Spieler ohne Heimat

20. Juni 2003, 22:53
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Harold Arroyo gastiert mit der ersten international agierenden amerikanischen Homeless-Mannschaft in Graz

Harold Arroyo ist eine Ausnahme, ein alter Hase inmitten von Amateuren. Immerhin stand der Puerto Ricaner im Laufe seines wechselvollen Lebens bereits mit beiden Beinen recht fest im Profisportleben, wenngleich in einer etwas anderen Ecke. Als Schwergewichtsboxer war er in Seoul 1988 Olympia-Verteter seines Landes, dann kam der Militärdienst, gefolgt von den Tücken eines plötzlich allzu zivilen Alltags. Arroyo ließ sich leichter provozieren, als für ihn gut war, langte im falschen Moment zu, verlor mehrere Jobs durch Handgreiflichkeiten. Die klassische Abwärtsspirale ließ ihn Richtung Gosse driften, doch seit drei Jahren schlägt er sich auf sanftere Art und Weise durch: Als Verkäufer der Big News, einer New Yorker Straßenzeitung.

Diesen Juli wird Arroyo seine gegenwärtige Unterkunft, das Heim für Armeeveteranen in Queens, mit dem Altstadtpflaster von Graz tauschen, wo er als bulliger Torhüter eines recht ungewöhnlichen Fußballteams gastieren wird: nämlich der ersten international agierenden amerikanischen Homeless-Mannschaft. Allein kommt der starke, schwache Harold dabei freilich nicht. Zweihundert Obdachlose aus achtzehn Ländern werden in der zweiten Juliwoche die Stars einer einzigartigen Weltmeisterschaft sein, die dann am Grazer Hauptplatz und im Renaissancehof des "Paradeisers" eine andere fußballerische Dimension vorstellen wollen: Dribbeln gegen die Abseitsfallen, die das Leben beständig stellt. Der sozialen Ausgrenzung Obdachloser gezielt die Gurke geben. Und dem Leben auf der Straße die rote Karte zeigen. Darauf kommt es den Initiatoren des Homeless-Worldcup im Wesentlichen an. Und vielleicht ein bisschen auf jene Multikulti-Akkorde, dank derer Straßenmusiker aus aller Welt die Grazer Altstadt auch jenseits der Homeless-Matches zum Tanzen bringen möchten.

"Wir standen am Strand und überlegten, wie wir eine internationale Ebene der Kommunikation finden könnten", erinnert sich Harald Schmied von der Grazer Straßenzeitung Megaphon an die Anfänge der nun weltweit zum ersten Mal stattfindenden Obdachlosen-WM. Nebenan kickten südafrikanische Jugendliche im Sand, übten sich im Esperanto der kleinen Zehe, einer weltweit verstandenen Sprache, die der Klientel der vor Ort versammelten Vertreter der insgesamt 60 "streetpapers" durchaus entgegenkam. Spontan entstand so die Idee, eine vom Internationalen Network of Streetpapers, der ISPN, getragene Weltmeisterschaft zu begründen. Graz, die Kulturhauptstadt "die alles darf", bot sich für die Premiere 2003 an, und versammelt nun Obdachlose aus den Häuserschluchten New Yorks und den Favelas von Sao Paulo, aus dem urbanen Dschungel von Madrid, aus der St. Petersburger Gosse und Warschauer Vorstädten um einen Ball. Auch die Weltkugel der Medien rollt dabei recht flott: Mehrere internationale TV-Stationen, von den Niederlanden über Deutschland bis zur BBC haben ihr Kommen angekündigt. Der Blätterwald rauscht von der New York Times über die polnische Newsweek bis zu brasilianischen Sportgazetten, und dazu erfreut sich das Projekt auch noch der Unterstützung durch die UNO, die UEFA bis hin zum Steirischen Fußballverband - um nur einige Protegees zu nennen. Mit Mirek Dembinski konnte sogar ein preisgekrönter Filmemacher für eine Gesamtdokumentation des Homeless Worldcup gewonnen werden.

Die Obdachlosenzeitungen bewegen sich dabei nur ansatzweise auf neuem Fußballterrain. Dass der weltweit beliebteste Ballsport, der von trainierenden Philosophen wie Cesar Menotti lange schon in die politische Dimension des rechten und linken Fußballs unterschieden wird, als Werkzeug sozialer Integration taugt, hatten zuvor bereits andere Organisationen und Einzelkämpfer realisiert. Beispiel England: Bergende Falten im Schoße des ballesterischen Mutterlandes bietet hier die seit Jahren betriebene Streetleague, die erfolgreiche Integrationsarbeit über Fußball leistet - unterstützt von großen Clubs wie Manchester United und Stars wie dem brasilianischen Teamspieler Gilberto Silva von Arsenal London, der einst selbst ein Kind der Favelas war. Fußball wird dabei das Mittel zum Zweck, um mit angeschlossenen Ausbildungs-, Wohnungs- und Integrationsprogrammen Menschen in Krisensituationen neue Chancen zu bieten - wobei die quer durch gesellschaftliche Schichten verlaufende Akzeptanz von originärem Fußball die Umsetzung erleichtert.

Dazu kommen Netzwerke, wie die von Jürgen Klinsmann, dem deutschen Exteamspieler und Vorsitzenden der Stiftung Fußballforschung begründete Plattform streetfootballworld, die mittlerweile eine wichtige Kommunikationsdrehscheibe zwischen Dutzenden Grassroot-Fußball-Organisationen in aller Welt, aber auch zu den Schnittstellen von Fußball, Kunst und (Sozial-)Wissenschaft darstellt. Die über dieses Forum kommunizierten Essays etwa eines PC-Historikers zum Thema Entwicklung von Fußball-Computerspielen, kunsttheoretische Abhandlungen über "Fußball als letztes Gesamtkunstwerk", oder aber sozialwissenschaftliche Untersuchungen über schwindende Lärmakzeptanz und die enger werdenden Räume für Straßenkick in Ländern wie Deutschland, und nicht zuletzt die Präsentation von Kunstprojekten wie jenes des documenta11-Teilnehmers Pascale Marthine Tayou - das sind nur einige der Aspektes eines facettenreichen Bogens jenseits von ManU, Champions League und Starkult. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.6.2003)

Von Robert Haidinger

Info

Homeless Worldcup 7.-13. Juli. Spielorte: Hauptplatz Graz, Paradeishof. Täglich Spiele von 17:00 bis 22:00 Uhr und Rahmenprogramm mit Livemusik aus aller Welt.

Link


streetfootballworld.org

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