eine stillende unzufriedene Mutter keine gute Lösung für das Kind ist, weiß die Schweizer Buchautorin und Journalistin Nicole Althaus.

Standard: Frauen berichten, dass sie sich rechtfertigen müssen, wenn sie ihrem Kind das Fläschchen geben. Gibt es einen gesellschaftliche Zwang zum Stillen?

Althaus: Ich denke, dass sich ab den 1990er-Jahren ein Druck aufgebaut hat. Diverse Studien wurden damals veröffentlicht, die alle einen kleinen Vorteil der Muttermilch zutage gefördert haben. Diese Studien genossen stets die höchste mediale Aufmerksamkeit. Egal, ob sie in sozioökonomisch kontrollierten Gruppen durchgeführt wurden und auch wirklich aussagekräftig waren. Dies schürte bei den Frauen die Angst, dass ihr Kind zu kurz kommt, wenn sie nicht stillen.

Standard: Die Muttermilch als Garant für ein glückliches, intelligentes, allergiefreies Kind?

Althaus: Genau, und im Umkehrschluss heißt das: Man ist als Frau egoistisch, wenn man wegen der Arbeit etwa früher abstillt oder gar mit dem Fläschchen füttert. Jede Freiheit, die sich die Mutter nimmt, gilt als nicht gut für das Kind. Womit natürlich ein fatales Mutterbild aufgebaut wird.

Standard: Warum lassen sich viele Frauen, sobald sie Mutter werden, bevormunden?

Althaus: Weil da an einem ganz grundlegenden Teil des Frauseins gerüttelt wird - der Frage, ob man willig und fähig ist, nur das Beste für das Kind zu tun. Die Mutterschaft ist die letzte patriarchale Bastion: Sobald eine Frau Mutter wird, verliert sie die Freiheit, ihr Leben selbstbestimmt zu führen, und wird in ein altes Rollenbild eingekerkert. Wenn die Vorhänge nicht gewaschen sind, hat niemand mehr ein schlechtes Gewissen. Aber wenn eine Frau nicht stillt, gerne Karriere macht oder nicht gerne Gemüsebrei kocht, muss sie eine schlechte Mutter sein.

Standard: Sehen Sie auch wieder eine Gegenbewegung?

Althaus: Es scheint ein bisschen ein Umdenken stattzufinden. In der Schweiz gibt es wieder Spitäler, die bewusst auf das Unicef-Prädikat "stillfreundlich" verzichten, weil man die zehn Grundsätze, zu denen man sich verpflichten muss, nicht einhalten will. Langsam setzt sich der Grundsatz durch, dass eine stillende zufriedene Mutter wunderbar ist, eine stillende unzufriedene Mutter aber weniger gut.

Standard: Werden die Vorteile der Muttermilch geschmälert, wenn die Frau gegen ihren Willen stillt?

Althaus: Es gab vor einigen Jahren eine Vergleichsstudie, die gezeigt hat, dass vier Monate Stillen einen nachweislichen Vorteil bringt. Darüber hinaus lassen sich weder der Allergieschutz noch irgendein anderer Vorteil der Muttermilch nachweisen. Was die zwei Jahre, die von der WHO empfohlen werden, betrifft: Man muss endlich zwischen Entwicklungs- und Industrieländern unterscheiden. Dass die Muttermilch in Ländern, wo es kein sauberes Wasser und wenig Nahrungsmittel gibt, ein Garant für das Überleben der Kinder ist, ist klar. Aber das gilt nicht in Zürich oder in Wien.

Standard: Sie schreiben, dass das Stillen stets mehr dem Zeitgeist unterworfen war, als man denkt.

Althaus: In Sachen Mutterschaft wird immer die Natürlichkeit beschworen. Aber alles was zu einem Geschlechterbild gehört, ist ein gesellschaftliches Phänomen. Ob die Frau repräsentieren muss und daher eine Amme anheuert wie im Frankreich des vorletzten Jahrhunderts. Das Nichtstillen galt in den 1960ern als feministischer Aufbruch, der den Frauen Unabhängigkeit gegeben hat. Beim Stillen geht es nicht nur um das Wohl des Kindes, sondern immer darum, welche Rolle eine Gesellschaft Frauen zuschreibt. Aber es hat sich ja auch gezeigt, dass das wieder veränderbar ist. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, 4.6.2012)

