"Und wir sind weitergelaufen"

Interview |
  • "Je länger ein Rennen dauert, umso kleiner wird der Unterschied zwischen Mann und Frau"
    foto: horst von bohlen

    "Je länger ein Rennen dauert, umso kleiner wird der Unterschied zwischen Mann und Frau"

Als Kathrine Switzer, Stargast des 25. Frauenlaufs, als erste Frau offiziell einen Marathon lief, attackierte sie der Renndirektor

STANDARD: 19. April 1967. Der Marathon in Boston. Woran erinnern Sie sich?

Switzer: Ich kann mich an alles erinnern, an jede Sekunde, als wäre es gestern passiert. Ich weiß noch, wie sehr ich erschrocken bin, als mich der Renndirektor Jock Semple attackierte. Wir hatten erst vier Kilometer zurückgelegt.

STANDARD: Wieso ging Semple auf Sie los?

Switzer: Er war Teil eines Systems, und in diesem System war nicht vorgesehen, dass Frauen Marathon laufen. Semple war jähzornig, er war ein überarbeiteter, müder Renndirektor, und sein Rennen war ihm wichtig, beinahe heilig. Er hasste es beispielsweise, wenn Männer in Verkleidung antraten. Er dachte, sie würden ihn zum Narren halten. Und das dachte er auch über mich.

STANDARD: Wie haben Sie den Angriff überstanden?

Switzer: Ich weiß noch, dass mein Coach schrie, Semple solle mich in Ruhe lassen. Sie ist okay, rief er, sie hat sich ordentlich vorbereitet. Mit und neben mir lief mein damaliger Freund, er war Footballer und später Hammerwerfer, er hat Semple von der Straße befördert. Und wir sind weitergelaufen.

STANDARD: Die Bilder dieses Vorfalls sind um die Welt gegangen.

Switzer: Es war Zufall, dass uns kurz zuvor der Pressebus mit den Fotografen überholt hatte. Auch dieser Zufall trug dazu bei, dass sich an diesem Tag mein Leben verändert hat.

STANDARD: Wie sind Sie zur Startnummer gekommen, wenn Frauen nicht teilnehmen durften?

Switzer: In der Ausschreibung stand ja gar nicht, dass Frauen ausgeschlossen waren. Aber ich hatte Angst, sie würden mich nicht zulassen, hab mich deshalb nur mit meinen Initialen eingetragen. K.V. Switzer. Deshalb dachten sie, ich wär ein Mann. Viele Männer haben sich mit ihren Initialen angemeldet. Ich hab meinen Namen oft abgekürzt, ich wollte ja Schriftstellerin werden, K. V. Switzer hatte einen guten Klang, das klang fast wie T. S. Eliot. Die Initialen waren die eine Sache, die andere war das schlechte Wetter. Es war saukalt, deshalb hatte ich eine Trainingshose und eine Jacke an. Ansonsten hätten sie mich wohl schon am Start entdeckt.

STANDARD: Haben Läufer in Ihrer Umgebung bemerkt, dass neben ihnen eine Frau am Start steht?

Switzer: Viele haben das bemerkt, aber denen war das ganz egal, die waren alle sehr freundlich zu mir. Läufer haben Läuferinnen nie Probleme gemacht, es waren immer die Offiziellen, die Funktionäre, die uns die Steine in den Weg geworfen haben.

STANDARD: Wie konnten Sie den Marathon beenden?

Switzer: Zunächst hatte ich Angst, dann war ich enttäuscht, und schließlich bin ich wütend geworden. Wieso hat Jock Semple gedacht, ich wäre ein Clown? Ich musste es ihm zeigen, musste unbedingt diesen Marathon beenden. Sonst hätte es wieder und wieder geheißen, dass Marathon nichts für Frauen ist.

STANDARD: War das Ihre Motivation, an den Start zu gehen? Ging es Ihnen um Frauenrechte?

