Jeder kämpft hier bis zum Schluss

20. Juni 2003, 21:39
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Seit kurzem werkt er wieder bei der Wiener Austria. Vor seiner Abreise nach Österreich besuchten Osamu Nakamura und Leopold Federmair Ivica Vastic bei seinem japanischen Club Nagoya Grampus Eight

Einerseits, andererseits. Ivica Vastic ist ein Mann, der abzuwägen versteht. Einerseits spielt er für seinen Verein Nagoya Grampus Eight lieber in Toyota, weil dort die Atmosphäre besser ist. Andererseits ist das Fußballfeld im Mizuho-Stadion von Nagoya viel besser. In Toyota haben die Spieler Schwierigkeiten, den Ball zu kontrollieren, Richtungswechsel sind mühsam. Hängt es damit zusammen, dass der Rasen noch neu ist? Das Toyota-Stadion wurde im Juli 2001 eröffnet. Nein, Rasenflächen sind nicht wie Weine, die durchs Altern besser werden. In Japan sind fast alle Fußballstadien neu, die Rasen meistens gut.

Für europäische Begriffe ist es merkwürdig, dass eine Mannschaft ihre Heimspiele auf zwei Städte aufteilt. Nagoya, die Großstadt, die sich gern als Zentrum japanischer Technologie sieht, mit eleganten Geschäften im Zentrum, internationalen Restaurants und Konditoreien, hohen Türmen und kilometerweiten unterirdischen Labyrinthen voller Geschäfte, Cafés, Büros, Hotels, Vergnügungshallen - und Toyota, Sitz der gleichnamigen Autofirma in einem dicht besiedelten, aber bis heute ländlich geprägten Gebiet, verschlafen und provinziell wirkend. Die Bevölkerungszahl Toyotas ist heute fünfundzwanzigmal so hoch wie 1930. Zuwanderung aus dem Ausland ist ein relativ neues Phänomen. Vor allem Brasilianer aus der Gegend um Sao Paolo, viele von ihnen mit japanischen Vorfahren, hat es hierher verschlagen. Doch seit die japanische Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosenzahlen steigen, kommt es auch in Toyota zu Konflikten, wie sie in Europa gang und gäbe sind. Ueslei Raimundo Pereira da Silva, die Sturmspitze von Nagoya Grampus, ein dunkelhäutiger, bulliger Brasilianer, ist in gewisser Weise ihr Spieler. Im Stadion kann man immer einige der roten Grampus-Fahnen mit grün-gelbem Zusatzwimpel sehen. (Nach österreichischen Farben sucht man vergebens. Einen einzigen Fan im Vastic-Trikot der österreichischen Nationalmannschaft haben wir gesichtet.)

Wenige Bahnstationen vor Toyota liegt der Ort Miyoshi. Hier, in einer weitläufigen Sportstadt mit Einrichtungen für Leichtathletik, Fußball und Baseball, dem in Japan weitaus populärsten Mannschaftssport, befinden sich das Vereinshaus und die Trainingsplätze von Nagoya Grampus. Während wir das Training beobachten, hören wir allerlei Sprachen vom Spielfeld: Japanisch, Englisch, Slowenisch, Portugiesisch und manchmal auch Deutsch - aus dem Munde von Trainer Verdenik, der früher bei Austria Wien tätig war. Im Japanischen sind viele Ausdrücke der Fußballsprache dem Englischen entlehnt. Vastic erklärt im Gespräch: "Fußball wird sehr schnell gespielt, da hat man keine Zeit zum Diskutieren. Man verwendet eher kurze Worte, oft auch die englische Sprache. Im Japanischen gibt es diese Wörter nicht so, es würde zu lange dauern..." Auf dem Trainingsplatz sind zwei Übersetzer, einer übersetzt ins Japanische, der andere ist der persönliche Übersetzer von Ueslei.

Vastic ist der letzte Spieler, der das Trainingsfeld verlässt. Während seine Kollegen, unter ihnen Andrej Panadic, schon in der Umkleidekabine sind, läuft er noch einige Runden um den Platz. Danach übt er zusammen mit einem Assistenten auf ihn zugeschnittene Spielsituationen: von halbrechts aus dem Mittelfeld auf den Strafraum zulaufen, dann ein Haken, Schuss aus der Halbdistanz... Im Sekretariat hatte man uns bereits gesagt, dass Vastic ein besonders fleißiger Spieler ist - eine Eigenschaft, die Japaner zu schätzen wissen.

Vastic, bescheiden wie eh und je, erklärt seine Philosophie: "Arbeit ist das Wichtigste, Talent ohne Arbeit hilft nicht viel. Besonders in einer Zeit wie der heutigen, wo alle sehr schnell spielen... Außerdem ist für mich nach dem Training die schönste Zeit zum Trainieren. Da kann ich machen, was ich will, oder was mir fehlt, und wofür im Mannschaftstraining keine Zeit ist."

Das alles steht nicht im Widerspruch zu seiner ideenreichen, oft intuitiven Spielweise. Bei Nagoya Grampus ist seine Position offensiver als früher bei Sturm Graz. Das sei von Anfang an so geplant gewesen: "Ich spiele reine Sturmspitze und hole die Bälle, wenn es nötig ist. Ich habe die Möglichkeit, viel zu wechseln, und bin dadurch für die gegnerische Mannschaft schwerer auszurechnen."

Viele meinen, Ueslei und er könnten zusammen das beste Stürmerduo in Japan bilden. Jedenfalls dann, wenn die Mannschaft funktioniert, was in der letzten Saison nicht immer der Fall war. Vastic sieht sich selbst als Spieler fürs Kollektiv, der Brasilianer hingegen ist Individualist: torhungrig und, fügen wir hinzu, manchmal ein bisschen eigensinnig. Dass Nagoya Grampus seine Leistungen vom Saisonbeginn nicht halten konnte, liegt Vastic zufolge vor allem daran, dass der Kader klein ist.

