"Ich denke immer global"

21. Juni 2003, 00:05
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Den einen gilt er als Retter des heimischen Fußballs, für andere ist er dessen Totengräber: Frank Stronach. Johann Skocek sprach mit dem 71-jährigen Bundesligapräsidenten, Austria-Mäzen und Magna-Eigentümer

Könnten Sie bitte Ihre Gefühle beschreiben, als die Austria im Horr-Stadion gegen den Letzten, SW Bregenz, verlor und anschließend den Meisterteller in Empfang nahm?
Frank Stronach: Im Moment war ich sehr enttäuscht, weil wir sehr schlecht gespielt haben. Das ist nicht die Austria, die ich mir vorstelle. Auf der anderen Seite haben wir mit dem Meistertitel ein erstes Etappenziel auf dem Weg zu den höheren Zielen, die wir uns gesetzt haben, erreicht.

Ist die Qualitätssicherung im Fußball mit der Qualitätssicherung in der Industrie vergleichbar?
Stronach: Nein. Bei Produkten kann ich messen und prüfen, kann Maschinen besser einstellen. Im Fußball kommt es sehr viel auf Kreativität, Ideen und Spielwitz an. Was ich aber im Fußball sehr wohl kann, ist, für die notwendigen Grundlagen zu sorgen: körperliche Fitness, Einstellung, Kampfgeist. Da muss in Österreich noch viel getan werden.

Wird Ihr Engagement und Investment bei der Austria von Magna noch voll akzeptiert oder stimmen die Gerüchte, dass die Shareholders bereits Kritik daran üben?
Stronach: Ja, das Engagement wird akzeptiert; die Gerüchte stimmen nicht.

Was schätzen Sie an einem Mitarbeiter in Ihrer unmittelbaren Umgebung mehr, persönliche Solidarität oder Fachwissen - oder ist dieses Begriffspaar kein Gegensatz? Wenn nicht, wie ergänzen sich diese beiden Begriffe?
Stronach: Das ist überhaupt kein Gegensatz, weshalb sollte ein kompetenter Fachmann nicht solidarisch sein? Ideal ist natürlich beides. Generell schätze ich an engen Mitarbeitern Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit.

In Niederösterreich gehen Gerüchte um, Sie würden Ihr Engagement bei der Austria beenden, sobald die Pferderennbahn samt Kasino in Ebreichsdorf fertig ist. Stimmt das?
Stronach: Nein.

Sie galten schon in Kanada als Künstler in Sachen Lobbyismus, was macht ehemalige österreichische Spitzenpolitiker wie Franz Vranitzky so attraktiv für Sie?
Stronach: Wenn man derartige Persönlichkeiten für sein Unternehmen gewinnen kann, ist das sehr positiv, weil man auf ihre Fähigkeiten, Erfahrung und Reputation zurückgreifen kann.

Streben Sie nach wie vor das Amt des ÖFB-Präsidenten an?
Stronach: Nein, habe ich auch nie angestrebt.

Sie statten die Austria mit viel mehr Geld aus als die Mitbewerber. Überhitzen Sie nicht den Markt? Verzerrt das nicht den Wettbewerb und schwächt auch die Austria, weil sie keinen ernst zu nehmenden Konkurrenten hat?
Stronach: Nein, im Gegenteil. Es wäre für den österreichischen Fußball sehr wichtig, wenn wir einen Verein auf europäisches Niveau bringen könnten. Das belebt den gesamten Fußball, wäre ein Vorbild und würde die anderen mitziehen. Wenn alle nur Mittelmaß sind, können wir uns nicht weiterentwickeln.

Stimmt es, dass Sie gemeinsam mit dem ORF und Casinos Austria (oder Lotto Toto) einen TV-Wettkanal planen?
Stronach: Wir stehen für verschiedene Projekte mit mehreren interessanten und kompetenten Partnern in Gesprächen.

Ziehen Sie diesen Wettkanal dann im Zusammenschluss mit Ihrem US-TV-Wettkanal über die ganze Welt?
Stronach: Ich denke immer global, egal ob in der Automobilindustrie oder im Entertainmentbereich. Magna ist ein Global Player. Ich möchte aber jetzt noch nicht öffentlich über Projekte der Zukunft sprechen, vielleicht gibt es auch andere interessante Möglichkeiten.