Switzer: Frauenrechte spielten in meinen Überlegungen noch gar keine Rolle, das wurde erst später daraus. Ich spielte Hockey, bin gelaufen, um fit zu sein. Meine Teilnahme war eine Belohnung durch meinen Coach. Er hat mir nicht zugetraut, dass ich einen Marathon schaffen würde, er meinte, Frauen sind nicht hart genug. Ich hab trainiert wie wild und hab ihn vom Gegenteil überzeugt. Also haben wir uns angemeldet.

STANDARD: Und nach dem Rennen waren Sie ein anderer Mensch?

Switzer: Dieser Marathon hat alles verändert, mein Leben und in der Folge das Leben von sehr vielen anderen Frauen. Das war der Beginn einer Revolution. Ich sag oft, ich bin in den Marathon als junges Mädchen gestartet und hab ihn als erwachsene Frau beendet. Auf der Heimfahrt hielten wir sehr spät in der Nacht an, um einen Kaffee zu trinken. Am Nebentisch hat ein Mann eine Zeitung gelesen, und auf einmal sah ich das Bild, mein Bild, in der Zeitung. In der Bibliothek meiner Universität lagen viele Zeitungen aus der ganzen Welt auf. Die hab ich dann durchgesehen, und sehr viele von denen hatten das Bild aus Boston gebracht.

STANDARD: Hatten Sie später noch Kontakt zu Jock Semple? Hat er sich bei Ihnen entschuldigt?

Switzer: Wir sind später eigentlich fast Freunde geworden. Entschuldigt hat er sich nie. Er brummte nur, dass er doch nie etwas gegen Frauen gehabt habe. Doch es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Jock Semple danke. Er hat dieses Foto kreiert, mich zu einem Symbol gemacht. Zumindest hat er dazu beigetragen. Später hat er mir fast leidgetan. Ich wusste, in seinem Nachruf würde vor allem von diesem Angriff auf mich die Rede sein und nicht von all seinen Verdiensten um den Boston-Marathon. Und so war es dann leider auch, als Jock 1988 gestorben ist.

STANDARD: Wie hat sich der Frauenmarathon nach 1967 entwickelt?

Switzer: Es hat noch fünf Jahre gedauert, bis Frauen offiziell in Boston laufen durften. Die Medien waren immer auf unserer Seite, 1972 gab es große Publicity. Sponsoren wie Johnson's Wax sprangen auf, so kam es in New York ebenfalls 1972 zum ersten reinen Frauenlauf über zehn Kilometer. Er hat am 3. Juni 1972 stattgefunden - witzig, dass der Frauenlauf in Wien vierzig Jahre später genau auf dieses Datum fällt. Jedenfalls haben wir damals immer mehr Frauenrennen organisiert. Fünf km, 20 km, 30 km und jedes Jahr einen Marathon, immer in einer anderen Stadt. 1981 fiel die Entscheidung, dass Frauenmarathon 1984 olympisch sein würde. Das war der Durchbruch. Schließlich war das IOC lange ein Gegner des Frauensports gewesen. Das ging auf Pierre de Coubertin zurück, der Frauen nur zuschauen, aber nicht teilnehmen lassen wollte.

STANDARD: Ist es immer noch wichtig, Frauenläufe zu organisieren?

Switzer: Ja. Weil alle fünf Jahre eine neue Generation von Frauen zum ersten Mal läuft. Die werden durch den Frauenlauf motiviert. Fünf Kilometer sind mit ordentlicher Vorbereitung machbar. Egal, wie alt, wie jung, wie dick oder dünn eine Frau ist. Im Feld gibt es immer eine andere, die dicker ist oder älter. Viele, die fünf Kilometer laufen, laufen später längere Strecken, auch Marathon. Aber der erste Schritt ist wichtig.

STANDARD: Laufen Frauen anders als Männer?

Switzer: Männer haben mehr Kraft, Speed und Härte, das ist klar. Aber Frauen haben Ausdauer. Je länger ein Rennen dauert, umso kleiner wird der Unterschied zwischen Mann und Frau. Man sollte nicht vergessen, dass Männer seit 2500 Jahren, Frauen aber erst seit hundert Jahren Sport betreiben. Laufende Frauen beeinflussen die Gesellschaft. Kenianische Marathonläuferinnen haben mit den Preisgeldern, die sie gewannen, Schulen und Spitäler errichtet. In Japan hat es 3000 Jahre lang nur Helden gegeben, keine Heldinnen. Aber japanische Marathonsiegerinnen werden wie Rockstars verehrt.