Ein Thema, das die Japaner selbst sehr interessiert, ist das hiesige Essen - und wie Ausländer damit umgehen. Vastic isst gern Japanisch, aber nur im Restaurant. Zu Hause wird "europäisch gekocht, oder wie wir es aus Kroatien gewöhnt sind". Bei den Zutaten gibt es manchmal Schwierigkeiten, oft merke man erst, worum es sich handelt, wenn schon serviert ist. Vastic selbst kocht nicht, das machen seine Frau und deren Mutter. Zusammen mit den Kindern leben sie zu sechst in Meito-ku, einem östlichen Stadtteil von Nagoya, ziemlich ruhig, mit buddhistischen Tempeln und Universitätscampussen. Oft bringt Vastic seine Kinder in die internationale Schule, wo die Unterrichtssprache Englisch ist. Auf diese Weise kommt er mit anderen Eltern in Kontakt - viele von ihnen Ausländer, aber es gibt auch japanische Kinder in der Schule. Einen Vorteil des Legionärsdaseins sieht Vastic darin, dass er mehr Zeit für die Familie hat. In Graz seien die Kinder fast ohne Vater aufgewachsen.

Nach Vastic' Erfahrung spielen japanische Fußballmannschaften ein bisschen hektischer und schneller als europäische. Auch ungeduldiger. Der japanische Fußball sei weniger taktisch orientiert als der in Europa. Außerdem sei die Liga ... vielleicht nicht besser als die österreichische, aber auf jeden Fall interessanter. "In Österreich ist derzeit die Wiener Austria überlegen. Da kann man schon im Voraus wissen, gegen wen die Mannschaft gewinnen wird und gegen wen es eventuell eng wird. In Japan kann man das nie sagen. Die Spiele, die wir drei oder vier zu null gewonnen haben, hätten wir genauso drei oder vier zu null verlieren können, und umgekehrt. Man kann vorher nicht wissen, wer gewinnt. Für die Zuschauer ist das sehr spannend. Alle versuchen, offensiv zu spielen, und oft fallen sehr viele Tore. Es gibt keine Mannschaft, die aufgibt. Jeder kämpft bis zum Schluss."

Und die so genannte Fankultur? Man sieht hier so gut wie nie junge Leute in Fußalltrikots auf der Straße, wie das in europäischen - und noch mehr in südamerikanischen - Ländern üblich ist. Andererseits sieht man im Stadion dann ganze Sektoren einheitlich in den Farben ihrer Mannschaft. Vastic meint, die Fans brächten den Spielern sehr viel Respekt entgegen und stünden bedingungslos zur Mannschaft. "Wir waren so oft im Rückstand, aber die Fans haben uns immer weiter unterstützt und vorangepeitscht, und wir haben gekämpft und dann noch Spiele gewonnen durch das Verdienst der Fans. Insofern ist es sehr angenehm, in Japan zu spielen, denn du weißt, das Publikum steht immer hinter dir. In Österreich, wenn man nach einer Viertelstunde oder zwanzig Minuten kein Tor schießt, fangen die Leute zu pfeifen an. Das habe ich hier nie erlebt."

Eine Frage, die sich unvermeidlicherweise stellt (und die sich mittlerweile durch Vastics Rückkehr zur Austria erübrigt hat): Wie fern ist der österreichische Fußball gerückt? Will Vastic tatsächlich nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen? Antwort: "Ich will schon, aber ich kann nicht." Das hängt nicht nur mit den körperlichen Strapazen zusammen, sondern auch mit dem japanischen Terminkalender, der nicht auf das europäische Spielprogramm abgestimmt ist. Acht Stunden Zeitunterschied, fünfzehn Stunden Flug, keine Zeit, um den Körper zu regenerieren: Soll doch lieber ein ausgeruhter Spieler spielen, das bringt für die Mannschaft mehr. Und dann bedeutet jeder Einsatz in der Nationalmannschaft ein versäumtes Spiel bei Nagoya Grampus. "Das ist mein Arbeitgeber, er bezahlt mich, ihm bin ich die Leistung schuldig." Vastic mag ein fußballerisches Genie sein; in erster Linie ist er ein vorbildlicher Mitarbeiter der Firma.

Das Trainingsgelände von Miyoshi liegt inzwischen im Dunkeln; der Portier des Vereinslokals macht sich bemerkbar. "It's okay", sagt Vastic, aber der Portier denkt selbst ans Nachhausegehen. Wir steigen ins Auto; bis zum Bahnhof von Miyoshi nimmt uns Vastic' in seinem weißem Sportwagen mit. Osamu findet den Sicherheitsgurt nicht und zeigt sich beunruhigt. Die beiden Europäer lächeln über das typische Sicherheitsbedürfnis des Japaners. Vor dem Aussteigen fragen wir den Fußballstar, ob ihm die Champions League nicht fehle. "Schon ein bisschen", ist die schlichte Antwort.

Der österreichische Schriftsteller Leopold Federmair lebt im Moment in Japan, Osamu Nakamura ist Germanist in Nagoya.

(DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.6.2003)

  • Er gilt als fleißiger Spieler, was Japaner schätzen: Ivica Vastic (mit O. Nakamura, Germanist in Nagoya und Koautor dieses Beitrags)
    foto: federmair

    Er gilt als fleißiger Spieler, was Japaner schätzen: Ivica Vastic (mit O. Nakamura, Germanist in Nagoya und Koautor dieses Beitrags)

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