In Bewegung

23. Juni 2003, 12:20
posten

Eva Kollischs autobiografischer Entwicklungsroman über die Suche nach dem "wahren" Sozialismus

Der deutsche Untertitel bezeichnet Eva Kollischs Prosaband Mädchen in Bewegung als Roman. Die vor drei Jahren erschienene amerikanische Originalausgabe identifizierte ihn noch als a memoir, also ein Erinnerungs-bzw. Memoirenwerk. Ans Romanhafte grenzen freilich die Begebenheiten des Erzählten, das im Wesentlichen alles andere als Erfindung ist, sondern auf Selbsterlebtem beruht. Die amerikanische Literaturkritik der Gegenwart würde diesen Text als creative nonfiction bezeichnen, früher hätte man auf Deutsch wahrscheinlich Tatsachenroman gesagt (wenn schon von Roman die Rede sein sollte).

Wie dem auch sei: Es handelt sich in diesem autobiografischen, in der Ichform gehaltenen Werk um die Geschichte der in Wien geborenen Emigrantin Eva Kollisch, die als Teenager 1940 nach Amerika kommt - mit ihren beiden Brüdern war sie im Juli 1939 auf einem Kindertransport nach England entkommen, ihre Eltern flohen getrennt aus dem "angeschlossenen" Österreich, 1940 fand die Familie in New York wieder zusammen.

Natürlich ist der Titel des Bands zweifach zu verstehen: Bewegung im Sinne eines Aufbruchs, des Wegbewegens vom Elternhaus, des Reifens vom Mädchen zur jungen Frau; Bewegung aber auch als politische Bewegung, der die junge Emigrantin beitritt.

Ebenso köstlich zu lesen wie historisch aufschlussreich sind die Beschreibungen des amerikanischen Arbeitsalltags sowie Eva Kollischs Ausflüge in den politischen Untergrund New Yorks: Wem ist heute noch geläufig, dass es während der Vierzigerjahren in den USA eine trotzkistische Arbeiterpartei mit Hauptquartier in Downtown Manhattan gab? Eva Kollisch trat 1942 dieser von Max Shachtman geleiteten Splitterpartei bei, für die sie Basisarbeit in Fabriken leistete. In diesen linken Kreisen wurden - lange vor den Studentenunruhen in den Sechzigerjahren - Diskussionen über den "wahren" Sozialismus geführt. Es ist, als würde vor dem Leser eine lange vergrabene Zeitkapsel geöffnet.

Für die Protagonistin dieses modernen Bildungsromans ist die Suche nach dem Sozialismus immer auch eine Suche nach dem eigenen Ich, ein Akt der Selbstverwirklichung mit all seinen Abenteuern, Vergnügen, Enttäuschungen und Irrtümern. Jedoch können auch alle trotzkistischen Theoretiker ihres Kreises der jungen Emigrantin nicht überzeugend erklären, was denn Sozialismus sei. Theorie und Praxis erweisen sich als unvereinbar. Das Einwanderermädchen, das 1942 ihren um zehn Jahre älteren Mentor geheiratet hatte, entschließt sich drei Jahre später, ihn und seine Bewegung zu verlassen.

Eva Kollisch, Tochter der Lyrikerin Margarete Kollisch (1893 Wien - 1979 New York), hat den Bericht ihres frühen Erwachsenendaseins mit Wärme und Witz, mit dichterischer wie historiografischer Wahrheit geschrieben: ein gelungener Beitrag zur Exil- wie zur Frauenliteratur, ein Rückblick auf eine Bewegung, der sicherlich auch den Leser bewegt.

Sabina Illmers kompetente Übersetzung hat nun endlich auch dem deutschsprachigen Leser diesen Rückblick ermöglicht. Dem Picus Verlag gebührt erneut Anerkennung für die Rückführung der von Österreichern im Exil hervorgebrachten Literatur. (DER STANDARD, Printausgabe vom 21./22.6.2003)

Gert Niers ist Professor of Humanities am Ocean County College in New Jersey. Er schieb seine Dissertation über Frauen im Exil und war jahrelang Redakteur der New Yorker Exilzeitschrift Aufbau.

Von Gert Niers
  • Eva KollischMädchen in Bewegung. Aus dem
Amerikanischen von Sabina Illmer. € 21,90/356 Seiten.
Österreichische Exilbibliothek, Picus Verlag, Wien.
    foto: buchcover

    Eva Kollisch
    Mädchen in Bewegung.
    Aus dem Amerikanischen von Sabina Illmer. € 21,90/356 Seiten. Österreichische Exilbibliothek, Picus Verlag, Wien.

Share if you care.