STANDARD: Und doch wird ein großer Teil der industrialisierten Welt immer dicker, während ein kleinerer Teil immer sportlicher wird.

Switzer: Man kann sich nur bemühen, etwas dagegen zu tun. Es ist ja pervers, dass es genügend Nahrung geben würde, um die ganze Welt zu ernähren, und die einen haben zu viel, und die anderen haben zu wenig. Wenn man in einem Lokal etwas zu essen bestellt, bekommt man meistens viel mehr, als nötig wäre, um satt zu werden. Aber wir alle haben gelernt, dass man erst aufsteht, wenn man aufgegessen hat. Es ist extrem wichtig, die Frauen für Sport und für Ernährungsfragen zu interessieren. Weil es ja meistens sie sind, die eine Familie ernähren.

STANDARD: Aber ist Laufen auch sexy genug im Vergleich mit Computerspielen, mit Chatten, von mir aus mit BMX-Rad fahren?

Switzer: Laufen ist cool. Und sexy. Und gesund. Hier schließt sich der Kreis, weil es nämlich cool ist, gesund zu sein. Überernährung ist ein Problem, das die Gesellschaft mehr kosten wird als das Rauchen. Wer läuft, ist entspannt, ist fit. 30.000 Frauen laufen am Sonntag in Wien. Das ist cool. (Fritz Neumann, DERSTANDARD, 2/3.6.2012)

KATHRINE V. SWITZER (65) kam in Deutschland als Tochter eines US-Army-Majors zur Welt, nach zwei Jahren kehrte die Familie in die USA zurück. Switzer gewann 1974 den New York City Marathon, fixierte 1975 als Zweite in Boston ihre Bestzeit (2:51:33). 2011 in Berlin lief sie ihren 39. Marathon (4:36). Sie arbeitet als Journalistin für TV, Radio, Zeitungen und Magazine, hält Vorträge. Switzer lebt "nur im Sommer", das halbe Jahr in New Paltz, 130 Kilometer nördlich von New York City, das andere halbe Jahr in Wellington, Neuseeland. Gemeinsam mit ihrem Mann Roger Robinson schrieb sie das Buch "Faszination Marathon" (Südwest, 2006). 2011 erschien ihre Autobiografie "Marathon Woman" (Spomedis). Das V. steht übrigens für Virginia.

Link

kathrineswitzer.com

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"Man sollte nicht vergessen, dass Männer seit 2500 Jahren, Frauen aber erst seit hundert Jahren Sport betreiben."

Und was soll diese Aussage?

sie erklärts eh oben - einfach weiterlesen

Wenn du denkst, diese Aussage ist falsch,...

... dann falsifiziere sie mit Quellen.

hat wahrscheinlich was mit auslese, evolution etc... zu tun

die bladen drohnen vermehrten sich damals nicht so wie die durchtrainierten. mit "sport" meinte sie wahrscheinlich die olympischen spiele. dass frau schon jahrtausende vorher ein saftiges stück mammut für sich und ihre kinder einer hungerkur neben einem looser vorzog, nehm ich auch mal als gesichert an :o)

Was meint sie damit:

"Je länger ein Rennen dauert, umso kleiner wird der Unterschied zwischen Mann und Frau".

Von der Leistung (Zeiten) kanns nicht gemeint sein denn da sind die Frauen (gemessen an den Weltrekorden) immer so ca. 9,5 - 12% langsamer.

(100m 9,5%; 400m 10,2%; 800m 12%; 10.000m 12%; Marathon 9,6%)

Den Weltrekord auf die 10fache Ultradistanz hält eine Frau...

echt, es gibt also unter 1000en rekorden einen den eine frau hält - war es zufall, war ´sie die einzige am start?

Ja eh

eine Schwalbe macht ja einen Sommer, oder?

