Differenz differenziert betrachtet

21. Juni 2003, 19:30
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Politologin Dilek Cinar forscht zu Diskriminierung in der EU

Nur Sexismus oder Rassismus zu erforschen ist zu wenig: "Jede ausschließliche Konzentration auf eine Differenz verliert die Realität aus den Augen", sagt die Politikwissenschafterin Dilek Cinar. Schließlich spielen die verschiedenen Diskriminierungsachsen in der Realität auch zusammen. Wie sie zusammenspielen, das ist grob gesagt das Thema der Politologin. Den thematischen Rahmen bietet das Dreieck Migration, Staatsbürgerschaft und Integration - ihre Arbeiten umfassen Studien zur illegalen Migration wie zum muttersprachlichen Unterricht an öffentlichen Schulen.

Zu den multiplen Differenzen ist Dilek Cinar über Umwege gekommen - nach der österreichischen Schule in Istanbul startete die heute 42-Jährige ein Wirtschaftsstudium an der WU Wien. "Dass ich nicht Betriebswirtin und Managerin werden will, habe ich relativ rasch festgestellt." Schon weil die "gesellschaftskritische Perspektive bei so einem Studium komplett fehlt". Dennoch hat sie das Studium beendet - mit einer Arbeit zum Begriff der Entwicklung und Unterentwicklung am Beispiel der asiatischen Produktionsweise. Ihre eigentlichen Themen entwickelte sie aber erst danach, am Institut für Höhere Studien. "Das war in den frühen 90er Jahren - da ist das Stichwort Multikulturalität in Österreich erst in Mode gekommen", erzählt Cinar. Seit 1996 forscht sie am Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien. "Inzwischen ist Antidiskriminierung zu einem neuen Schwerpunkt am Europäischen Zentrum geworden, freut sich Cinar.

Das Thema der multiplen Differenzen wird sie auch noch einige Zeit begleiten - schließlich wurde gerade vom Bildungsministerium ein Projekt im Rahmen des Forschungsprogrammes node (New Orientations for Democracy in Europe) bewilligt. Gemeinsam mit der Ethnologin Sabine Strasser und dem Philosophen Hakam Gürses wird sich Cinar auf einer theoretischen Ebene mit dem Verhältnis von Ungleichheit und Diskriminierung in der Europäischen Union befassen.

"Wobei es uns nicht nur darum geht, die nationalen Politiken zu vergleichen", so Cinar. Es gehe um Grundsätzlicheres: "Zum Beispiel um die Frage, ob es Formen der Ungleichheit geben kann, die nicht diskriminiert werden." Und darum, ob unterschiedliche Differenzen - entlang von Identitätsachsen wie Gender, ethnischer Herkunft oder auch Alter - gleichwertig zu behandeln seien. "Ob man also Gender Mainstreaming eins zu eins auf andere Gruppen übertragen kann."

Daneben sollen verschiedene Konzeptionen von Gleichheit gedacht werden. "Außerdem wollen wir den Möglichkeiten und Grenzen der Antidiskriminierungspolitik nachgehen", kündigt sie an. Dafür müsse man sich detailliert mit den Erfahrungen anderer Länder auseinander setzen, beispielsweise mit dem US-amerikanischen Ansatz der positiven Diskriminierung von Minderheiten (affirmative action). "Da gibt es einen reichen Erfahrungsschatz und auch die heftigsten Kontroversen." (Heidi Weinhäupl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22 .6. 2003)

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