Mit dem Internet ins kollektive Gedächtnis

23. Juni 2003, 11:04
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Traditionelle Editionstechniken kombiniert mit moderner IT erleichtern Archivierung und historische Quellenarbeit

"Ich finde, dass unser kulturelles Erbe allen zugänglich sein sollte. Nicht nur den wenigen, die es sich leisten können, sämtliche Archive in Europa persönlich zu besuchen." Als Historiker hat Ingo Kropac oft genug erlebt, wie mühsam das Forschen sein kann, wenn einem der Weg zum Objekt seiner wissenschaftlichen Neugierde mit unnötigen Hindernissen verstellt wird. Auch in Österreich verstehe sich so mancher Archivar als Hüter eines geheimen Wissensschatzes - ein insbesondere für Historiker äußerst unerfreulicher Zustand, mit dem sich Kropac nicht zufrieden geben will: "Als Anwender dieses historischen Materials kämpfe ich natürlich für eine Demokratisierung des Zugangs zu den Quellen!"

"Integrierte Computergestützte Edition"

Konkrete Form hat sein Engagement in der vom Wissenschaftsfonds geförderten Arbeit an einer "Integrierten Computergestützten Edition" des schriftlichen Kulturerbes der Reichsstadt Regensburg vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit angenommen. Angesichts der enormen Datenmengen - allein aus dem 15. Jahrhundert sind mehr als 50.000 Einzeltexte überliefert - ein ausgesprochenes Langzeitprojekt. Anhand des reichhaltigen Regensburger Materials soll eine neuartige Editionsmethode in der Praxis erprobt werden, die den Zugang zu den Quellen für alle Interessierten über Internet oder CD-ROM ermöglicht und zudem die vielfältigen Arbeitsschritte des Editierens für den Nutzer erstmals völlig transparent macht.

"Kleio"

Das dafür erarbeitete Know-how, das auf die speziell für die Geschichtswissenschaften entwickelte Software "Kleio" aufbaut, ist weltweit konkurrenzlos: "Natürlich werden gegenwärtig große Digitalisierungsprojekte durchgeführt. Wir aber verknüpfen Digitalisierung, Dokumentation und Edition - das hat vor uns in diesem Forschungsbereich noch niemand gemacht", erklärt Ingo Kropac, der auch maßgeblich an der Einrichtung des neuen Instituts für Informationsverarbeitung in den Geisteswissenschaften an der Grazer Uni mitgewirkt hat.

Es gibt keine Edition ohne Fehler

Der Nutzer profitiert von der neuen Methode mehrfach: zum einen, weil ihm das historische Material vergleichsweise schnell in verschiedenen Bearbeitungsschritten zur Verfügung gestellt werden kann, zum anderen, weil ihm das System auch einen kritischen Blick auf die präsentierten Informationen erlaubt. "Es gibt keine Edition ohne Fehler, auch wir machen welche. Aber wir geben dem Anwender die Möglichkeit, die einzelnen Arbeitsschritte vom editorischen Endprodukt bis zum Originalbild zurückzuverfolgen, sie gegebenenfalls sogar zu korrigieren", erklärt Kropac. "Erst durch diese Transparenz kann die Wissenschaftlichkeit eines Editionsunternehmens gewährleistet werden. Der Benutzer kann auf verschiedenen Ebenen einsteigen, und wenn ihm eine bestimmte Bearbeitung verdächtig vorkommt, geht er einfach zum ursprünglichen Bild zurück."

Ein langer Prozess

Der erste Schritt auf dem Weg zur fertigen Edition ist die Digitalisierung der fotografierten Dokumente, die in dieser Form von den Grazer Forschern grundsätzlich via Internet veröffentlicht werden. Insgesamt ist ein Editionsunternehmen ein langer Prozess: "Wir müssen ja nicht nur die Quelle abschreiben, sondern auch verstehen, was drin steht. Außerdem ist sie in einen historischen Kontext zu stellen, Personen und Orte müssen erschlossen werden und vieles mehr", gibt Kropac Einblick in die anspruchsvolle Arbeit des Editierens.

Transdisziplinäre Arbeiten

Das Regensburg-Projekt geht allerdings weit über die Editionstätigkeit hinaus, da die mit einer Zusatzausbildung in Informatik ausgerüsteten Historiker auch die nötigen Softwaretools entwickeln und zudem das gesamte Systemmanagement durchführen. Ziel dieser transdisziplinären Arbeiten sei es letztlich, die historischen Schriftstücke so aufzubereiten, "dass sie sowohl von Forschern als auch von Laien optimal genutzt werden können". Ein Eldorado für Heimat- oder Familienforscher sind etwa die so genannten Bürgeraufnahmebücher. Dort können sie nachforschen, wer wann zum Bürger geworden ist, was er zu leisten hatte und anderes. Dank des neuen Systems müssen Forscher diese Wälzer nicht mehr von vorne bis hinten durchforsten, um bestimmte Eintragungen zu finden, sondern können mittels Mausklick bequem und rasch zum Gesuchten kommen. "Die entsprechende CD und das Websystem", erläutert Kropac, "haben wir für Laien maßgeschneidert." Nahezu unbeschränkte Möglichkeiten bietet das System für Experten, die sogar ihr eigenes Spezialwissen einbringen können.

25.000 Einzeltexte

25.000 Einzeltexte aus dem Regensburger Archiv wurden bisher digitalisiert, die Edititionen je zweier Stadt- und Bürgerbücher sind bereits fertig gestellt. "Neben der Arbeit an diesen speziellen Editionen", sagt Kropac, "geht es uns aber auch um die Weiterentwicklung der entsprechenden Software, die ja für unterschiedlichste Projekte eingesetzt werden kann." Es dürfte also nicht mehr allzu lange dauern, bis sich auch in einigen österreichischen Archiven die Buchdeckel mit einem Mausklick öffnen lassen. Den empfindlichen Originaldokumenten und ihren Nutzern wird es sicher gut tun.

Link:

fcr-online.com (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.6.2003, Album, Doris Griesser)

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