Intendantenkrämpfe

15. August 2003, 20:59
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Zu Beginn der 60er-Jahre werkte ich als Dramaturg im Grazer Opernhaus. Das hört sich besser an, als es tatsächlich gewesen ist.

So zählte zum Beispiel auch die Öffentlichkeitsarbeit zu meinen Agenden. Innerhalb dieser war ich auch für alles, was auf dem alle 14 Tage wechselnden Plakat stand oder auch nicht stand, verantwortlich.

Gegenwärtig, bei zwei Operetten, die üblicherweise wöchentlich mit Ach und Krach auf dem Spielplan stehen, ist das freilich ein paradiesischer Job.

Damals lagen die Dinge allerdings anders. Da gab es in Opernhaus und Schauspielhaus wöchentlich (mit zwei Nachmittagsterminen zu den Wochenenden) bis zu neun Vorstellungen. Macht 18 in 14 Tagen. Und alle Mitwirkenden mussten auf dem Plakat genannt sein. Ansonsten hatten sie Anspruch auf eine halbe Tagesgage.

Da es immer wieder vorkam, dass bis zur Drucklegung der Plakate noch nicht feststand, wer nun wirklich wann was singt oder spielt, kam es stets zu Fehlern, für die man die Schuld bei mir suchte und auch fand.

Innerhalb dieses bei einem Theaterbetrieb eben unvermeidlichen chaotischen Geschehens ist mir ein Herr in Erinnerung, auf dessen Mitteilungen ich mich stets verlassen konnte.

Es war ein gewisser Jörg Koßdorf, damals noch Architekturstudent und Mitarbeiter der technischen Direktion, der mich über die diversen Abenddienste von Bühne und Technik in Kenntnis setzte. Seine Karriere ist bekannt. Er avancierte zum Ausstattungschef, und seine Bühnenbilder, die er in letzter Zeit für Peter Konwitschny erstellte, stießen auf internationale Anerkennung.

Letztere, aber auch seine profunde Kenntnis des Grazer Bühnenbetriebes mögen den Ausschlag dafür gegeben haben, dass er vom Theaterausschuss nach Karen Stones starkem Abgang für die kommenden zwei Jahre interimistisch mit der Intendanz der Grazer Bühnen betraut wurde.

Da aber seriöse Kenntnis und seriöses Können im Rathaus der europäischen Kulturhauptstadt nicht "in" zu sein scheinen, gibt es bürgermeisterliche Bestrebungen, diesen Beschluss anzufechten und einen Messias aus Wien zu holen.

Auch das wäre für Graz kein Novum. Vor mehr als 30 Jahren ist ein Intendant aus Graz zwar nicht davongelaufen, sondern man hat ihn vielmehr wegen anhaltenden Mangels an künstlerischer Fortune vor Ablauf seines Vertrages abgelöst und gegen den rasch herbeigeholten Assistenten Albert Mosers an der Wiener Volksoper ausgetauscht.

Es handelte sich um Carl Nemeth, an dessen 18-jährige Ära sich so mancher Grazer Theaterfreund heute noch mit Wehmut erinnert.

Was nicht unbedingt bedeuten muss, dass ein jeder, der von auswärts kommt, auch schon ein Glücksbringer sein muss. Und schon gar nicht, dass ein Könner vor Ort nicht gut genug ist. (DER STANDARD, Printausgabe vom 21./22.6.2003)

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