Out of Austria

20. Juni 2003, 20:15
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Eine Schrift wider den "Austro-Solipsismus" in der Literatur

Jenseits der österreichischen Buchstabensuppe" schwimmen: Dieses Zitat aus dem Band Blicke von außen könnte durchaus als Absichtserklärung herhalten für das hier Unternommene. Als Verfasser zeichnen drei österreichische Auslandsgermanisten und Literaturkritiker - Klaus Zeyringer (Angers; Der Standard), Franz Haas (Mailand; NZZ) und Hermann Schlösser (der aus dem Rheinland zur Wiener Zeitung kam). Aus der Außenperspektive von expatriates möchten sie die österreichische Literatur gleichsam auf den Prüfstand des internationalen Kontexts stellen, wie schon der Untertitel andeutet. Den Inhalt bilden essayistisch zugespitzte Studien über die Aufnahme heimischer AutorInnen im Rahmen des deutschen, französischen und italienischen Literaturbetriebs - flankiert von zwei Dialogen und Vorbemerkungen der Verfasser, die Thesen formulieren und abschließend evaluieren.

Auf den ersten Blick präsentiert sich die heimische Literatur ja als Erfolgsgeschichte. Gegen (groß)deutsche Vereinnahmungsversuche hat sich in den letzten zwanzig Jahren eine germanistische Emanzipationsbewegung durchgesetzt, die die kulturelle Eigenständigkeit der österreichischen Textwelt beschrieb und ihre Verortung in einer Tradition betrieb, die weitläufiger ist als die deutsche. Die Präsenz heimischer AutorInnen in der Superliga der deutschen Verlage war zudem so eindrucksvoll, dass auf der Frankfurter Buchmesse 1995 ein Kritiker der SZ von einem veritablen friendly take-over der deutschen Literatur durch Handke, Bernhard, Jelinek und Co. sprechen wollte. In Hinblick auf die Qualität der Texte made in A. waren sich auch viele seiner KollegInnen einig, dass diese höher anzusetzen sei als jene der "Leitzordner-Literatur" (Thomas Bernhard) von Grass, Walser und anderen. Das Stereotyp einer "österreichischen Sprachvirtuosität" - gepaart mit den zweifelhaften Freuden eines inneren Exotismus - wurde so zum erfolgsträchtigen Markenzeichen.

Nicht zuletzt mit dem Auftauchen einer neuen deutschen Erzähl-Generation zur Jahrtausendwende gerieten diese Etiketten wieder ins Wanken. In Zeiten, wo Wörter wie "Vaterlandsliebe" in Wien und Umgebung wieder formulierbarer wurden, begannen sich führende österreichische Germanisten zu fragen, ob sie nicht gegen ihre Absicht auch der falschen Seite Stichworte geliefert hatten. Wollte man am Mauerbau einer neuen "Nationalliteratur" partizipieren? Und wie den aggressiven Minderwertigkeitskomplex als Motor der österreichischen Kultur bändigen, der so gerne in Großmannssucht umschlägt? Eine Nachdenkpause inmitten des eigenen Erfolgs schien angesagt.

Damit sind wir auch mitten im Untersuchungsfeld des vorliegenden Buches, das Klaus Zeyringer nicht mit dem Pflug der Selbstgewissheit, sondern eher mit Pierre Bourdieu bestellen will. Zuvor genießt er es noch, die Heiligenstatuen der jüngeren Tradition talibangleich in die Luft zu sprengen. "Könnte nicht die experimentelle Avantgarde die Funktion der österreichischen Heimatkunst übernommen haben?" fragt er unter anderem. Ein häufiger Reibebaum ist ihm und den anderen Autoren vor allem Elfriede Jelinek als Paradigma österreichischer "Überschätzung" und Selbstbeschränkung im Ausland, dem "Austro-Solipsismus" (Haas). Kritik geübt wird ebenso am engen "Österreich-Bezug" als Doktrin der heimischen Kulturaußenpolitik. Oder an der Befangenheit des Österreich-Bilds im Ausland zwischen "Habsburgischem Mythos und der sozusagen schwarzen Legende vom Nazistaat" (Schlösser).

Die Analysen münden im traurigen Befund, dass "der französischen Kultur-Öffentlichkeit die beste österreichische Literatur noch immer jene von Stefan Zweig" gilt (Zeyringer). In Italien indes fördere, so Haas, der bedenkliche "politische Schulterschluss der beiden Nachbarn [...] nur das Schulterklopfen", es schade aber "der Beliebtheit von Sisi nicht". Und die Deutschen, so ließe sich Schlösser zusammenfassen, würden sich zwischenzeitlich immer mehr von der österreichischen Literatur abwenden. Fazit: die österreichischen AutorInnen sind nirgendwo so wichtig, wie sie es mitunter gerne wären - außer vielleicht in Österreich.

Ergötzliche Steine des Anstoßes und lustvolle Schmähungen säumen so den Weg dieses germanistischen Trio external. Hier werden die Aporien des österreichischen Literaturbetriebs und der Österreich-Germanistik auf den Punkt gebracht, ebenso die eine oder andere interne Fehde ausgefochten, manchmal heiter, manchmal auch mit der Hacke. Die Außenperspektive, die propagiert wird, ist indes heilsam und produktiv für den Blick selbst; sie ist möglicherweise aber nicht immer förderlich für das Wohl der Blickenden (seitens der Hier-Gebliebenen). Auch das ist Österreich.

Lobenswert ist jedenfalls der Versuch, eine breitere Diskussion über das "Eigene" Österreichs wieder in Gang zu bringen. Maliziöser ließe sich freilich argumentieren, dass auch diese Desillusionierung des Austria-hype im späten 20. Jh. zwangsläufig dessen Mechanismen anheim fällt: der so genannten "Nestbeschmutzung", oder, weniger mit Staberl formuliert: dem "Austro-Masochismus".

Dementsprechend möchte der Rezensent (ebenfalls ein expatriate) eine Utopie formulieren: von einer Zeit, wo die deutschsprachige Literatur wieder einen großen Raum formen darf - keinen einheitlichen, sondern einen diversen, heterogenen und vielleicht auch hybriden. In dem so viel Platz für das Verschiedene ist, dass dieses nicht mehr lautstark seine Andersartigkeit (oder Minderwertigkeit) zu betonen braucht. Und wo nicht eine einzelne Mangoldstaude - oder eine Packung Marchfelder Eintopf - für das ganze Gemüse auf Goethes (und Grillparzers) Erdboden stehen muss. (DER STANDARD, Printausgabe vom 21./22.6.2003)

Clemens Ruthner ist Germanist, er lebt in Antwerpen.

Von Clemens Ruthner

Franz Haas / Hermann Schlösser / Klaus Zeyringer, Blicke von außen. Österreichische Literatur im internationalen Kontext, €22,-/203 Seiten. Haymon, Innsbruck, 2003.

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