"Wir stehen vor einer neuen Epoche"

Interview2. Juni 2012, 13:39
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Die traditionellen Parteien haben ausgedient und stehen im Dienst von Partikularinteressen, sagt der spanische Politaktivist Jon Aguirre.

Im Gespräch mit Reiner Wandler fordert er mehr Verantwortung für die Bürger.

STANDARD: Als am 15. Mai 2011 erstmals die "Empörten" auf die Straße gingen, hätten Sie da gedacht, dass Spanien ein Jahr später am Abgrund steht?

Aguirre: Nein. Wir dachten damals, dass wir uns in der schlimmsten Lage befänden, die vorstellbar war. Die alte, sozialistische und die neue, konservative Regierung setzen ausschließlich auf Haushaltsdisziplin, auf die Plünderung aller öffentlichen Dienste und Unternehmen. Das Ergebnis spricht für sich. Es ist traurig, aber wir sind bei weitem noch nicht ganz unten angekommen.

STANDARD: Soll Spanien beim Euro bleiben?

Aguirre: Die Rahmenbedingungen, die Maas tricht und Lissabon stecken, begünstigen im höchsten Maße die Spekulation. Die Europä ische Zentralbank übernimmt nicht die Aufgaben, die einer Zentralbank zukommen. Statt Geld an die Staaten zu verleihen, gibt sie Billionenbeträge zu günstigen Bedingungen an private Banken. Diese spekulieren dann. Deutschland fährt gut damit, denn Berlin nimmt Staatsanleihen zu null Prozent auf. Doch die Frage ist längst nicht mehr, ob es Deutschland gut und Spanien schlecht geht. Das ganze System steckt in der Krise. Es ist nicht mehr tragbar.

STANDARD: Wird die Wahl von François Hollande an der europäischen Politik etwas ändern?

Aguirre:Ich habe alles Vertrauen in die Sozialdemokratie verloren. Radikalere Ansätze sind nötig. Die Bürger müssen eine aktivere Rolle spielen. Die Parteien stehen im Dienste von Interessen, die nichts mit ihren vermeintlich guten Absichten zu tun haben.

STANDARD: Die Bewegung 15-M mobilisiert viele Menschen, aber Konkretes hat sie nicht erreicht ...

Aguirre: Aber das Wichtigste wird gern übersehen. Die Bewegung hat einen Prozess ausgelöst. Die Menschen stehen den Problemen nicht mehr allein gegenüber. Wir sind eine Gemeinschaft, die längst international vernetzt ist. Die Menschen ändern ihre Verhaltensmuster, die Art wie sie leben, wie sie Probleme angehen.

STANDARD: Ist die Bewegung wirklich noch horizontal?

Aguirre: Mehr denn je. Das ist allerdings ein sehr schwieriger Lernprozess. Die hierarchischen Strukturen aus Jahrhunderten hinter sich zu lassen, eine neue Art der Politik zu entwickeln ist nicht leicht. Wir haben in nur einem Jahr eine solide Netzstruktur geschaffen, mit der wir uns gegenseitig unterstützen. Diese Strukturen stehen für neue Regeln, neue Verhaltensmuster, wie es sie bisher nicht gab. Wir müssen unsere eigene Dynamik, unseren eigenen Zeitplan, unsere eigenen Ziele stecken. Ich werde doch nicht gegen einen gedopten Hochleistungssportler antreten! Das wäre sinnlos.

STANDARD: Es ist immer wieder von der "Spanish Revolution" die Rede.

Aguirre: Wir stehen vor einer neuen Epoche. Nach dem technologischen und dem sozialen kommt nun der politische Wandel. Die politischen Strukturen sind die konservativsten. Sie haben schließlich die Macht in der Hand. Der technologische Wandel unserer Epoche ist das Internet. Es ist eine revolutionäre Erfindung, die die Art, wie wir uns zueinander in Beziehung setzen, verändert. Gleichzeitig erleben wir einen sozialen Wandel. Die herkömmliche Familie gibt es so nicht mehr. Es gibt Alleinerziehende beiderlei Geschlechts, homosexuelle Paare mit Kindern, Patchworkfamilien. Die alte, patriarchalische Struktur steckt in der Krise. Dieser soziale Wandel wird nach und nach einen politischen Wandel hervorbringen. Wie der letztendlich aussieht, weiß keiner. Aber er ist unausweichlich. (Reiner Wandler, DER STANDARD, 2.6.2012)


Jon Aguirre, 27 Jahre, Architekt, ist einer der Initiatoren von "Echte Demokratie jetzt!", die mit ihrem Aufruf am 15. Mai 2011 Tausende auf Spaniens Straßen brachte. Es war der Ausgangspunkt der Bewegung der Empörten (15-M).

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    "Einschnitte für Politiker und Banker" fordert dieser Demonstrant der Initiative 15-M. Die Protestbewegung wurde vor einem Jahr gegründet und ist Ausdruck der Unzufriedenheit der Spanier.

  • Jon Aguirre, einer der Gründer von 15-M.
    foto: wandler/der standard

    Jon Aguirre, einer der Gründer von 15-M.

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