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Tolles Interview!

blödsinn

Stillen macht die Frau unabhängig, weil sie immer außer haus gehen kann und nix mit braucht. Flascherl bindet die Mutter an den Herd, weils ja wo das Flascherl machen muss.
Es sei denn, die Mutter sieht ihr Kind sowieso als lästiges Anhängsel an, um das sich bitte andere Kümmern sollen. Dann ist so ein Pulverfertigzeug natürlich toll...
Aber abgesehen davon finde ich persönlich stillen wahnsinnig schön und denke die Frauen verpassen was wundervgolles, wenn sie nicht stillen wollen.
PS: ich halte mich trotzdem für emanzipiert *gg*

wundervolles

Also bitte

Stillen ist vorallem gut für die Mutter und nicht nur für das Kind. Schnellerer Rückgang des Uterus, schnelleres erreichen des Gewichtes vor der Schwangerschaft , Anpassung an den schlaf wach Rhythmus, gut gegen Diabetes, Rheuma , reduziert das Risiko für endometrium carcinome, laktations amennoroeh ( natürliche Kontrazeption ) usw. Ist alles in Studien belegt. Es geht also hier nicht nur prim. um die Milch sondern auch um die Bindung und den oben erwähnten Vorteilen. BTW Kinder die gestillt wurden sind später intelligenter, haben geringeres Risiko für adipositas, dm 2, hypercholesterinämie usw. Auch in Studien belegt wenn auch nur epidemiologisch gesehen. Hier geht's nicht drum irgendjemanden in ein rollenbild zu zwängen, so dumm

bitte um zusendung des entsprechenden links für die studie "Kinder die gestillt wurden sind später intelligenter"

Ist das wirklich so?

also ich habe von der "hightech frau" (=geplanter kaiserschnitt und so kurz wie möglich stillen) bis zur halben indianerin alles im bekanntenkreis. da wurde eigentlich nie diskutiert. ich denke, dass in den heutigen zeiten alles möglich ist und jede mutter das so macht wie sie will. diskutiert wird das vielleicht unter den müttern selbst? der halbwechs moderne mann (also wir) unterstützt hoffentlich die frau in ihrer entscheidung.

Kanns bitte noch mehr Männer wie dich geben? :'D

ich bin *halbwechs* der gleichen meinung wie sie ;o)

wir ham auch beides (stillen & flascherl) der jeweiligen umstände wegen "probiert" --> kein unterschied zu erkennen

Tendenziöser Artikel

Die Frage "Warum lassen sich viele Frauen, sobald sie Mutter werden, bevormunden?" beinhaltet eine Unterstellung - und zwar unterstellt sie Frauen die stillen, dass sie sich bevormunden lassen.

Ist ja dasselbe wie beim zu Hause bleiben. Eine Frau, die nicht so schnell wie möglich wieder arbeiten will, sondern es wagt zu behaupten, dass sie vl. 2-3 oder gar mehr Jahre beim Kind bleiben will, wird sofort unterstellt, dass sie unterdrückt und was weiß ich was ist. Das kann ja nämlich NIEMALS sein, dass sich eine Frau FREIWILLIG wochentags tagsüber um ihre Kinder kümmert. Emanzipiert ist man nach der Ansicht vieler Kampffeministinnen ja nicht dann, wenn man frei ist seine eigenen Entscheidungen seinen eigenen Wünschen gemäß zu treffen, sondern dann, wenn man stur alles ablehnt, was auch nur ansatzweise mit einem früheren Frauen-Idelbild verknüpft werden kann.

Ach ja, das gilt natürlich nur für Frauen. Für Männer gilt das genaue Gegenteil - wenn Männer nicht zu Hause beim Kind bleiben wollen, nicht kochen und putzen wollen, sind sie Machoschweine, die am Besten kastriert gehörten. DIE sind dann emanzipiert, wenn sie das tun, was früher "Frauenjob" war. Frauen dann, wenn sie das tun, was früher "Männersache" war. Also Rollen umdrehen, Zwänge umdefinieren, nur keine Wahlfreiheit zulassen. Schöne Definition von Emanzipation.

volle Zustimmung

Aber das ist Blattlinie.

wenn es nicht geht, geht es eben nicht.

aber das gerede, dass das flascherl NICHT unpraktisch ist, ist ein holler.

sohn 1 wurde zugefüttert wegen milchmangels,
sohn 2 wird vollgestillt.

kein vergleich - sowohl für mich (eh klar), aber auch für meine frau vieeel praktischer. sie ist damit auch wesentlich mobiler, unabhänigiger. Ich konnte beim ersten sohn die deppatn flascherln und die auskocherei schon nicht mehr sehen... wie oft ich mir die finger verbrannt hab dabei... hehe...