Der Sport gilt weltweit als eine der Boom-Branchen, teilen Sie diese Ansicht?
Stronach: Ja, die gesamte Entertainment- und Freizeitindustrie ist eine Boom-Branche. Deshalb engagiere ich mich in diesem Bereich auch so stark.

Sind Sie der Meinung, das Bosman-Urteil habe dem Fußball geschadet oder genützt? Wurden dadurch die Fußballer unangemessen teuer?
Stronach: Die Frage stellt sich jetzt nicht mehr, da das Urteil nun einmal rechtskräftig ist. Wir müssen uns bemühen, das Beste daraus zu machen. Viele Fußballer - und deren Manager - haben keine Relation zu Maß und Ziel und versuchen, aus den Vereinen so viel Geld als möglich herauszuholen. Das mache ich nicht mit und zahle keine horrenden Ablösesummen oder Fixgelder. Außerdem wird diese Entwicklung bald zu Ende sein.

Wie stehen Sie zur Einführung des bereits vom Parlament initiierten Berufssportlergesetzes und einem Kollektivvertrag für Fußballer?
Stronach: Profifußball ist ein Beruf und sollte daher auch - wie allen anderen Berufe - auf einer gesetzlichen Basis beruhen. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, alles kompliziert und bürokratisch zu machen. Ich bin für klare Regelungen, die Rechtssicherheit schaffen.

In den Magna-Werken ist die Tätigkeit des Betriebsrats nicht erwünscht. Wie stehen Sie zur Arbeit der Fußballegewerkschaft?
Stronach: Das ist falsch. Magna bekennt sich zu einer starken Arbeitnehmervertretung und fördert diese auch. Aber die Arbeitnehmervertretung soll auch das tun, wofür sie da und gewählt ist. Wir wehren uns nur dagegen, dass politisch motiviert von außen in unsere Betriebe hineinregiert wird. Das ist auch meine Position zu einer Arbeitnehmervertretung im Fußball.

Halten Sie die Fußballer in Österreich im Vergleich zum Durchschnittseinkommen der Österreicher und im Vergleich zu den Einkommen der Fußballer in anderen Ländern für überbezahlt?
Stronach: Die Gehälter regelt der Markt. Jeder Fußballer wird nur so lange überbezahlt sein, so lange er jemanden findet, der ihm das gewünschte Gehalt zahlt. Ich zahle jedenfalls Gehälter, die marktgerecht sind - auch in unseren Werken.

Halten Sie es für möglich, mit einem Fußballverein in Österreich Geld zu verdienen?
Stronach: Ja, wenn es gelingt, in internationalen Bewerben erfolgreich mitzuspielen. Dann gibt es genügend Einnahmequellen, die von Fanartikeln und Merchandising über Werbung bis zu TV-Rechten reichen.

Geben Sie den Nationalmannschaften eine Zukunft, oder wird sich der Profifußball auf die Vereinsebene zurückziehen?
Stronach: Sie müssen eine Zukunft haben. Es muss für jeden Sportler eine Ehre sein, für sein Land spielen zu dürfen.

Sind die Profifußballer in Zeiten steigender Arbeitslosenzahlen nicht zu sozialem Engagement und Vorbildwirkung verpflichtet?
Stronach: Spitzensportler sind zu jeder Zeit zu sozialem Engagement und Vorbildwirkung, insbesondere für unsere Jugend, verpflichtet. Leider gibt es Sportler, die damit - aus welchen Gründen auch immer - nicht umgehen können. In meiner Fußballakademie in Hollabrunn wird schon in der Ausbildung der jungen Fußballer großer Wert darauf gelegt, dass sie sich später als Profis als Vorbilder verhalten.

Beurteilen Sie Fußballer nach dem selben Schema wie Arbeiter?
Stronach: Ja. Jeder hat seinen Beruf, seine Aufgaben - und diese muss er erfüllen.

Sie mischen sich gerne unter die Fans der Westtribüne, hören Sie auch auf Ihren Rat, beispielsweise in der Trainerfrage?
Stronach: Ich höre mir immer gerne die Meinung der Fans an, weil sie sich mit dem Verein identifizieren. Ich höre mir aber auch Meinungen anderer Interessierter und Experten an. Daraus bilde ich mir dann meine Meinung - denn entscheiden muss ich, da ich auch die Verantwortung trage. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.6.2003)

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    Frank Stronach

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