"Demokratie kann nicht injiziert werden"

23. Juli 2004, 10:48
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In der iranischen Komödie "Secret Ballot" trifft eine Wahlhelferin auf reale Hindernisse im Volk - Regisseur Babak Payami im Interview

Was spricht gegen freie Wahlen? Der Iraner Babak Payami lässt in seiner Komödie "Secret Ballot" eine Wahlhelferin auf eine Reihe ganz realer Hindernisse im Volk treffen. Dominik Kamalzadeh sprach mit dem Regisseur.


Wien - Wie ein Ding aus einer anderen Welt landet die Wahlurne per Fallschirm auf der Insel Kish am Persischen Golf. Dann steigt die Wahlbeauftragte aus dem Boot, und das nächste Erstaunen des Wachpostens am Strand gilt dem Umstand, dass sie weiblich ist. Secret Ballot/Raye Makhfi, der zweite Film des Iraners Babak Payami, besteht aus einer Vielzahl von Begegnungen, in denen Auffassungen aufeinander prallen:

Die junge Frau versucht im Laufe eines Tages möglichst viele Stimmen zu sammeln, muss aber einsehen, dass nicht alle Bewohner von den Vorzügen der "freien" Wahl so überzeugt sind wie sie. Payami, der in Venedig für Secret Ballot den Regiepreis erhielt, gelingt es, auf undidaktische Weise und mit einigem Witz aufzuzeigen, dass Idealismus für Demokratie zu wenig ist: Religion, traditionelle Rollenbilder oder auch einfach Analphabetismus stehen ihr im Weg. Und die Idee, dass sich ein politisches Konzept einem Volk einfach aufzwingen lässt.

STANDARD: "Secret Ballot" ist eine Komödie über Demokratisierungbestrebungen. Wozu verhalf Ihnen der Humor?

Payami: Der komische Unterton des Films war ein Mittel, mich freier über eher sensible Themen ausdrücken zu können. Ich meine damit nicht unbedingt die Situation im Iran, sondern die globale Lage. Der Film hat ja verschiedene Bedeutungsebenen. Da ist dieser ikonoklastische Zugang: Die Objekte und Figuren sind so gehalten, dass sie sich auf unterschiedliche soziopolitische Themen beziehen lassen - wie etwa der Soldat, der sich nicht verändern will und seine eigene Existenz durch einen womöglich gar nicht vorhandenen Feind rechtfertigt.

STANDARD: Der Film verlagert das Geschehen auf eine allegorische Ebene - eine kleine Insel als die ganze Welt?

Payami: Genau, deshalb gibt es Figuren, die verschiedene Sprachen sprechen oder bei denen es keine eindeutigen ethnischen Merkmale gibt. Es hat auch mit der Stilistik des Films zu tun: Oberflächlich läuft er episodisch ab, aber ich wollte erreichen, dass sich die Ebenen überlagern. Die Mise-en-Scène, die Montage, der Ton - alles überlappt sich wie die Wellen eines Ozeans. Der Film hat so viele Aspekte, dass ich mich manchmal wie ein Akrobat am Seil fühlte. Die Komik war ein Mittel, am Seil die Balance zu halten.

STANDARD: Warum bevorzugen Sie betont lange Einstellungen und eher Totalen?

Payami: Einerseits geht es darum, den Zuschauer zu aktivieren: Er wird nicht gelenkt, sondern hat die Freiheit, selbst zu entscheiden, wohin er sehen will. Auf der anderen Seite ist Secret Ballot auch ein Film über Entfremdung und Distanzen: Dafür sind die Totalen signifikant. Alles in diesem Film ist gebaut, eigens konstruiert worden, selbst die Lage bestimmter Steine. Oder der Verlauf der Straßen: Ich fuhr mit meinem Kameramann voraus, und ein Bulldozer folgte uns.

