"Monströser" und "Potentat" in der Gemüse-Arche

  • Im 
Samenarchiv werden die alten Sorten erhalten.
    foto: standard/christian fischer

    Im Samenarchiv werden die alten Sorten erhalten.

  • Im Schau- und 
Vermehrungsgarten der Arche Noah und in vielen Partnergärten werden sie 
angepflanzt, getestet und die Samen vermehrt.
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    Im Schau- und Vermehrungsgarten der Arche Noah und in vielen Partnergärten werden sie angepflanzt, getestet und die Samen vermehrt.

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  • Zum Beispiel die Gartenmelde - eine der ältesten Kulturpflanzen - die man gemeinhin kaum noch kennt.
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    Zum Beispiel die Gartenmelde - eine der ältesten Kulturpflanzen - die man gemeinhin kaum noch kennt.

6000 alte Gemüse- und Obstsorten werden in der "Arche Noah" erhalten, getestet und vermehrt

Schiltern - Katrin Ehlert steht in dem Raum, den sie " Hochsicherheitstrakt" nennen, und sie hält eines der zighundert dort gelagerten Gläser in die Höhe: "Es könnte durchaus sein, dass diese paar Samen hier die letzten dieser Sorte auf der ganzen Welt sind."

Deswegen werden sie hier gelagert, die seltenen und die ganz seltenen und die allerseltensten Samen: im "Samenarchiv" der "Arche Noah" in Schiltern bei Langenlois. Die Samen von 500 Paradeisersorten etwa - von "Auriga" über "Potentat" und "Veni Vidi Vici" bis hin zu "Zieglers Fleischtomate". Oder die 300 Bohnenarten. Oder der "Spinat Pfarrgarten", nicht zu verwechseln mit dem "Monströser von Viroflay Rundsa". Insgesamt sind es rund 6000 historische Sorten, die von der Arche Noah erhalten werden.

Schau- und Vermehrungsgarten

Draußen, im Schaugarten und im Vermehrungsgarten der Sortenschützer, werden diese Sorten angebaut. Um sie dem Publikum zu präsentieren und näherzubringen - vor allem aber auch, um sie zu vermehren und sie der Nachwelt zu erhalten.

Auch Pflanzen, die man gemeinhin kaum noch kennt, wie die salat- und spinatähnliche "Gartenmelde". Hier im Schaugarten wurden heuer gleich 15 bis 20 Meldesorten angepflanzt; sie werden auf ihre Eigenschaften getestet - und in appetitlicher, farbenfroher Anordnung präsentiert.

"Sammelreisen" nach Osteuropa

Seit 22 Jahren werden hier in der Arche Noah die Samen seltener und bedrohter Sorten aus Österreich und den angrenzenden EU-Ländern gesammelt, vermehrt und geschützt. Vor allem nach der "Ostöffnung" waren auch gezielte "Sammelreisen" nach Osteuropa unternommen worden, weil in den dortigen Gärten noch viele der alten Arten wuchsen, deren Samen gesichert werden konnten.

So ruhig, entspannt und harmonisch die Gartenarbeit hier in Schiltern auch abläuft: Was hier geschieht, hat gleichzeitig auch eine hochaktuelle und höchst politische Seite. Denn der Trend der industrialisierten Agrarproduktion geht freilich in eine gänzlich andere Richtung.

Ewig gleiche Sorten im Supermarkt

Dass es im Supermarkt nur noch ein paar und ewig gleiche Sorten im Angebot gibt, ist schließlich kein Zufall. Um 1900 wuchsen in Österreich noch etwa 3000 bis 5000 Apfelsorten - heute sind es nur noch 400 bis 500. In Supermärkten kommerziell verwertet wird davon nur ein Bruchteil. Und dahinter steckt durchaus System.

"Denn das EU-Saatgutrecht - es ist eines der restriktivsten weltweit - schließt jegliches Saatgut vom Markt aus, welches nicht bestimmte Kriterien erfüllt. Kriterien, die überwiegend für die Saatgutproduktion im industriellen Maßstab und die Bedürfnisse der industrialisierten Landwirtschaft entwickelt wurden", wird in einer Arche-Noah-Aussendung vom 24. Mai betont. Weltweit erlebte der Saatgutsektor in den letzten drei Jahrzehnten einen massiven Konzentrationsprozess: Derzeit kontrollieren nur mehr zehn multinationale Unternehmen bereits 74 Prozent des globalen Saatgutmarktes.

Eine "einmalige Chance"

Und da das europäische Saatgutverkehrsrecht derzeit revisioniert wird, schlossen sich insgesamt 240 NGOs zusammen, um an die Abgeordneten des EU-Parlamentes und Mitglieder der EU-Kommission einen eindringlichen Appell zu richten: Die Revision sei "eine einmalige Chance, endlich den bereits überfälligen Schritt in Richtung einer nachhaltigen europäischen Saatgutpolitik zu gehen".

Setzt sich hingegen die industrielle Saatgut-Lobby durch, droht genau das Gegenteil: ein Verbot der letzten kleinen Nischen, über die das, was von der früheren Sortenvielfalt noch übrig ist, erhalten werden kann." Die letzten privaten Freiräume wie der Saatguttausch dürfen nicht im Namen von Produktivität und Standardisierung geopfert werden", betont Arche-Noah-Obmann Christian Schrefel. "Wenn diese Aktivitäten illegalisiert werden, müssen wir mit einem weiteren erdrutschartigen Verlust an europäischer Saatgutvielfalt rechnen und geraten noch weiter in Abhängigkeiten von der Saatgutindustrie." Und die Arche Noah könnte zusperren. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 2.6.2012)

Links

Nähere Informationen: arche-noah.at und seedforall.org

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