OK, sie WOLLTE auch stets stillen, das macht vermutlich auch viel aus.

Ich habe einmal am Tag das ganze Wasser in einem großem Topf abgekocht, alle Flaschen wurden im Dampf bzw. Mikrowellensterilisator auf einmal sterilisiert und zuvor in der Spülmaschine gewaschen. Dann die Flaschnern alle mit Pulver gefüllt und dann wenn's Essenszeit war das Wasser mit richtiger temperatur(Thermoskanne) gemischt. Fand ich nicht aufwaemdig.

Und beim Stillen hätten Sie sich das ganz komplett sparen können. Keine Spülmaschine und keinen Sterilisator kaufen und jeden Tag anwerfen brauchen, in der Nacht nicht herumschütten und Temperatur prüfen, sondern liegenbleiben, andocken und weiterschlafen.......Aber wems Spaß machen....

Warum muss man in der Nacht "herumschütten"? Man kann das alles vorm schlafen gehen vorbereiten. Meine Güte, es gibt kein richtig und kein falsch - es soll einfach jede Mutter handhaben wie sie will. Ich wollte nicht stillen - Punkt. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

und ich hab immer geglaubt,...

durchs Stillen kriegen die Kinder sooooo viel mehr Zuwendung, aber wenn die Mutter dabei pennt?

Für Körperkontakt muss niemand wach sein.

Man kann Körperkontakt genauso unter Tags haben. Dafür brauchts kein gemeinsames Schlafen. Zum x-ten mal: wer das so haben möchte, soll es so machen. Aber es nicht für alle als Ideal darstellen.

Wenn Sie das so aufregt, warum hören Sie dann denn nicht auf damit anderen Eltern ständig zu erklären, wie schlecht denn alles für das Kind ist, was davon abweicht, was Sie mit ihren (angeblichen) Kindern gemacht haben? :)

Das haben Sie falsch verstanden bzw.hab ich mich schlecht ausgedrückt. Ich behaupte nicht dass das alles so falsch ist-ich habe es anders gemacht. Und schauen Sie mal in die div. Eltern i-net Foren - wo Mütter jammern weils seit Monaten nicht mehr länger als 2 Std. schlafen können weils eben ständig stillen. Wenn eine Mutter damit zufrieden ist und kein Problem mit dem Schlafdefizit hat,passts ja, aber viele sind mit der Situation ja nicht zufrieden u wollen dann in Foren Tips haben-die sie dann aber ablehnen und trotzdem weiter jammern.

Aber egal-man kann sich darauf einigen, dass es eben jeder so machen soll wie er will.

Stimmt, sie sagen nicht wörtlich "das ist falsch", aber Sie erfinden massenweise abstruse Gründe warum alles, was von Ihrem eigenen Verhalten abweicht, schlecht für die Kinder ist.

Und nur weil man in einem Elternforum um Rat fragt, muss man den Rat noch lange nicht befolgen. Wenn Ihnen der angebliche Kinderarzt anstatt "stopfen Sie Ihr Kind mit Stärke voll" geraten hätte "stillen Sie Ihr Kind, und zwar nach Bedarf", hättens es ja auch nicht gemacht, oder?

Das stimmt, da haben Sie Recht ;-)

Spülmaschine hat man ja trotzdem ;-)
Sterilisieren hat keine Arbeit gemacht - Flaschen rein - Mikrowelle an.
Auch wenn ich gestillt hätte, hätte ich es niemals im Bett gemacht und auch nicht im "Halbschlaf" - hätte also keinen Unterschied gemacht alle 4 Std. Flasche oder Brust zu geben. In der Nacht haben die Kinder sowieso geschlafen.

Jaja, "man hat eine Spülmaschine"..man hat aber auch Brüste ;-)
Ich kenne dutzende Leute, die keine Spülmaschine haben.
Wenn ich an diese grauslichen Flaschenbürsten denke...*grusel*

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