STANDARD: Der Frau gelingt es immer weniger, die Menschen zum Wählen zu bewegen - Ihre Sicht des Demokratisierungsprozesses ist eher skeptisch?

Payami: Der Film hat einige Schlüsselmomente, wenn er institutionalisierte Wahlvorgänge zeigt. Aber denken Sie an Bosnien: Da hat man acht, neun Dollar in eine Stimme investiert. Man wirft ein Stück Papier in eine Schachtel, damit man danach Statistiken hat. Wenn man den Demokratisierungsprozess nicht in der Gesellschaft implementiert, ist er sinnlos. Noam Chomsky hat das einmal die Erschaffung notwendiger Illusionen genannt. Das heißt aber nicht, dass ich prinzipiell pessimistisch bin: Was der Film sagen will, ist, dass es richtig getan werden muss.

STANDARD: Die Demokratisierung muss von den Menschen selbst veranlasst werden?

Payami: Absolut. Sie kann nicht von außen injiziert werden. Denken sie an den Anfang: Ein Flugzeug lässt eine Kiste fallen, in der eine Wahlurne ist. Der Film will nicht das Bedürfnis dieser Menschen nach Veränderung infrage stellen. Aber sie brauchen kein Konzept von Demokratisierung, das mit ihrem Leben wenig gemeinsam hat. Ein gutes Beispiel dafür ist die Involvierung des Westens im Irak: Es gibt dort auch nach Saddams Fall keine Alternativen, das Land wurde in einem viel zu hohen Ausmaß ausgebeutet. Secret Ballot bevorzugt definitiv den Demokratisierungsprozess von innen.

STANDARD: Können Sie in den gegenwärtigen Demonstrationen im Iran einen solchen Prozess erkennen?

Payami: Ich will nicht voreilig sein zu beurteilen, was dieser Studentenaufstand bewirken könnte. An sich sind solche Demonstrationen nichts Neues. Der Iran hat eine sehr lebendige Gesellschaft, es ist ein multinationales Land. Über 50 Prozent der Bevölkerung sind unter 30. Nicht zuletzt dadurch wird sich diese Gesellschaft ständig weiterverändern. Was jetzt passiert, ist, dass die jüngste Generation ihre Anliegen in die Öffentlichkeit trägt. Man sollte diese Entwicklung jedoch nicht politisieren. Man müsste eher eine soziopolitische Analyse versuchen - sie würde der gegenwärtigen Situation besser entsprechen.

STANDARD: Große Hoffnung liegt auf den Frauen - Ihr Film zeigt diesen Gender-Aspekt sehr genau.

Payami: Trotz aller Restriktionen unternehmen iranische Frauen beständig den Versuch, ihren Beitrag zur Gesellschaft auszuweiten und die Hindernissen zu überwinden. Im Film ist ihre aktive Rolle offensichtlich, nicht nur in der Wahlagentin, auch in der Frau, die vor einer Zwangsehe flüchtet. Aber auch hier ist er nicht eindimensional, es gibt eben auch andere Beispiele. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.6.2003)

Zur Person

Der iranische Regisseur Babak Payami wurde 1966 im Iran geboren. Er wuchs in Afghanistan auf und studierte an der University of Toronto in Kanada Cinema Studies. 1998 kehrte er in seine Heimat zurück, um dort seinen ersten Film, One More Day, zu drehen, der sich mit dem Geschlechterverhältnis in einer autoritären Gesellschaft auseinander setzt. (kam)

Links

secret-ballot.com

Filmladen Verleih

  • Eine Wahlhelferin irrt durch karge Landschaften auf der Suche nach Wählern: Babak Payamis prämierte Komödie "Secret Ballot" zeigt die surreale Seite der Demokratie.
    foto: filmladen

    Eine Wahlhelferin irrt durch karge Landschaften auf der Suche nach Wählern: Babak Payamis prämierte Komödie "Secret Ballot" zeigt die surreale Seite der Demokratie.

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    foto: filmladen
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