Blinde können von der Farbe sprechen

25. Juni 2003, 11:08
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Elektronische Hilfsmittel für blinde und stark sehbehinderte Menschen: Nützlich, vielfältig einsetzbar und manchmal auch verspielt

Sandor Schuller ist vielleicht der wichtigste Mitarbeiter der Firma CareTec. Der gebürtige Ungar sitzt gleich beim Eingang hinter der Tür mit dem Firmenschild. Schuller, 55, ist von Geburt an blind: In einem Betrieb, der Technologie für Blinde erfindet und verkauft, ist Schuller ein höchst gefragter Mann. "Wenn mir bei unseren Produkten etwas Negatives auffällt, sage ich sofort: 'Kinder, so geht's nicht'", lächelt er.

Seit einem Jahr arbeitet Schuller hier an einem Computer, im Zehnfingersystem bearbeitet er die Tastatur. Seine geschriebenen Texte kontrolliert er mit der "Braillezeile", einer Leiste, die unterhalb der Tastatur liegt, mit deren Hilfe Schuller die Datei in der Blindenschrift lesen kann; die Buchstaben werden dabei von kleinen Stiften auf der Braillezeile gebildet, die in der richtigen Kombination leicht angehoben werden. Manchmal lässt sich Schuller den Text auch einfach nur vorlesen: Dann tönt aus dem Lautsprecher eine raue Männerstimme, die sich überschlägt, wenn er zu schnell tippt. Ausgeklügelte Geräte erleichtern heute sehbehinderten Menschen nicht nur Alltag und Berufsleben, sie eröffnen auch den Zugang zu Internet und sämtlichen IT-Innovationen. Neben sprechenden Taschenrechnern, Weckern und Waagen sind auch behindertengerechte Organizer und Notebooks längst in Umlauf. Erst unlängst wurde in Frankfurt ein Handy präsentiert, dessen Handhabe ausschließlich über Spracherkennung funktioniert; neu am Markt ist auch der "Trekker", ein Blinden-Leitsystem via GPS, eine Art sprechender Stadtplan in der Größe eines Walkmans.

Ausgezeichnet

"Wir stehen erst am Anfang, wir haben noch viele Ideen", sagt Dietmar Litschel, seit der Gründung 1988 Geschäftsführer von CareTec. Seine Firma hat für die Entwicklung anwendungsfreundlicher Produkte für Blinde und Sehschwache als einziges heimisches Unternehmen bereits einige Auszeichnungen eingeheimst. Zum Beispiel für den "Color Test 2000": Drückt man das Farberkennungsgerät auf ein Kleidungsstück, wird das Material gescannt - in Sekundenschnelle sagt einem eine Computerstimme, welche Farbe zum Beispiel das T-Shirt hat.

CareTec hat den Farberkenner auf eigene Faust entwickelt und 1993 auf den Markt gebracht - und dafür den Winston Gordon Award, die höchste Auszeichnung für Innovation in Blindentechnologie, erhalten.

Aber nicht nur Farben erkennt das künstliche Hightech-Auge: Es kann die Uhrzeit und das Datum ansagen, und es ist als Diktafon einsetzbar; man kann sogar eine Partie Schach, Bingo oder Roulette spielen.

Medizinische Geräte

Ebenfalls aus dem Hause CareTec stammen zwei medizinische Messgeräte: Mit dem "GlukiPlus" können sehschwache Personen ohne fremde Hilfe ihren Blutzuckergehalt, mit dem Blutdruckmesser "SweetHeart" ihren Puls kontrollieren. "Unser oberstes Gebot ist größte Präzision bei einfacher Handhabe und übersichtlichem Design", so Litschel. Der größte Zukunftsmarkt der Branche liegt indes in der Ausstattung eines vollkommen blindengerechten Büros.

Bislang ist den Softwaretüftlern Enormes gelungen, doch die Geräte sind noch ziemlich fehleranfällig. Und auch relativ teuer - der ColorTest kostet 997 Euro. Die Entwicklungs-und Herstellungskosten sind hoch, der Absatzmarkt im Verhältnis dazu relativ klein - in ganz Österreich leben rund 12.500 Blinde und praktisch Blinde. (Petra Rathmanner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23 .6. 2003)

Mit elektronischen Hilfsmitteln für blinde und stark sehbehinderte Menschen setzt ein Wiener Unternehmen neue Standards. Die technologischen Innovationen sind dabei in erster Linie nützlich, vielfältig einsetzbar und manchmal auch verspielt

CareTec
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