Gefährliche Streikstrategie

20. Juni 2003, 19:42
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Bei diesem Arbeitskampf steht viel auf dem Spiel - Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid

Dass die Beschäftigten in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie um drei Stunden pro Woche länger als ihre Kollegen im Westen arbeiten müssen, ist ungerecht. Da die Wiedervereinigung schon vor fast dreizehn Jahren vollzogen wurde, ist die wachsende Ungeduld verständlich. Aber die IG Metall muss sich trotzdem die Frage gefallen lassen, ob der Zeitpunkt für einen Streik zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche klug gewählt war. Deutschland befindet sich in einer wirtschaftlichen Krise, das Wirtschaftswachstum stagniert, die Arbeitslosenzahl bewegt sich auf fünf Millionen zu.

Wie ein Damoklesschwert schwebt die Arbeitslosigkeit über all jenen, die in Ostdeutschland, wo in manchen Regionen die Erwerbslosenquote bei dreißig Prozent liegt, einer geregelten Beschäftigung nachgehen. Es ist deshalb kein Wunder, dass zwar viele den Aufruf der IG Metall zum Streik unterstützt haben, aber jetzt, da es ernst wird, passen. Es fällt auf, dass viele Streikposten aus Westdeutschland angereist sind. Diejenigen, die arbeiten wollen, müssen sich den Zugang zum Arbeitsplatz zum Teil mit einem Gerichtsentscheid erkämpfen oder werden - wie in Dresden - per Hubschrauber ins Werk geflogen.

Bei diesem Arbeitskampf steht viel auf dem Spiel. Ostdeutschlands Industrie hat es geschafft, sich allmählich wieder an die westliche Konkurrenz heranzukämpfen. Es hat sich herumgesprochen, dass dort nicht nur staatliche Beihilfen, sondern auch Kostenvorteile und große Flexibilität winken. Von den Streiks sind nun Autoproduzenten im Osten und im Westen Deutschlands sowie im Ausland - auch in Österreich - betroffen. Machen Konzerne ihre Drohung wahr, mit Produktionsstätten nach Osteuropa abzuwandern, hätte die IG Metall den Arbeitnehmern in Deutschland einen Bärendienst erwiesen. (Alexandra Föderl-Schmid, Der Standard, Printausgabe, 21.06.2003)

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