Lust, Tod und Schweinesauce

20. Juni 2003, 20:20
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Natsuo Kirinos preisgekrönter Thriller über den Zorn japanischer Frauen

Vorweg: Dieser Thriller ist nur etwas für hartgesottene Leser, denn es geht darin um die Kunst, Leichen so zu tranchieren, dass man sie in unauffällige kleinen Müllbeuteln verstauen kann. Vordergründig. In Wirklichkeit entwirft die japanische Autorin ein brutales Sittenbild vom unteren Rand der japanischen Gesellschaft und die Metzeleien sind kein Selbstzweck, sondern ergeben sich ganz logisch aus den besonderen Umständen.

Hauptakteurinnen sind vier Frauen, die sich nachts am Fließband einer Lunchpaketefabrik mühsam ihr lächerliches Gehalt verdienen. Eine von ihnen rastet aus, als ihr Ehemann ihr gesamtes Erspartes mit einer Hure und beim Glücksspiel verprasst. Sie erwürgt ihn. Das Problem der Beseitigung der Leiche wird mithilfe der tatkräftigen Masako gelöst. Die schafft den Toten in ihr Badehaus, organisiert Mithelferinnen und zerstückelt die Leiche.

Wenn man in einer Lebensmittelfabrik arbeitet, wo jeden Tag Fleischabfälle entsorgt werden, fehlt es eben nicht an Know-how. Und wenn die Frauen schon den ganzen Dreck der Welt wegschaffen müssen, egal ob zu Hause die Windeln der gelähmten Schwiegermutter oder in der Fabrik die umgekippten Schweinesauce-Behälter, können sie auch gleich einen Profibetrieb aufziehen. Ein kleiner Gangster vermittelt die Objekte, die verschwinden sollen, und das Geschäft scheint gut anzulaufen.

Was die Autorin in grellen Farben und mit grässlichen Details ausmalt, ist hyperrealistisch und verweigert die Abmilderung durch Ironie oder schwarzen Humor. Die Lebensumstände der Frauen sind derart unerträglich, dass diese sich nur durch brachiale Maßnahmen Luft verschaffen können. Der Kontrast zum offiziellen japanischen Frauenbild könnte nicht brutaler sein. Unterwürfig, trotz guter Ausbildung lebenslang am untersten Ende der Firmenhierarchie, verantwortlich für die Familie und das Wohlergehen des Ehemannes im Besonderen, so hätte man(n) es gern weiterhin. Die Männer scheinen im Übrigen etwas von dem flammenden Zorn der Arbeiterinnen zu ahnen. Mehrmals ist abwertend von "Frauensolidarität" die Rede, als die Ermittler nicht und nicht dahinterkommen, was Masako und ihre Komplizinnen zu verbergen haben.

Aber das ist nur ein Aspekt. Die Autorin schildert auch die sich bald zerstreitende Frauengruppe ohne Weichzeichner. Eine der Mithelferinnen ist zu dumm und zu gierig, um sich nicht in übelste Schwierigkeiten zu bringen, die anderen sind zu schwach. Nur Masako schafft es, das alles durchzustehen und dabei in die eigenen dunklen Abgründe zu blicken. Der für die japanische Kunst typische Konnex zwischen Lust und Tod ist das zweite Hauptthema des Romans. Er wird in einem Duell zwischen Masako und einem Lustmörder abgehandelt. Zwei gleich starke Persönlichkeiten treffen sich in einem makabren Pas de deux und erkennen einander am Rande ihrer Auslöschung.

Das durchgängige Fehlen jeglicher moralischer Wertung ist irritierend, weil das nicht als Attitüde, sondern todernst gemeint ist. Es gibt nur einen allgemein verbindlichen Maßstab und der heißt Geld, egal ob sauberes oder "schmutziges". Ethische Kategorien sind nicht relevant, weil sie ein Überleben unmöglich machen würden.

Auch die Nebenfiguren sind intensiv und nicht ohne Zynismus gezeichnet. So ist etwa der einzige sympathische Mann ein "Grapscher". Er passt die Frauen nachts auf dem Weg zur Fabrik ab und zerrt sie ins Gebüsch, um sie an sich zu pressen. Angesichts dessen, was sonst noch passiert, eine Harmlosigkeit. Der "Grapscher" ist übrigens ein Gastarbeiter aus Brasilien, Sohn eines japanischen Auswanderers und in Japan nicht willkommen. Er gehört als "Ausländer" zur alleruntersten Schicht und begreift schließlich, dass es für ihn das Beste ist, nach Brasilien zurückzukehren. Es sind solche Details, an denen Natsuo Kirino die beinharten sexistischen und rassistischen Hierarchien aufzeigt: Die Dinge sind wie sie sind. Es überleben nur die Härtesten. Und das sind die Frauen, die Männer wissen es nur noch nicht. (DER STANDARD, Printausgabe vom 21./22.6.2003)

Von Ingeborg Sperl
  • Natsuo KirinoDie Umarmung des Todes. Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns. € 23,70/608 Seiten. Goldmann, München 2003
    foto: buchcover

    Natsuo Kirino
    Die Umarmung des Todes.
    Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns.
    € 23,70/608 Seiten. Goldmann, München 2003

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