Zehn Kisten Obst für einen Maschanzker

  • Nachhaltige Erinnerung an den Maschanzker.
    foto: arche noah

    Nachhaltige Erinnerung an den Maschanzker.

Der Apfel meiner Kindheit war so intensiv im Geschmack, dass er trotz Verschwindens in Erinnerung bleibt

Wien - Für die einen ist es die Birne, für den anderen die Zwetschke. Für mich ist es eindeutig das Maschanzkale, mit dem Großmutter selig uns Kinder selbst mitten im herrlichsten Spiel zu einer freiwilligen Pause bewegen konnte.

Klein bis mittelgroß war er, etwa 50 bis 55 Millimeter hoch und vielleicht 60 bis 65 Millimeter breit - der Apfel meiner Kindheit. Die Erinnerung daran hat sich durch die jahrzehntelange unfreiwillige Abstinenz zwar etwas verflüchtigt; der Geschmack ist aber da wie sommers vor 40 Jahren, wo wir Kinder Omas und Opas Haus samt Garten auf den Kopf stellen durften oder zumindest dachten, das tun zu dürfen. Der Geschmack eines Apfels, so fruchtig-intensiv, wie ich ihn seither nie wieder gekostet habe.

"Kinder, kommt her, esst ein Maschanzkale!"

Der Name dieser Götterfrucht, die keine Götterfrucht war, sondern eben ein simpler, wenn auch äußerst köstlicher Apfel, ist mir entfallen. Erst Recherchen bei Verwandten förderten zutage, dass es sich wohl um den Maschanzker gehandelt haben muss, eine Apfelsorte, die wahrscheinlich in der Steiermark ihren Ursprung hatte und sich in der Folge von dort in andere Bundesländer ausbreitete. Und irgendwie höre ich unsere Großmutter mit ihrer Stimme rufen: "Kinder, kommt her, esst ein Maschanzkale!" Es war wenig, was unseren Spieltrieb zu stoppen vermochte: Dieser spezielle Apfel gehörte dazu.

Im Garten der Großeltern gab es rote und weiße Ribiseln, schwarze Johannisbeeren, Zwetschken und Marillen, im Juni auch Kirschen. Das war insofern ungünstig, weil zur Reifezeit der Kirschen der Schulbetrieb noch voll im Gang war. Das sollte sich kirschenmäßig rächen. Zu Beginn der Sommerferien waren höchstens noch ein paar verhungerte, von Vögeln übrig gelassene Reste von Kirschfleisch zu finden, die an Stängeln hängend an Kernen im Baum pickten.

Und es gab Apfelbäume, vier oder fünf an der Zahl. Die Äpfel aus Omas Garten wiederum hatten den Nachteil, dass man sie nicht sofort essen konnte. Nun, das ist nicht ganz richtig. Man konnte sie schon essen, aber sie mussten zuerst abliegen. Und das dauerte Wochen, wenn nicht Monate. Und dann waren wir Kinder schon wieder weg, weit weg - bei den Eltern und in der Schule. 

Steirische Winterborsdorfer

Aber offensichtlich gab es eine Bezugsquelle für Äpfel, die schon abgelegen waren oder nicht abliegen mussten und trotzdem herrlich schmeckten. Die wurden im Sommer an uns Kinder ausgeteilt und ohne Murren verdrückt: Maschanzker eben.

Eine der ersten Beschreibungen dieser Apfelsorte findet sich in den Pomologischen Monatsheften des Jahres 1877. Da ist von steirischen Winterborsdorfern die Rede. In der Österreichisch-Ungarischen Pomologie 1888 wird berichtet, dass diese Apfelsorte außerhalb der Steiermark und Kärntens wohl noch nicht weit verbreitet ist.

Um 1940 heißt es in der Sortenbeschreibung der Gartenbauzeitschrift Nach der Arbeit, dass die Sorte Maschanzker in der Mittel- und Untersteiermark stark verbreitet sei. Sie war vor Beginn des vorigen Jahrhunderts bis um das Jahr 1960 eine steirische Handels- und Exportfrucht ersten Ranges. Plötzlich aber war sie weg, wie vom Erdboden verschluckt - nicht mehr vorhanden, nur mehr in der Erinnerung. 

Undatiertes Verschwinden

Ein exaktes Datum für das Verschwinden meines Traumapfels gibt es nicht. Das hängt wohl damit zusammen, dass irgendwann auch die Zeit der unbeschwerten, langen Sommerferien in Omas Haus und Garten zu Ende ging. Der Ruf "Kinder, kommt her, esst ein Maschanzkale" hörte auf, als wir Kinder keine Kinder mehr waren. Und so war mein wunderbarer Apfel plötzlich Geschichte.

Angeblich sind in Niederösterreich noch sehr vereinzelt Bäume dieser Sorte zu finden. In Anlehnung an Richards III. verzweifelten Ruf im gleichnamigen Shakespeare-Drama "Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd" bin ich geneigt zu sagen: "Zehn Kisten Obst für einen Maschanzker." (Günther Strobl, DER STANDARD, 2.6.2012)

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