Die unendliche Klaviergeschichte

20. Juni 2003, 19:46
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Rudolf Buchbinders Beethoven-Marathon

Wien - Alle Beethoven-Klavierkonzerte an einem Tag, in der Doppelrolle als Orchesterleiter und Solist, und das Ganze auch noch live im Radio übertragen: aber hallo! Jeder andere würde wohl versterben vor Nervosität, nicht so Rudolf Buchbinder. Mit freudiger Miene ging er im Konzerthaus die Tour de Force an (da sah man ihn schon deutlich knatschiger beginnen), entsprechend dem Charakter des sonnigen zweiten Konzerts.

Überhaupt hatte man das Gefühl, dass es Buchbinder sowieso zehnmal lieber war zu dirigieren, als während der doch sehr stattlichen Orchestereinleitungen untätig herumsitzen zu müssen, weiß man doch, dass das zentrale Merkmal seines künstlerischen Wirkens das hochagile Tätigsein ist. Immer passiert etwas, wird gepusht, geperlt, werden Bögen gespannt, wird forciert und wieder abrupt zurückgenommen.

Mitunter geschieht dann des Drängens zu viel, wie etwa im G-Dur-Konzert: Das Allegro moderato war leider überhaupt gar nicht mehr moderato, auch das etwas inflationär eingesetzte, mitunter ins Dreschflegelhafte kippende Martellato-Spiel (der Steinway wie immer bei Buchbinder knallhart) wollte nicht immer zum Charakter des Stückes passen.

Die Symphoniker begleiteten mit Wärme, Engagement und Kundigkeit, ein etwas voreiliges Pizzicato der tiefen Streicher im Konzert Nr. 4 soll dem vernachlässigbaren Bereich der Minifauxpas subsumiert werden. So verließ man insgesamt belebt und begeistert ob des Buchbinderschen Spielwitzes den Großen Saal, erfuhr beim Abstieg, dass man sich im konzerthausinternen Restaurationsbetrieb an einem "Pas de Deux von Bärlauch und Spargel" plus nachfolgendem "Maibockrücken in der Papillotte" gütlich tun könnte, tat es aber nicht, sondern entschied sich für die kostengünstigere Variante des eigenproduzierten Mittagsmahls.

Scheu und zart

Die Highlights des Nachmittagskonzertes ereigneten sich dann in der außerordentlich präzis wütenden Kadenz des ersten Satzes des C-Dur-Konzerts, auch diese wunderbar rätselhaft-glasigen verminderten Septakkordfolgen dort in der Gegend brachte Buchbinder bezaubernd scheu und zart. Delikatest auch der Beginn des Adagios des fünften Klavierkonzerts, enttäuschend leider der Finalsatz, bei dem sich Buchbinder allzu enthemmt in Grenzhysterismen hineinechauffierte und den bemitleidenswerten Steinway fallweise einer Prügelstrafe unterzog.

Das Konzerthauspublikum - darunter die renommiertesten Wirtschaftskapitäne des Landes - feierte den musikalischen Marathonmann fünf Minuten lang lautstark und stehend, Frau Buchbinder zerdrückte ob der überschäumenden Ovationen an ihren Gatten das eine oder andere Tränchen; Helmuth Lohner gab an ihrer Seite den "elder actorsman" und trug die Sache mit Fassung. (DER STANDARD, Printausgabe vom 21./22.6.2003)

Von
Stefan Ender
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