Beim 24-Stunden-Lauf liegt der Rekord bei den Männern (300km:250km) ebenso beim Race Across America.
Für jeden Ultra-Ausdauer-Bewerb wo eine Frau den Rekord hält kann man sicher mehr als 20 aufzählen wo ein Mann den Rekord hält.

ich glaub in der 100km distanz ist der beste mann auch um einiges schneller.

Marathon ist noch ein bisschen zu kurz, aber so ab 100 Meilen-Läufen, ist es nichts außergewöhnliches dass Frauen die Gesamtwertung gewinnen.
Astrid Benöhr, deutsche Ultratriathletin hat z.B. den absoluten Weltrekord im 10-fach Ironman

Vergleiche die Endzeiten dieses Laufes:

http://en.wikipedia.org/wiki/Self... _Mile_Race

Ist wohl auch ein Sprintlauf?

also am schluss soll gesprintet werden, ich würd sagen so ein zwei tage endspurt sind bei 40-50 tagen angemessen :-)

Dieser Rekord von A. Benöhr scheint in keiner offiziellen Liste auf. Er ist lediglich auf ihrer eigenen Homepage angegeben und irgendwer hat ihn glaube ich auf Wikipedia vermerkt. Die Rekordzeit wurde anscheinen auch bei keiner Gelegenheit auch nur annähern wiederholt. Nix gegen die Frau Benöhr, ihre sportlichen Leistungen sind grandios, aber um an diesen Rekord glauben zu können, bräuchte es schon noch ein wenig mehr an Information (Wo?, Wann?, Wie? ....).

Ah

100m bis Marathon zu vergleichen reicht nicht um die Aussage "Kraft gegen Ausdauer" zu falsifizieren. Ist Marathon gar eine Sprintbewerb?

PS: Spinner gibts überall und beim 10-fach-Iron ist's halt derzeit eine Frau die führt. Übrigens hält beim Race Accross America ein Mann den Rekord weit vor der besten Frau. Ist dadurch jetzt das Gegenteil bewiesen?

Noch eine tolle Frau.

http://www.bobbigibb.com/
(aber korrekt: 1966 inoffziell mitgelaufen)

Fraun haben immer recht und sind immer Opfer!

Kritik an Frauen gehört verboten.

ist laufen sexy genug? ^^

also lieber standard: diese frage ist ja wirklich eine zitrone wert find ich! da hat sich jemand ziemlich erblödet. aber respekt vor der dame, dass sie daraufhin so ernsthaft antwortet.

Ich find es super, dass so viele Frauen an dem Tag laufen, dann sind wenigstens die Strassen für die Männer frei zum Autofahren ! ;-)

tolle Frau!

Wir schreiben das Jahr 2012

In ganz Österreich ist der Geist der Gleichberechtigung verbreitet? in ganz Österreich? Nein, ein kleines Grüppchen unbeugsamer derstandard.at Poster hört nicht auf, dem Fortschritt Widerstand zu leisten. Es ist nicht leicht für so manchen Leser diverse geistlose Kommentare zu lesen, die von so manchen Dinosaurier verbreitet werden.

es hat sich nix verändert - man höre sich die komentare von frauen an die beim frauenlauf einen verkleideten mann entdeckten.
und ganz ofiziell ist es heute im jahr 2012 verboten dort mitzulaufen - man muss als mann zu ähnlichen tricks wie frau anno 1967 greifen, mit namen tricksen und sich verhüllen.

Warum?

ist es so super, dass es einen Fraunmarathon gibt?
Alles Schwachsinn: nur um zu zeigen, dass Frauen Männern gegenüber gleichwertig sind? Was sie auch, jedoch in anderen Disziplinen, sind! Aber physisch sind Frauen Männern unterlegen und u.a. auch bei den Aufnahmetests für die Medizinuni. Die Natur hat sich sicher was dabei gedacht zwei Geschlechter zu erschaffen. Warum dieses dauernde Frauengetue .... richtig löd!

Gebären sie erst mal ein Kind - dann reden wir weiter über die physische Überlegenheit. Außerdem, was haben die Aufnahmetests DAMIT zu tun? Bisschen verwirrt - wie?

Zeugen Sie mal ein Kind. DANN reden wir von Überlegenheit ;)

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