Wie die Wirklichkeit, nur besser

20. Juni 2003, 19:52
posten

Wie Themenparks und Entertainmentcenter entstehen

Ich kannte fast alle karibischen Inseln. Dann entdeckte ich bei Disney in Florida die 'Typhoon Lagoon', eine nachgebaute Karibik. Die war schöner als die Wirklichkeit. Da wusste ich: In Zukunft baue ich Traumwelten für die Konsumenten." Der Austroamerikaner und Architekt Ludwig Morasch erklärt damit einen Aspekt des Erfolgs solcher "Welten in Miniaturausgabe": Sie bieten leicht zugängliche, idealisierte Umgebungen, die nicht nur die "Frei-Zeit" vertreiben, sondern auch den Konsum ankurbeln. Dem Erfolg gingen die Historiker und Kulturwissenschafter Susan Ingram, Markus Reisenleitner und Eva Schwarzmann aushistorisch-vergleichender Perspektive auf den Grund. Anfang Juli erscheint ihr großteils englisches Buch zum Forschungsprojekt unter dem Titel "Orte und ihre Geschichte(n): Themenwelten, Urbaner Konsum und Freizeitöffentlichkeit".

Eva Schwarzmann etwa weist in ihrem Beitrag über Wienerische Inszenierungen der Fremde als Massenunterhaltung darauf hin, dass der erste große heimische Vergnügungspark 1766 entstand, als Joseph II. den Prater für die Allgemeinheit öffnen ließ. "Der Prater verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem der zentralen Orte populären Vergnügens", beschreibt Schwarzmann, die darin auch einen Ausdruck der damaligen politischen und sozialen Umstände sieht: Der Prater bot einerseits den verarmten Massen die nötige Ablenkung von ihrer tristen Situation. Andererseits sollten die Belustigungen das Volk vom politischen Engagement ablenken.

Die ersten exotisch angehauchten Themenparks entstanden mit den Weltausstellungen. So gab es bereits bei der Wiener Weltausstellung 1873 zum Thema Ägypten eine Gebäudegruppe mit einer Volksschule, einem Kaffeehaus, einem Wohnhaus mit Harem, einer Moscheeanlage mit Kuppel und Minarett und sogar ein altägyptisches Felsengrab. Schon damals ermöglichten es die Themenparks den Besuchern, aus ihrem Alltag zu flüchten.

Dass die "neuen Wirklichkeiten" ausschließlich auf der grünen Wiese entstehen, stellt die alten Stadtzentren vor das Problem der Entvölkerung. Eine Reaktion, das Einbeziehen von Themenwelten in innerstädtische Angebote, beschreibt die Musikwissenschafterin Cornelia Szabo-Knotik am Beispiel Wien. Im Haus der Musik mit seinen spielerischen Elementen, der "Musik-Meile" mit 70 in den Boden eingelassenen Marmorsternen, die auf Musikgrößen mit Beziehung zu Wien hinweisen, sowie einer multikulturellen Toninstallation in einem Randbezirk ortet sie erste Ansätze: Musik wird popularisiert und soll nicht nur kulturinteressierte Touristen anlocken.

Die Übersteigerung der Idee von der Stadt als Themenpark beschreibt Markus Reisenleitner am Beispiel der kanadischen Stadt Dawson City, die zum Erlebnisparadies für "Goldsucher" wurde und heute ausschließlich von Touristen lebt. "Paranormal" nennt Eva Schwarzmann diese Welten, deren Wesen der Städteforscher Michael Sorkin so beschrieb: "Just like the real thing, only better." (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22 .6. 2003)

Susan Ingram und Markus Reisenleitner: Placing History. Themed Environments, Urban Consumption and the Public Entertainment, Turia & Kant, Wien, ab Juli.
Share if you care.